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People | 09.03.2018

Mut zur Lücke

Hinter der Fassade eines Innsbrucker 60er-Jahre-Wohnbaus verbirgt sich ein Lehrstück stilsicheren Weniger-ist-mehr-Wohnens – geschrieben von Architekt Hannes Schroll.

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Stilsicher und zeitlos. In der umgebauten Wohnung ist reichlich Platz für beide: Alt und Neu.

Dienstag, 13. Februar, 14 Uhr. Hannes Schroll nimmt am bescheiden dekorierten Esstisch Platz. „Menschen interessieren sich viel mehr für Geschichten als für Statistiken.“ Er spricht davon, was Dingen Persönlichkeit gibt. Der Architekt ist sichtlich stolz – zu Recht: Er hat es geschafft, in seiner Wohnung nach dem Umbau sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart einen Platz zu lassen. Alles auf Anfang. Vor rund zwei Jahren griff der Architekt gemeinsam mit dem Architekten-Freund Michael Kapeller zum Vorschlaghammer und ging seiner sanierungsbedürftigen Wohnung – größtenteils in Eigenregie – sprichwörtlich an die Substanz.  „Wir haben versucht, aus eher beengten Räumen einen möglichst großzügigen, offenen und schönen Wohnraum zu schaffen.“ Und tatsächlich: Diese Geschichte macht neugierig.

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Voller Einsatz. Die schweißtreibende Arbeit hat sich ausgezahlt.

Vergangenheit verbindet. Hannes kennt die Wohnung bereits von klein auf, die Erinnerung daran ist aber leicht getrübt: Zuerst wohnten die Eltern darin, die Familie zog es aber nach Salzburg, als Hannes noch ein Baby war. Erst als es ihn wegen seines Architekturstudiums wieder nach Innsbruck verschlug, kehrte er in die Wohnung zurück. Sie wurde zur klassischen Studenten-WG umfunktioniert. Jetzt wohnen dort noch besagter Freund Michael und dessen Freundin Julia, die auch noch nach dem Umbau tatkräftig Hand anlegten. Die liebevoll-minimalistische Einrichtung geht also im Großen und Ganzen auf ihre Kappe.

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Julia und Michael bewiesen viel Liebe zum Detail.

Reise durch die Zeit. Der Umbau erfolgt innerhalb von zwei Monaten im Sommer 2016 und ist nicht weniger augenöffnend als aufwendig: Den unebenen Boden in der gesamten Wohnung gleicht man mühevoll, aber mit viel Fingerspitzengefühl so an, dass ein durchgehender Raum entsteht. Unter zig Schichten Blümchentapeten, die allein schon viel zu erzählen hätten, kommt tatsächlich allmählich eine Wand zum Vorschein. Generell strebt man einen reduzierten, offenen und opportunen Wohnraum an. Klingt alles sehr … japanisch? Tatsächlich: „Gerade die japanische Architektur hat mich immer schon fasziniert“, gesteht Hannes.

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Tiefgelegt. Getreu der japanischen Denkweise schläft man in Bodennähe.

Dass der asiatische Wohnstil zu seiner Inspiration und letzten Endes zum Vorbild wurde, liegt vor allem an seinem achtsamen und sensiblen Umgang mit Raum und Atmosphäre. Schon während des Architekturstudiums orientierte sich Hannes sowohl an der modernen als auch an der traditionellen japanischen Denkweise. Daran änderte auch ein Auslandsaufenthalt in Frankreich nichts. Nach dem Studium stieg er prompt in ein Architekturbüro ein, seit einiger Zeit ist er selbstständig. In einem Gemeinschaftsbüro teilt er sich den Arbeitsplatz mit drei Gleichgesinnten – die Inspirationsdichte ist dementsprechend groß.

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Die Bodenfliesen im Bad sind ein echter Eyecatcher.

