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People | 08.07.2018

Es bedeutet Freiheit

Tiroler Profikletterer und -bergsteiger Hansjörg Auer über die Anfänge seiner Karriere und seinen bewegten Weg hin zu weltweitem Ruhm.

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Foto: Elisa Holzknecht

Der „Weg durch den Fisch“ verhalf Free-Solo-Kletterer und Profibergsteiger Hansjörg Auer im Jahr 2007 zu weltweiter Berühmtheit. Mehr als zehn Jahre später erregte der bodenständige Ötztaler mit seinem Buch „Südwand“, das von seiner Karriere und seinem Lebensweg berichtet, erneut für Aufsehen. Wir haben den Extremsportler zum Gespräch getroffen und uns von seiner Leidenschaft zum Alpinismus begeistern lassen.

TIROLERIN: In „Südwand“ erzählen Sie, dass Sie bereits im Alter von sechs Jahren Ihren ersten Dreitausender bestiegen haben. Glauben Sie, dass Ihnen die Liebe zum Alpinismus zum Teil in die Wiege gelegt wurde?
Hansjörg Auer: Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann sicher, ja! Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und war deswegen schon immer viel in der Natur. Als ich klein war, spielte sich mein Leben großteils draußen ab. Meine Eltern sind zwar keine Kletterer, aber sie lieben die Berge genauso wie ich. Schon früh haben wir gemeinsame Wanderungen gemacht – das hat mich geprägt.

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Foto: Elisa Holzknecht

Also spielte Ihre Familie eine große Rolle hinsichtlich Ihrer späteren Karriere?
Auf jeden Fall! Der Grund, warum ich so weit gekommen bin, ist, dass mich meine Eltern immer unterstützt haben. Es war nicht so, dass sie mich mit allen Mitteln gepusht hätten. Vielmehr ließen sie mich einfach so sein, wie ich bin, gaben mir und meinen Brüdern Raum für Entwicklung und versuchten nie, uns in irgendeine Richtung zu leiten. Das war ein entscheidender Grund dafür, dass wir schon als Kinder sehr selbstständig unterwegs waren und in Situationen kamen, welche sehr behütete Kinder nie erleben dürfen.

Wie entwickelte sich Ihre Leidenschaft zum Bergsteigen weiter?
Ich hatte schon immer den Drang, meine Leistungen bis ins Extreme zu steigern. Das gemeinsame Bergsteigen mit den Eltern reichte mir bald nicht mehr und ich fing an zu klettern. Draußen, direkt am Fels mit ein paar Gleichaltrigen und ohne Aufsicht. Wir haben uns damals die Hörner abgestoßen an manchen Wänden! Meine Freunde und ich waren immer am Limit unterwegs, haben uns gegenseitig unterstützt und nach vorne gebracht. So kam ich schließlich zum Free-Solo-Klettern ...


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Foto: Damiano Levati

Womit Sie letzten Endes auch berühmt geworden sind. Wie darf man sich Ihre ersten Annäherungen an die Disziplin vorstellen?
Meine erste Free-Solo-Tour war, ehrlich gesagt, vollkommen spontan. Ich war mit meinem Bruder Matthias in einem Klettergarten in Längenfeld. Als die Dämmerung einsetzte, wollten wir uns eigentlich schon auf den Heimweg machen, bis ihm auffiel, dass er etwas auf einem Block am Ende der Route vergessen hatte. Er beschloss, über einen Fußweg auf der Rückseite der Wand hinaufzulaufen – immerhin hatten wir unser Equipment bereits eingepackt. Während er hinaufging, kam mir die Idee, ungesichert hinaufzuklettern und ihn am Ende der Route zu treffen. Ich kannte die Wand in- und auswendig – was sollte also schon passieren? Ich packte also meine Schuhe wieder aus dem Rucksack, zog sie an und stieg in die Tour ein. Es war eine 20 Meter lange Route im fünften Grad, und ich habe jeden Meter, den ich davon ohne Seil geklettert bin, geliebt. Danach steigerten sich die Schwierigkeitsgrade der Touren. Ich verzichtete immer öfter auf die Sicherung, traute mir immer anspruchsvollere Wände zu.


