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Upgrade | 15.03.2022

Tourismus Impulse zum Thema Nachhaltigkeit

Wir waren im Gespräch mit Elisabeth Larcher, Johann Heim und Hans Entner.

#1 Handarbeit

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Elisabeth Larcher ist seit 2015 Geschäftsführerin des Familienunternehmens "Alpine Naturprodukte" ©Daniel Zangerl

Nachhaltigkeit ist schon seit Jahren das Gebot der Stunde. Wie viel hat sich auf diesem Gebiet tatsächlich getan? 
Ich denke, es hat sich einiges getan - aber es braucht auch einen zweiten Blick. Viele bezeichnen sich als nachhaltig und überzeugen durch gute PR, bei genauerem Hinsehen ist aber vieles davon "Greenwashing". Transparanz, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sich selbst, dem eigenen Unternehmen und den Kund:innen gegenüber ist unabdingbar. Es braucht sicherlich auch ein verändertes Bewusstsein in Bezug auf die Preisgestaltung. Regionale Produkte von hoher Qualität, die in liebevoller Handarbeit produziert und hochwertig verpackt werden, können nun einmal nicht zu einem Diskontenpreis angeboten werden. Das gilt insbesondere in der aktuellen Situation, wo vonseiten der Partner:innen und Lieferant:innen nahezu tägliche Preiserhöhungen angekündigt werden. "Die Welt zu retten kostet eben etwas", wie mein Mann zu sagen pflegt. 

Beim Nachhaltigkeitsbegriff denken viele an Produkt- und Ressourcenkreisläufe. Welche anderen Aspekte werden Ihrer Meinung nach zu wenig beachtet?
Ich denke hier beispielsweise an die Mehrfachnutzung bestimmter Ressourcen oder an den Faktor Saisonalität - es muss nicht immer alles geben. Hier ist es sehr hilfreich, Synergien zu nutzen und sich mit regionalen, innovativen Partner:innen zusammenzuschließen. Wir greifen beispielsweise auf Druckereien sowie Karton- und Gebindehändler:innen aus der Umgebung zurück. Wo es geht, lassen wir die Gebinde reinigen und verwenden sie erneut. Wir nutzen recyceltes PET und bieten Nachfüllpackungen an. Verpackungsmaterial aus Karton oder Altpapier verwenden wir als Füllmaterial wieder. Bei unseren Zirbenprodukten legen wir Wert darauf, nicht nur bestimmte Teile des Baumes zu verwerten, sondern auch die Äste, die Nadeln und den Stamm. Weil unsere Produkte vor Ort geerntet, veredelt, abgefüllt und verpackt werden, sind die Leiferwege kurz. Die Chargen sind klein, dafür werden die Produkte regelmäßig und frisch nachproduziert. Unsere Kissen werden vor Ort genäht, gefüllt und verpackt, wodurch wir Arbeitsplätze in unserer Umgebung schaffen und zur Kreislaufwirtschaft beitragen.

Wie lassen sich Nachhaltigkeit und Regionalität mit aktuellen globalisierten Konsumgewohnheiten in Einklang bringen?
Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, sich wieder auf regionale und nachhaltige Produkte zu konzentrieren. Lange Lieferwege und -schwierigkeiten, Engpässe und die Abhängigkeit von anderen Ländern sollten uns genug Anlass zum Nachdenken geben. Nutzen wir doch lieber die Synergien in unserem eigenen Land, das so viele tolle, innovative Firmen beheimatet.

Wie gelingt es, Mitarbeiter:innen für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren?
Ich bin der Ansicht, dass wenn Nachhaltigkeit wirklich gelebt wird, können auch Mitarbeiter:innen davon überzeugt wwerden. Das eigene Team sollte in verschiedene Entwicklungsbereiche eingegliedert werden, denn jede Idee zählt. Wir lassen ein neues Produkt immer erst intern testen und besprechen dann gemeinsam, ob es marktfähig ist.