Binäre Opposition. Mit der Idee, dass der T-förmige Betonbalken, um den sich heute dunkelgrüner Efeu rankt, einfach so splitternackt stehen bleiben soll, hatte man schon während des Umbaus gespielt. Denn der 35-Jährige legt Wert darauf, etwaigen Zeichen der Vergangenheit auch im Neuen einen Platz zu lassen. „Im Umgang mit Alt und Neu stellt sich immer die Frage, welche Grundhaltung man einnimmt.“ Mit Altem umzugehen, soll kein Widerspruch zum Modernen sein. Im Gegenteil – erst diese Symbiose lässt Charme entstehen.

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Alt und Neu bilden einzigartige Synergien.

Beispiel: der (neue) weiße, glatte Einbauschrank im Gang. Griff- und schnörkellos. Er steht dem (alten) rauen, vom Vorschlaghammer gepeinigten Betonträger unverblümt, aber durchaus zurückhaltend gegenüber. Eine architektonische Metapher par excellence. An der Stelle, wo einst sperrige Wände die Wohnung in eine Drei-Zimmer-WG aufteilten, ruhen heute dunkle Eichendielen im Boden. „Sozusagen als sanfte Schwelle zum Wohnbereich.“ Bei näherem Hinschauen fällt aber auf: Der Boden in Küche, Gang, Schlafzimmer und Essbereich variiert je nach Raum. Und wo früher ein Nachtspeicherofen am Fenster stand, zeugt heute nur noch die dort in den Boden eingearbeitete Marmorplatte von seinem einstigen Dasein – Zweckentfremdung kann so schön sein. „Das Projekt darf gern als Beispiel dafür dienen, was man aus einer konventionellen Wohnung in einem typischen 60er-Jahre-Wohnhaus alles machen kann.“

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Liebevoll gestaltete DIY-Möbel machen die Wohnung erst besonders.

Blick in die Zukunft. Nun bleibt die Zeit ja bekanntlich nicht stehen; Trends kommen, Trends gehen. Die, die den Sprung in die Beständigkeit schaffen, stehen dann meist in direkter Verbindung mit dem technischen Fortschritt. „Die zunehmende digitale Vernetzung unserer Wohn- und Lebensräume spiegelt sich auch immer im Design wider“, Hannes Schroll spricht von Smart-home-Systemen wie Google Home etc. Wie bei allem, was unaufhaltsam ist, geht es dabei nicht um die Frage, ob gut oder schlecht, sondern viel mehr um das Wie. Denn wie viel Vernetzung man schlussendlich zulässt, bleibt jedem selbst überlassen. Trotzdem: Der Architekt sieht die stetig ansteigende Digitalisierung des Eigenheims mit Argwohn: „Es löst in mir schon ein bisschen Unbehagen aus“, gibt der 35-Jährige mit halbem Lachen zu.

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Originell und nachhaltig. Julia stellte ihr handwerkliches Geschick unter Beweis.

Zurück zum Ursprung. Das Bedürfnis nach Originalität wird somit nicht obsolet, sondern zur logischen Konsequenz. Dem Digitalisierungs-Tsunami steht der Drang nach Dingen gegenüber, die individuell sind – einfach besonders. An dieser Stelle besinnt man sich dann gerne zurück auf die Vergangenheit. Viele große Hersteller haben diesen Trend bereits gekonnt zu ihrem gemacht und geradezu meisterhaft mit modernen Gadgets wie Radios im Retro-look das Gestern mit dem Heute kombiniert. Auch in dieser Wohnung stößt man an fast jeder Ecke auf Nostalgie und Handgefertigtes, die durch ihren emotionalen Wert das Wohnen erst wohnlich machen. Ein besonderer Blickfang ist eine von Julia gebaute eierförmige Stehlampe aus Recyclingmaterial: „Keine Ahnung, wie sie die zusammengebastelt hat“, so die freundlich-saloppe Antwort auf die Frage nach der Machart. Macht nichts. Sie spricht ja für sich.

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Klare Fronten. Auch in der Küche geht es ruhig und geordnet zu.