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People | 11.06.2018

Unheilbar, aber glücklich

Nach zehn Jahren haben sich Claudia Altmann-Pospischek und Ehemann Peter erneut das „Ja“-Wort gegeben. „Bis dass der Tod uns scheidet“ ... Claudia leidet an Krebs, unheilbarem Brustkrebs. In look! schreibt sie über Liebe und Endlichkeit.

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© Albert Chernogorov

Claudia, take you, Peter, to be my lawfully wedded husband, to have and to hold from this day forward – for better, for worse, for richer, for poorer, in sickness and in health, until death do us part“, lautete das Versprechen, das wir uns kürzlich zum zehnjährigen Hochzeitsjubiläum in crazy Las Vegas noch mal gaben. Wobei die Worte „in Gesundheit wie in Krankheit – bis dass der Tod uns scheidet“ gerade für uns eine ungemein tiefe, emotionale Bedeutung hatten. Begleitet wurden sie von so manchem Tränchen, das über die Wange lief. ­Warum? Weil mich eine Krankheit, die bei mir vor fünf Jahren diagnostiziert wurde, viel zu früh mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert hatte: fortgeschrittener Brustkrebs – unheilbar, ­unberechenbar, unerbittlich.


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In guten wie in schlechten Zeiten. Das haben sich Claudia Altmann-Pospischek und Ehemann Peter vor zehn Jahren versprochen. © Steve&Alison, Elmcroft Studios

„Bis dass der Tod ...“ So standen wir also in der kleinen, kitschig dekorierten Graceland Wedding Chapel und ließen unseren Gefühlen freien Lauf, ehe der falsche Elvis mit hochgezogener Lippe ein fröhliches „Always on my mind“ anstimmte. Nicht so energiegeladen wie das 80s-Cover meiner Lieblingsband, der Pet Shop Boys, aber eine bleibende akustische Erinnerung. Dieser Sprung zwischen Betroffenheit und Glück entspricht der rasanten Achterbahnfahrt, auf der ich mich seit 2013 befinde. Mal herrscht Verzweiflung über ein schlechtes Untersuchungsergebnis, mal Freude über eine erfolgreiche Therapie; mal macht sich Angst vor der nächsten Operation breit, mal Erleichterung angesichts eines stabilen Befundes. Life is a rollercoaster.


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Jetzt, nach der Diagnose „Unheilbar“, haben sie das Versprechen wiederholt. © Albert Chernogorov

Brustkrebs betrifft uns beide. Während all dieser Berg- und Talfahrten hatte ich mit Peter stets einen Partner an meiner Seite, der mich unterstützte, mich tröstete, mich trotzdem liebte. So wie er es versprochen hatte: auch mit wenig attraktiver Glatze, grässlichen Schmerzen und schwierigen Stimmungsschwankungen. Eine unheilbare, chronische Brustkrebserkrankung trifft nicht nur uns Frauen, sondern auch unsere Partner und die Familie mit voller Wucht. Umso beeindruckender, dass Peter erneut und aus vollster Überzeugung „Ja“ zu mir sagte – wissend, was auf uns zukommen wird. Die Diagnose „metastasierter Brustkrebs“ fühlte sich an, als würde man ins tiefe, eiskalte Wasser gestoßen werden. Plötzlich und völlig unerwartet. Ohne jeglichen Rettungsring. Mit Ängsten und Sorgen, die wie Blei an den Beinen lasten. Schwimmen oder untergehen? Andere Alternativen eröffneten sich einfach nicht – so sehr man auch danach suchte. Ich habe mich dazu entschlossen, alles zu tun, um den Kopf über Wasser zu halten und voranzukommen. Die Liste der Therapien, die bereits hinter mir liegen, ist eine lange: Brust-OP, Chemotherapien, Bestrahlung, Antihormon- und Antikörpertherapie, 3 Leber-OPs, Knochenaufbauspritze usw. Nichts davon war ein „Spaziergang“ – Nebenwirkungen inklusive. Es gab gute wie schlechte Tage – genauso wie es die Standesbeamtin treffend beschrieb. Peter und ich lächelten uns in diesem Moment vor dem Altar wissend an und vergessen waren all die Strapazen – dieser Augenblick gehörte nur uns allein.

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Gemeinsamer Lebensweg ... © Albert Chernogorov

Neuer Fokus als Brustkrebsaktivistin. Es mag seltsam klingen, aber ich schaue auf die letzten fünf Krankheitsjahre durchaus auch mit einer gewissen Dankbarkeit zurück. So habe ich mich weiterentwickelt, meinen Fokus verändert und als Brustkrebsaktivistin eine neue, erfüllende Aufgabe gefunden; habe wertvolle Erfahrungen machen und tolle Menschen kennenlernen dürfen. Und auch im ödesten, beschwerlichsten Krebsalltag dominierte stets eines: meine unbändige Lebensfreude. Diese trug bestimmt maßgeblich dazu bei, meine prognostizierte Durchschnittsüberlebenszeit von zwei Jahren weitaus zu übertreffen. Klar ist ohnehin: Es geht nicht in erster Linie um Quantität, sondern um Qualität – was das Leben betrifft. „Every day is an adventure“, erinnert ein Fähnchen in ­unserem Vorzimmer an die täglichen kleinen Abenteuer. Yes, that’s right! Mein Leben hat ungeahnte Wendungen genommen. Wer hätte gedacht, dass ich mich mal für Brustkrebsbelange starkmachen und zur Vorsorge aufrufen würde? Zudem möchte ich als Gesicht und Stimme einer Krankheit wahrgenommen werden. Um letzterem Kraft und Ausdruck zu verleihen, schreibe ich täglich in meinem Blog (facebook.com/claudiascancerchallenge) und arbeite an meinem Buch mit dem Arbeitstitel: „Unheilbar, aber glücklich“. Dieser trifft es auf den Punkt: Ja, ich bin trotz sämtlicher gesundheitlicher Widrigkeiten ein glücklicher Mensch. Und Ereignisse wie unsere Hochzeit lassen mich noch ein wenig mehr strahlen.

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"Bis dass der Tod uns scheidet“ hat für uns eine ungemein tiefe, emotionale Bedeutung. Wir sagten „Ja“, wissend, was auf uns zukommt ..." - Claudia Altmann-Pospischek © Albert Chernogorov

Collect memories, not things!, lautet unsere Devise. Genauso gestalten Peter und ich unsere gemeinsame Zeit. Wann immer möglich, reisen wir – unser größtes Hobby. Am liebsten in meine Herzensheimat England, in der wir 2008 zum ersten Mal geheiratet haben – damals in meiner Lieblingsfarbe Türkis. Nun wurde es eine Kombination aus traditionellem Weiß und der Brustkrebsfarbe Pink – um die Bedeutung von Pink Ribbon zu betonen. Unser Hochzeits-Trip in die USA war übrigens die allererste Überseereise seit der Diagnose – ein völlig unbedeutender Schritt für die Menschheit, aber ein bemerkenswerter Etappensieg für uns. Möge es derer noch viele weitere geben.

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Brustkrebs betrifft uns beide, sagt Claudia Altmann-Pospischek, die seit fünf Jahren gegen den Feind im Körper kämpft. „Der Krebs ist mein Beifahrer.“ © Albert Chernogorov

Text: Claudia Altmann-Pospischek