 

#2 Act locally

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Johann Heim ist Eigentümer des Hotels Alphof in Alpbach © Wiesenhof

Nachhaltigkeit ist schon seit mehreren Jahren das Gebot der Stunde. Wie viel hat sich auf diesem Gebiet tatsächlich getan?
Nachhaltigkeit im Alpbachtal schon lange ein wichtiges Thema. Als eine der ersten Kongressdestinationen erhielten wir die Green Meeting-Zertifizierung. Dies war dann schon vor Jahren dann auch der „Auftrag“ und Ansporn für die Partner sprich Beherberger ihre Hausaufgaben in puncto Nachhaltigkeit zu erledigen. Viele Alpbacher Betriebe tragen inzwischen das Österreichische Umweltzeichen, seit 2021 auch unser Familienbetrieb, der Alphof. Natürlich haben wir dafür zahlreiche Investitionen getätigt sowie interne Abläufe und Gewohnheiten umgestellt und verändert. Nachhaltigkeit ist ein dynamischer Prozess: Wir haben bereits viel umgesetzt, aber bei weitem noch nicht alles - daher schärfen wir immer wieder nach. Nachhaltigkeit betrifft aber nicht nur einzelne Betriebe, sondern die gesamte Region. Der Alpbacher Tourusmusverband setzt sich mit viel Engagement für nachhaltige Initiativen ein, gibt wertvolle Impulse und hat schon einige spannende Projekte umgesetzt.

Beim Nachhaltigkeitsbegriff denken viele an Produkt- & Ressourcenkreisläufe. Welche anderen Aspekte werden Ihrer Meinung nach zu wenig beachtet?
Ein Urlaub besteht im Grunde aus drei Komponenten: der Anreise, der Unterkunft und dem Urlaubs- & Aktivangebot vor Ort. Bei der Anreise stehen wir vor dem Problem, dass kleine Seitentäler nicht an die Hauptbahnstrecken angebunden sind. Vor Ort ist die Herausforderung, dass die Gäste die Urlaubsregion mobil und flexibel genießen möchten. Hier kommt nachhaltige Mobilität im Urlaubsort ins Spiel, welche oftmals sogar ein wesentliches Buchungsargument darstellt. Aber auch Großhändler:innen und Lieferant:innen sind gefordert, denn nachhaltige Produkte sollten eben jederzeit und bequem verfügbar sein. In puncto Urlaubs- und Aktivangebot haben sich speziell unserer Ferienregion Alpbachtal engagierte Akteur:innen herauskristallisiert. Eine nachhaltige Ausschöpfung des Urlaubsortes ist sicherlich nur im Zusammenspiel der wichtigsten Partner:innen in der Destination möglich. Auch hier bin ich sehr froh, dass bei uns die Kooperation zwischen Alpbacher Bergbahnen, Beherberungsbetrieben, Landwirtschaft, TVB, VVT und den Gemeinden sehr gut und zielorientiert funktioniert.

Wie lassen sich Nachhaltigkeit und Regionalität mit aktuellen globalisierten Konsumgewohnheiten in Einklang zu bringen?
"Think globally, act locally": Das Konsumverhalten mancher Gäste wird man nicht ändern können. Aber wir können unseren Teil dazu beitragen. Jeder Betrieb versucht, die Wertschöpfung in der Region zu halten. Wenn es uns gelingt, die hervorragenden regionalen Produkte mit dem passenden "Mascherl" zu versehen, werden wir Nachhaltigkeit und Regionalität mit den globalisierten Konsumgewohnheiten in Einklang bringen können.

Wie gelingt es, Mitarbeiter:innen für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibiliseren?
Ich glaube, dafür braucht es gar nicht viel. Wer sich dazu entschieden hat, in unseren ländlichen Regionen zu arbeiten, schätzt die wunderbare Bergwelt und Umgebung. Natürlich muss die betriebsinterne Kommunikation funktionieren: Es braucht klare Ziele, die nach außen getragen werden, aber es ist genauso wichtig, Erreichtes zu kommunizieren und sichtbar zu machen. Wie schon gesagt: Nachhaltigkeit ist ein dynamischer, fortlaufender Prozess - und es ist wichtig, Mitarbeiter:innen auf diesem Weg mitzunehmen.

