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People | 24.05.2018

„So, wie du bist, bist du gut genug“

Als EU-Jugendbotschafter und Keynote-Speaker ist Ali Mahlodji weltweit unterwegs. Mit uns spricht er über Neugier, Perspektiven und warum es sich lohnt, Fehler zu machen.

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100 PROZENT MOTIVATION. Ali Mahlodji ist EU-Jugendbotschafter und internationaler Keynote-Speaker. (Foto: Martina Draper)

Ali Mahlodji setzt sich für  Jugendliche ein, die statistisch gesehen kaum eine Chance haben – ein Thema, das für ihn nicht völlig fremd ist: Mit zwei Jahren kam der gebürtige Iraner als Flüchtling mit seinen Eltern nach Österreich, er brach die Schule ab und war in 40 verschiedenen Jobs tätig, bevor er 2011 die Online-Plattform „whatchado“ gründete. Dort erzählen  Menschen aus der ganzen Welt – vom Präsidenten bis zum Nachbarn von nebenan – in Videointerviews, wer sie sind und was sie machen. 2013 wurde Mahlodji zum EU-Jugendbotschafter ernannt, heute hält er Keynotes auf der ganzen Welt.  Sein Motto: den Menschen auf Augenhöhe begegnen und ihnen klarmachen, dass nur sie selbst für ihre Zukunft verantwortlich sind. Wir haben den charismatischen 36-Jährigen zum Interview getroffen.

TIROLERIN: Die Jugend von heute muss viel Kritik einstecken. Berechtigt?
Ali Mahlodji: Zur Zeit unserer Großeltern war klar: Wer sich anstrengt, wird belohnt. Damals, vor 40 Jahren, wusste man, wer brav nach der Schule zu bestimmten Unternehmen geht und dort tut, was man ihm sagt, geht bei dieser Firma auch in Rente. Jemand, der heute in Österreich die Schule abschließt, hat bis zum Eintritt in die Pension oft zehn verschiedene Anstellungsverhältnisse. Das hat nichts damit zu tun, dass Arbeitnehmer heute fauler sind – die Wirtschaft hat sich verändert. Auch große Unternehmen können nicht mehr garantieren, dass du in zehn Jahren noch einen fixen Job hast. Früher wussten die Menschen, dass sie sich in der Pension zurücklehnen und das Leben genießen können. Auch wenn die heutigen Jugendlichen später eine Pension bekommen, wird das nicht mehr in derselben Höhe und Art der Fall sein. Dazu muss man sich nur das europaweite Pensionssystem genau ansehen. Es fehlen also zwei große Sicherheitsmechanismen der alten Welt: der sichere Arbeitsplatz sowie der Staat, der für dich übernimmt. Der größte Kritikpunkt für mich ist, dass die Erwachsenen, ich eingeschlossen, glauben, dass wir aufgrund unserer Vergangenheit den Jugendlichen sagen können, wie die Zukunft aussieht. Das ist Nonsens. Ich arbeite viel im Bildungsbereich und merke, wenn man den Erwachsenen vor Augen führt, wie die Ängste und Sicherheitsmechanismen der heutigen Welt aussehen, hören Diskussion und Kritik sofort auf.

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(Foto: Ali Mahlodji)

Wo liegen die Hauptprobleme?
Niemand kennt sich auf dem Arbeitsmarkt, der sich heute den Jugendlichen bietet, wirklich aus. Es gibt aktuell 100.000 Jobtitel, aber kaum ein Erwachsener kennt mehr als 20. Die Hälfte der Jobs gab es vor zehn Jahren noch nicht und 65 Prozent der Jobs, die wir in zehn Jahren ausführen werden, gibt es heute noch nicht. Wenn man vor 40 Jahren jemanden fragte, wo er oder sie in zehn Jahren stehen wolle, konnten es die meisten genau sagen. Wenn du heute ein Kind fragst: „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“, werden es viele nicht wissen und haben damit absolut recht, denn ihren Job gibt es wahrscheinlich noch nicht. Trotzdem wollen wir den Kindern sagen, was sie machen sollen. Wir verstehen nicht, dass die Welt sich verändert hat und wie die neuen Paradigmen und Sicherheitsmechanismen aussehen werden. In der Sekunde, in der Erwachsene dies bemerken und sich Zahlen, Daten, Fakten anschauen, wird ihnen klar, Jugendliche brauchen eigentlich nur Orientierung, das Gefühl, dass sie gut genug sind, so, wie sie sind.