Was macht Free Solo so reizvoll?
Ohne Seil zu klettern, ist ein Gefühl, das man mit wenig anderem vergleichen kann. Intensiv, nervenkitzelnd, risikoreich. Es bedeutet Freiheit. Ich habe mich immer stark gefühlt, wenn ich eine Wand ohne Sicherung gemeistert habe. Wenn man in etwas gut ist, richtig gut, dann liebt man es früher oder später.


Geht es auch um Anerkennung und Zuspruch, die Sie durch Ihre Leistungen genießen können?
Mitunter ja. Früher in der Schule zählte ich nie zu den beliebten Kindern. Im Sportunterricht wurde ich immer als Letzter in die Gruppe gewählt – obwohl ich den meisten anderen sowohl technisch als auch konditionell in vielen Sportarten voraus war. Ich glaube, jedes Kind und jeder Mensch braucht in gewisser Weise Bestätigung im Leben. Ich holte mir meine durchs Klettern. Es war eine Sache, die nur mir gehörte. Eine Welt, in der ich mich ohne Grenzen bewegen und mein Können zeigen konnte.

 

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Foto: Matteo Mocellin

Wie änderte sich diese Bestätigung von außen, nachdem Sie mit Ihrem „Weg durch den Fisch“ weltweite Berühmtheit erfahren hatten?
Ich bekam von allen Seiten Zuspruch. Etliche kamen auf mich zu und gratulierten mir zu meiner Leistung, plötzlich trudelten Angebote von Sponsoren ein, die Medien wurden auf mich aufmerksam ... Ehrlich gesagt, war ich damals vollkommen überfordert mit der Situation. Die Zeit nach dem „Fisch“ war eine schwierige für mich. Ich begann, eine Marke zu werden, und hatte Sorge, dass ich mich auf meinem Weg selbst verlieren könnte. Und natürlich baute mein Erfolg auch einen gewissen Druck auf. Was würde als Nächstes kommen? Wie könnte ich meine Leistungen weiter steigern? In welches Extrem müsste ich mich bewegen, um weitere Erwartungen zu erfüllen? Heute bin ich 34 und sehe das Ganze etwas anders. Man wird älter. Man wird abgeklärter. Man wird relaxter. Natürlich will ich gewisse Ziele auch heute noch erreichen. Sonst würde ich nicht an dem Punkt stehen, an dem ich bin. Aber ich verspüre keinen so starken Druck mehr. Meine Sturm-und-Drang-Zeit ist vorbei, und das ist gut so.

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Foto: Elias Holzknecht

Man hört, Sie würden demnächst auch alpin „solo“ durchstarten. Was hat es damit auf sich?
Das stimmt. Mitte Juni werde ich zu einer Expedition nach Pakistan aufbrechen. Eigentlich war die Tour als Double mit meinem Freund Alex Blümel geplant, aber dieser ist krankheitsbedingt ausgefallen. Ich sah das als Chance, einen lange gehegten Traum zu realisieren – im Alleingang einen Siebentausender besteigen. Nur auf mich selbst gestellt zu sein, ohne Team, ohne Begleitung.


Macht man sich vor einer Aktion wie dieser keine Sorgen?
Eigentlich nicht, weil während der Vorbereitungen kein Platz für schlechte Gedanken bleibt. Es ist früh genug, sich Sorgen zu machen, wenn es brenzlig wird, glaube ich. Natürlich ist es nicht ohne, sich allein in solche Höhen zu begeben. Aber ich habe meine Erfahrung, die mich bis jetzt bei all meinen Vorhaben unterstützt hat. Wie die Expedition nach Pakistan letzten Endes ausgeht, kann niemand voraussagen. Mein Fokus liegt jedenfalls auf dem Ziel – nicht auf möglichen Hindernissen bis dorthin.