 

#3 Auf Augenhöhe

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© Congress Centrum Alpbach

Nachhaltigkeit ist schon seit Jahren das Gebot der Stunde. Wie viel hat sich auf disem Gebiet tatsächlich getan?
Das Wort "Nachhaltigkeit" wird inzwischen schwer strapaziert und hat ja fast schon einen inflationären Charakter. Vorrangig wird dabei an Dinge wie Plastikvermeidung, Abfallreduktion und die Verwendung regionaler Produkte gedacht. Das hat bis zur Coronakrise auch ganz gut funktioniert. Gerade in den ersten beiden Punkten haben wir aber durch die nie da gewesene Paketflut einen enormen Rückschlag erlebt, es gibt Plastikverpackungen ohne Ende und die Abfälle steigen enorm. Andererseits hat sich die Entdeckung der regionalen Produzent:innen positiv entwickelt: In fast jedem Ort sind Hofläden entstanden und die enge Verbindung von Tourismus und heimischer Landwirtschaft ist mit unmissverständlicher Deutlichkeit präsent geworden.

Beim Nachhaltigkeitsbegriff denken viele an Produkt- und Ressourcenkreisläufe. Welche anderen Aspekte werden Ihrer Meinung nach zu wenig beachtet?
Natürlich hat Nachhaltigkeit mehr Dimensionen als nur die Ökologie, trotzdem sind alle Faktoren miteinander verbunden. Besonders hervorzuheben sind aus meiner Sicht die soziale und die ökonomische Nachhaltigkeit. Unter sozialer Nachhaltigkeit verstehe ich zum Beispiel die bewusste Verbindung von Arbeits- und Lebensraum - so, wie wir es mit unserem Projekt, JOB-LIVE-ACHENSEE entwickeln: kurze Arbeitswege, durch passende Wohnraumschaffung, Mitnutzung der touristischen Infrastruktur, Integration ins Dorf- und Vereinsleben  - das schafft Lebensqualität, eine lanfgfristige Bindung und geht nahtlos in die ökonomische Komponente über. Junge Menschen müssen in der Praktikums- & Ausbildungszeit auf Augenhöhe behandelt werden, für den Beruf begeistert und nicht als günstige Arbeitskräfte "verheizt" werden. Man sollte jeden Menschen behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Und diese "Geiz ist Geil"-Mentalität ablegen. Das Rückbesinnen auf alte Werte ist viel wichtiger. Mein Vater hat mich gelernt, dass ein gutes Geschäft nur dann gut ist, wenn es für beide Seiten passt. Anderes ausgedrückt: Man sollte kein Geschäft auf Kosten anderer machen - das ist für mich der Inbegriff ökonomischer Nachhaltigkeit.

Wie lassen sich Nachhaltigkeit und Regionalität mit aktuellen globalisieretn Konsumgewohnheiten in Einklang bringen?
Gar nicht - da werden wir unsere Gewohnheiten und Wirtschaftssysteme ändern müssen. Solange wir in Tirol Steine aus China kaufen und Europa Milchprodukte so billig nach Afrika liefert, dass es für den:die Landwirt:in in Kenia günstiger ist, holländische Trockenmilch zu kaufen, anstatt die eigene Kuh zu halten, sind wir auf dem Holzweg. Die wachsende Bürokratie und der Förderungsdschungel verstärken diese Entwicklung. Ich denke, den stärksten Impuls können wir als Konsument:innen, Unternehmer:innen und vor allem Bewohner:innen dieses wunderbaren Landes setzen - der Druck entsteht von unten nach oben, alles andere empfinde ich als Sozialromantik.

Wie gelingt es, Mitarbeiter:innen für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren?
Auch wenn mir bewusst ist, dass das eine Sisyphusausgebae ist: selbst vorleben und erklären, warum man etwas macht oder will, und nicht müde werden, immer wieder von vorne anzufangen.