Wie kann man den Jugendlichen Orientierung bieten?
Als ich 14 war, riet man mir, in der Finanzbranche zu arbeiten, denn dort würde es immer Jobs geben. Als die Finanzkrise eintraf, mussten sich die Experten eingestehen, dass dies eine Illusion, eine Enttäuschung war. Doch das Schöne bei Enttäuschungen ist, dass es das Ende einer Täuschung ist. Das Einzige, was wir tun können, ist zu verstehen, dass der Mensch in der veränderten Welt die einzige Konstante ist. Er muss seiner selbst sicher sein, seine Potenziale kennen, aber auch wissen, dass er die Sicherheit bei sich selbst suchen muss, indem er seinen eigenen Interessen folgt.

Wie können wir uns motivieren?
Ich arbeite oft an Schulen, an denen es heißt, die Jugendlichen wollen nicht, sie interessiert gar nichts. Wenn ich dann mit den Schülern arbeite, merke ich schnell, es gibt keinen Jugendlichen, den nichts interessiert, nur Menschen, die das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Alle Menschen haben ihre Muttersprache aus dem Nichts heraus gelernt. Eine Sprache zu erlernen, ist besonders schwierig und ist uns allen trotzdem gelungen, weil wir neugierig waren, weil wir uns verständigen wollten. Niemand sagte zu uns: „Deine Freunde können schon Babysprache: Bist du so dumm oder warum kannst du das nicht?“  Ähnlich ist es, wenn wir lernen zu laufen. Auch das haben wir erlernt und sind dabei hundertmal hingefallen. Trotzdem wirst du kein Kind finden, das nach dem zehnten Versuch sagt: „Ich bin zu blöd, bin nicht lernfähig und gebe auf.“ Wenn das Kind zum ersten Mal versucht aufzustehen, dann, weil es Teil der Gesellschaft sein möchte. Natürlich fällt es hin, macht Fehler, aber das Gehirn weiß nicht, dass dies Fehler sind. Die verrücktesten Dinge können wir lernen, solange uns niemand fragt: „Warum schaffst du das nicht?“ Später kommen wir in die Schule und lernen, dass man erst gut genug für diese Welt ist, wenn man null Fehler macht. Hätten wir als Baby null Fehler gemacht, könnten wir heute nicht laufen oder sprechen.

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Foto: Ali Mahlodji

Muss sich nur das Bildungssystem anpassen oder auch die Gesellschaft?
Es gibt in Afrika einen Spruch: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Du kannst die besten Eltern der Welt haben oder du hast Pech und wächst in einem Umfeld auf, in dem du schon statistisch gesehen kaum Chancen hast. Natürlich müssen wir auch durch die Hände von Lehrern. Was wir aber oft vergessen: Wir Menschen sind immer der Durchschnitt der Personen, die uns umgeben. Wenn es um Jugendliche geht: Wichtig ist, ihnen das Gefühl zu geben, sie sind gut genug, so, wie sie sind. Dem Kind auf Augenhöhe entgegentreten und ihm sagen: Das ist dein Leben. Wir als Eltern und Lehrer sind da, aber in ein paar Jahren musst du auf eigenen Füßen stehen und du wirst eines Tages wählen dürfen, Eltern sein, ein Vorbild sein – wer willst du sein?

Sie haben Ihr Unternehmen „whatchado“ gegründet, um  ein Handbuch verschiedener Lebensgeschichten zu erstellen. Macht es denn Sinn, sich an den Lebensgeschichten anderer zu orientieren?
Das Schöne ist, egal, welchen Job du bei uns eingibst, du merkst bald, dass jeder ein anderes Leben lebt und einen anderen Werdegang hat, auch wenn er heute denselben Job ausübt. Was Kinder bei uns lernen, ist, dass es den einen Weg nicht gibt und jeder seine eigene Geschichte schreibt. Die Zufälle des Lebens und wie wir damit umgegangen sind, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Was hindert Menschen daran, ihren eigenen Weg zu finden?
Wir haben das Privileg, dass es uns sehr gut geht. Wenn du dir die Hand brichst, gehst du ins Krankenhaus und das Schlimmste, das passiert, sind Wartezeiten. Wenn man arbeitslos wird, hilft der Staat, zumindest für die erste Zeit, finanziell aus. Wir haben nicht viel zu verlieren, aber trauen uns trotzdem oft nicht und denken: „Unser Job nervt zwar, aber das Weihnachtsgeld ist toll. Wer weiß, ob wir einen neuen Job finden, und die Suche ist auch anstrengend.“

Wie lautet die wichtigste Botschaft, die Sie der Jugend mitgeben möchten?
Wenn wir eine bessere Zukunft wollen für uns selbst, für unsere Welt, unsere Familien oder unseren Job, dann müssen wir verstehen, dass wir diese Zukunft sind und niemand anderer. Wir dürfen nicht darauf warten, dass uns jemand an der Hand nimmt. Die Zukunft schreiben wir selbst im Hier und Jetzt. Denn es gibt keinen, der schon in der Zukunft war und weiß, wie sie ausschaut.