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People | 20.06.2017

"Angst ist kein guter Ratgeber"

Für Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary ist das Thema Krieg ein Teil seines Lebens. Kürzlich brachte er seine Geschichten aus dem Krieg mit nach Tirol. Wir sprachen mit dem Journalisten über persönliche Erlebnisse, Schicksale und die Hoffnung Europa.

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Fotos: Manfred Weis

Es sind die Geschichten von Soha, Ibrahim und Majada, Müttern und Kindern aus Syrien, dem Jemen und Libanon, die Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary mit nach Tirol bringt – mit eindrücklichen Bildern und nahezu unglaublichen Erzählungen. In der Hermann-Gmeiner-Akademie im SOS-Kinderdorf in Innsbruck fanden sich zahlreiche Interessierte ein, die auch Fragen mitbrachten. Auch wir baten Karim El-Gawhary zum Gespräch und um ein authentisches Bild seiner Arbeit inmitten des Krieges.

TIROLERIN: Wer war die beeindruckenste Person, die Sie jemals getroffen haben?

Karim El-Gawhary: Das kann ich so nicht sagen. Es war in jedem Fall keine prominente Person oder irgendein Politiker, sondern vielmehr Menschen, die auch in größter Not eine extreme Kraft bewiesen haben. In einem Flüchtlingslager habe ich etwa eine Großmutter getroffen, die ihre sechs oder sieben Enkel versorgt hat, weil die mittlere Generation im Krieg umkam. Die Kraft, die diese Frau hat, und ihre positive Einstellung, mit der sie einfach weiter lebt, ist unfassbar. Diese Menschen sind für mich sehr inspirierend, weil es um existenzielle Situationen geht.

Fühlt man sich im Gespräch mit Betroffenen nicht auch sehr hilflos?

Mit der Hilflosigkeit ist man als Journalist ständig konfrontiert. Man redet mit traumatisierten Menschen und interviewt sie, aber was sagt man dann? Danke für das Gespräch? Diese Ohnmacht, die dann aufkommt, ist mitunter eines der belastendsten Dinge meiner Arbeit. Wenn ich diese Geschichten dann aber weitererzähle, hat es für mich einen therapeutischen Effekt. Das Weitererzählen hat auch etwas Sinnstiftendes. Menschen bekommen dadurch eine Stimme, die sonst nie gehört wurden.

Muss guter Journalismus also persönliche Geschichten enthalten?

Eine gute journalistische Geschichte schafft es, dass sich jemand im Fernsehsessel hier in Österreich zurücklehnt und sich die simple Frage stellt: „Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten, wie würde ich empfinden?“ Wenn man diese Nähe hergestellt hat, dann hat man viel erreicht. Es geht darum, diesen unzähligen Menschen, die Schlimmstes erleben, ein Gesicht zu geben.

Hat sich die Kriegsberichterstattung in den letzten Jahren verändert?

Auf jeden Fall. Gerade diese persönliche Komponente ist stärker geworden. Denken Sie etwa an den Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren, da gab es keine einzige Geschichte über Einzelschicksale, sondern nur abstrakte Zahlen von Toten, Gefallenen und Verletzten. Immerhin fast eine Million Menschen, die in diesem Krieg gestorben sind. Neu ist natürlich auch, dass inzwischen Bilder nicht mehr nur über die Medien verbreitet und selektiert werden, sondern von den sozialen Medien. So werden mehr Bilder zur Verfügung gestellt, was einerseits auch gut ist, da viele Kriegsgebiete auch für Journalisten blinde Flecke darstellen und niemand davon berichtet. Andererseits muss die Authentizität der Bilder ständig überprüft werden. Denn natürlich wird mit Kriegsbildern auch Politik gemacht. Dass man eine Öffentlichkeit nicht mehr aus dem Krieg ausschließen kann, ist generell eine positive Entwicklung. Nur muss man lernen, damit umzugehen.

Bild El-GawharyNEU_C_Manfred Weis.jpg

Deckt sich das Bild, das wir als Außenstehende durch die Medien bekommen überhaupt mit der Wirklichkeit?

Die Medien zeigen natürlich die schlimmsten Bilder des Tages. Aber das ist immer nur ein Teilaspekt des Krieges. In einem Krieg gibt es immer auch eine Normalität, in einer Straße geht eine Autobombe hoch und es gibt viele Tote und zwei Straßen weiter gehen die Leute einkaufen. Wir konzentrieren uns auf Tote, zerstörte Häuser und Ähnliches. Was in den Medien unterrepräsentiert ist sind die Folgen des Krieges, die Zerstörung der Köpfe. 900.000 syrische Flüchtlingskinder gehen heute nicht mehr in die Schule, das ist die Generation, die ihr Land eigentlich wiederaufbauen müsste. Diese Kinder sind ohne Bildung auch wieder leicht radikalisierbar und leicht manipulierbar. Das sind Kinder, von denen wir sicher noch hören werden.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen in der arabischen Welt?

Wir haben es mit großen Umbrüchen zu tun. Das ist keine geradlinige Geschichte, sondern eine sehr blutige und langwierige. Blicken wir aber auf unsere eigene Geschichte zurück: Ein säkulares Frankreich etwa entstand auch nicht innerhalb kurzer Zeit, sondern mit Revolution und Gegenrevolution. So etwas erleben wir gerade auch in der arabischen Welt. Wir haben aber verlernt, diese Abläufe als langwierigen und schwierigen Prozess anzusehen. Daran sind auch die Medien Schuld, die ständig Eventjournalismus betreiben und nicht langfristige Prozesse nachzeichnen. Für eine friedliche Zukunft müssen wir zuerst alle autokratischen Systeme loswerden, diese sind nicht Garanten für Stabilität. Als Zweites gehören dann bestimmte Dinge, wie das Verhältnis von Staat und Religion, das Verhältnis von Religion und Politik, gesellschaftlich ausgehandelt, im besten Falle friedlich. Dann erst kann die Zukunft der arabischen Welt durchaus eine positive sein.

Inzwischen verspürt auch die westliche Welt eine zunehmende Angst vor der Zukunft. Was entgegnen Sie solchen Menschen?

Angst ist kein guter Ratgeber. Wir sind gerade in einer Zeit, in der die Realität einfach über unser drüberrollt, was Konflikte angeht, aber auch Flüchtlinge. Mein Appell ist immer der gleiche: Tun wir nicht so, als ob wir solche Entwicklungen aufhalten könnten. Wir haben zu viel Zeit mit dem Angsthaben verschwendet, jetzt müssen wir darüber diskutieren, wie wir diese Realität managen können. Europa ist nun mal in unmittelbarer Nähe zur arabischen Welt und damit verbunden. Wenn wir später einmal auf diese Zeit zurückblicken, wird es nur mehr eine relevante Frage geben: Scheitert Europa an dieser Aufgabe? Mein Optimismus sagt übrigens, dass Europa an dieser Aufgabe wachsen wird und nicht daran zerbricht.