Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 11.05.2017

"Ich bin kein Witzeerzähler"

Kein Weg geht 2017 an Künstler Erwin Wurm vorbei. Auch in Tirol hinterließ er kürzlich ein großes Zeichen. Vor dem „Dicken Bus“ in den Swarovski Kristallwelten haben wir mit dem erfolgreichen Künstler gesprochen.

Bild egon_wurm_0001.jpg
Fotos: TT/Böhm

Erwin Wurm ist einer der ganz Großen in der Kunstszene Österreichs. Bekannt wurde der gebürtige Steirer mit seiner völlig neuen Auffassung von Skulptur, die nicht mehr nur statisch, sondern auch performativ aufgefasst wird. Für seine „One Minute Sculptures“ forderte er etwa das Publikum auf, selbst mithilfe von Alltagsgegenständen temporär zu skurrilen Plastiken zu mutieren. Das Alltägliche, Fahrzeuge oder Häuser, sind ein ebenso großes Thema für den Wahlwiener, auch ihnen nimmt der Künstler sein normales Aussehen und verändert die Form und damit auch den Inhalt der vermeintlich banalen Stücke. So entsteht etwa das schmale Haus („Narrow House“) oder auch der „Dicke Bus“, der seit Ende 2016 in den Swarovski Kristallwelten zu sehen ist. Das Werk ist nicht nur skulpturaler Blickfang, ein mit viel Styropor deformierter VW-Bus, sondern auch ein funktionaler Hot-dog-Stand. Alltag und Kunst verschwimmen, feine Kritik wird hinter brachialem Humor versteckt. Im Gespräch erzählt Erwin Wurm von seiner Herangehensweise.

TIROLERIN: Wie gehen Sie mit dieser Omnipräsenz in diesem Jahr um?

Erwin Wurm: Das hat sich heuer so ergeben. Ich habe aber darauf geachtet, dass jede Ausstellung einen anderen Aspekt meines Œuvres beleuchtet, sonst wäre es ein Overkill. In Graz werden etwa ganz neue experimentelle Werke gezeigt, Wortskulpturen.

Was reizt Sie an den alltäglichen Materialien?

Angefangen hatte das Interesse als junger Künstler, als ich auch schlichtweg kein Geld hatte und mit dem gearbeitet habe, was andere wegwerfen. Ich wollte die Kunst nicht als Hobby betreiben und nebenher arbeiten, sondern wollte Künstler sein. Frühe Bretterplastiken entstanden dadurch, dass ich mein erstes Atelier über einer Tischlerei hatte und ich Tischlerabfälle verwenden durfte. Irgendwann ist es mir dann gedämmert, dass jedes Material ein Ausgangsmaterial für ein neues Kunstwerk sein kann, ja sogar Werke von Kollegen, wie ich in aktuellen Ausstellungen zeige. Obwohl ich eigentlich Maler werden wollte, habe ich mich in dieser frühen Zeit mit den Themen der Bildhauerei beschäftigt, Volumen, Oberfläche etc. Ich habe entdeckt, wenn ich das Volumen des Materials verändere, dass sich auch der Inhalt verändert. Das Technoide des Fahrzeugs wird etwa mit einer biologischen Form verändert:
So entstanden die ersten dicken Autos.

 

Bild egon_wurm_0066.jpg
„Mich hat das Paradoxe immer interessiert, der Humor ist ein teil davon.“ Erwin Wurm

Oder auch ein dicker Bus wie hier in Wattens in den Swarovski Kristallwelten. Diese Werke erzeugen durchaus auch Komik, ist das gewollt?

Mich hat das Paradoxe immer interessiert, weil es eine Möglichkeit bietet, aus einer anderen Perspektive auf die Wirklichkeit zu schauen. Und Humor ist ein wichtiger Teil des Paradoxen. Es ist aber nie der Sinn des Ganzen, ich bin ja kein Witzeerzähler, sondern versuche, auf Aspekte unserer Zeit zu schauen und diese nach bildhauerischen Kriterien zu hinterfragen.

Steckt dahinter also auch eine Kritik an der heutigen Zeit?

Durchaus. Und es schaut ja heutzutage wirklich nicht allzu gut aus.

Ist es als Künstler also auch wichtig, ein Statement abzugeben?

Ja sicher, ich mische mich mit meiner Meinung ständig in aktuelle Diskussionen oder Politik ein. Meine Kunst ist mir allerdings zu schade für politische Statements.

Also ist Ihr Beitrag zur diesjährigen Biennale getreu dem Motto „Viva arte viva“ vielmehr auf die Kunst bezogen und frei von allzu harscher Kritik?

Definitiv. Es wird eine schöne Einzelausstellung: Brigitte Kowanz und ich werden zwei autonome Positionen präsentieren, es ist also keine Gruppenausstellung. Ich werde mich auch nicht wie Zobernig an der Architektur des Pavillons abarbeiten. Das langweilt mich.

Werden wir Ihre Arbeiten demnächst auch wieder einmal in Tirol sehen?

Wenn man mich fragt, gerne.

Bild egon_wurm_0044.jpg
„Verändert man das Volumen, verändert sich auch der Inhalt.“ Erwin Wurm