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People | 04.06.2018

Von sozialen Normen & unerfüllten Träumen

Warum Leben am Land mehr ist als duftende Wiesen und glückliche Kühe, erzählt Alina Herbing im Interview mit der TIROLERIN.

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(© Thomas Böhm)

In ihrem Buch „Niemand ist bei den Kälbern“ beschreibt Alina Herbing das Landleben schonungslos und ehrlich. Christin, die Hauptfigur, ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen und führt eine Beziehung mit dem Großbauern Jan, die von Gewalt und Kontrolle geprägt ist. Sie sehnt sich danach auszubrechen. „Das Leben besteht doch nicht nur aus Kühen“, ist sich die junge Frau sicher und schreckt in ihrem Versuch, endlich etwas zu ändern, auch nicht vor Lügen und Betrug zurück. Im Rahmen der Aktion „Innsbruck liest“ wurden in der Tiroler Landeshauptstadt 10.000 Exemplare des Debüts von Alina Herbing verteilt. Wir trafen die Autorin zu einem Gespräch.

TIROLERIN: Woher kam die Idee zu dem Buch?
Alina Herbing: Ich habe schon vorher Erzählungen geschrieben, in denen es um Menschen ging, die auf dem Land leben. Eine davon, der jetzige Beginn des Romans, wollte ich dann weiterschreiben. Die Figuren waren so interessant, dass ich noch mehr von ihnen erzählen wollte.

Das Landleben wird ja häufig romantisiert und oft übertrieben idyllisch dargestellt. Warum?
Das Landleben als Idylle hat eine lange Tradition und damit auch eine wichtige Funktion als Ort des Rückzugs und der Entschleunigung. Wenn Menschen Urlaub auf dem Land machen, sei es für einen Tag oder eine Woche, möchten sie sich in der Regel der Illusion hingeben, dass dort alles schön und naturbelassen ist, dass sie an einem Ort sind, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Die Vorstellung von glücklichen Kühen und grünen Wiesen ist viel entspannender, als sich mit Geschlechterrollen, Alkoholkonsum und finanziellen Sorgen auseinandersetzen zu müssen.

Warum haben Sie bewusst ein gegenteiliges Bild gezeichnet?
Es ging mir gar nicht so sehr um das Gegenteil. In meinem Roman gibt es auch duftende Felder und zwitschernde Vögel, aber eben nicht nur. Es wäre ein sehr langweiliges Buch geworden, wenn ich nur von Schönheit und Harmonie erzählt hätte. Ich wollte das Bild erweitern, auch von unglücklichen Menschen erzählen und von den Überlebenskämpfen des Alltags, von sozialen Normen und unerfüllten Träumen. Einiges davon ist sicherlich überzeichnet, was auch ästhetischen Aspekten geschuldet ist.

 

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(© Thomas Böhm)

Sie sind selbst in einem kleinen Ort aufgewachsen. Wie haben Sie persönlich das Landleben in Erinnerung?
Ich bin mit sieben Jahren mit meinen Eltern und meinen Geschwistern aufs Land gezogen. Das Leben so nah an der Natur habe ich immer genossen, aber es war auch schwierig, mit den Werten umzugehen, mit denen wir dort konfrontiert waren. Die freie, tolerante und eher unkonventionelle Lebensweise, die mir meine Eltern vermittelt hatten, wurde dort eher abgelehnt. Dafür waren andere Dinge akzeptiert. Irgendwann habe ich mich sehr nach Menschen gesehnt, die mir ähnlichere Werte und Lebensvorstellungen haben.

Gibt es weitere Parallelen zwischen Ihnen und der Hauptfigur?
Christin ist von ihrem familiären Kontext ganz anders als ich. Gerade das habe ich beim Schreiben als Herausforderung, aber auch als einen besonderen Reiz empfunden. Ich habe immer wieder versucht, mich in sie hineinzudenken, und dabei gemerkt, dass ein paar Aspekte von ihr auch in mir sind. Zum Beispiel die Sozialisation als Frau und die Konfrontation mit den Erwartungen, die damit zusammenhängen. Wir sind in einer ähnlichen sozialen Ordnung aufgewachsen, nur konnte ich mich davon schneller und stärker befreien.

In ihrem Buch kämpft jede der Figuren mit Problemen, die Sie schonungslos schildern. Warum haben Sie sich für ein so umfassend tristes Bild entschieden?
Ich sehe das Buch gar nicht so trist. Auch die Figuren weinen nicht die ganze Zeit, sie resignieren nicht, sondern versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen, auch wenn die Voraussetzungen nicht die einfachsten sind. Um Christin verstehen zu können, musste ich auch einen Einblick in ihre Lebensumstände geben. Das, was ich aus ihrer Perspektive schildere, sind Dinge, die mir auf dem Land immer wieder in ähnlicher Form begegnet sind.

Sie leben mittlerweile in Berlin. Würden Sie sich selbst eher als Land- oder Stadtmensch bezeichnen?
Das frage ich mich selbst auch immer. Wenn ich in Berlin bin, fehlt mir oft die Natur und ich bin überfordert von der Lautstärke und all den Menschen. Wenn ich auf dem Land bin, kommt es aber vor, dass ich mich einsam fühle und mir die Annehmlichkeiten fehlen, die man in der Stadt nun mal hat. Geschäfte, die die ganze Nacht offen haben, Züge, die ständig irgendwo hinfahren, und all die kulturellen Angebote. Eine Balance zwischen beidem halte ich für ideal.

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„Niemand ist bei den Kälbern“ wurde heuer im Rahmen der Aktion „Innsbruck liest“ in Innsbruck verteilt. (von Alina Herbing, Arche Literatur Verlag, ISBN: 978-3716040089)