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People | 22.06.2017

Nach dem Rausch

Ein Buch, das hängen bleibt. Schauspieler Eric Stehfest war zehn Jahre lang von der Droge Crystal Meth abhängig. In „9 Tage wach“ gibt er tiefe Einblicke in sein Inneres. Das Protokoll einer intensiven, kräftezehrenden Reise.

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© Susanne Schleyer

Zu erzählen, was die meisten lieber verschweigen, kostet Kraft. Eric Stehfest hat es  dennoch getan. Der Schauspieler, Let‘s-Dance-Teilnehmer und Publikumsliebling lässt den Leser  mit Worten in seine Seele blicken. Auch im Gespräch mit der TIROLERIN scheut sich Stehfest nicht, seine tiefgründigen Gedanken preiszugeben.

 

TIROLERIN: Sie schreiben in Ihrem Buch über Ihre Drogenvergangenheit. Ist es schwer, an diese Zeit zurückzudenken?
Eric Stehfest: Daran zu denken, ist keine schwierige Aufgabe. Ich habe das Buch mit Michael J. Stephan geschrieben und wir haben immer wieder kritisch auf meine Vergangenheit geschaut, haben eine lesbare Sprache für diese Geschichte entwickeln müssen, darin lag die eigentliche Herausforderung. Wie schaffe ich es, nur durch das geschriebene Wort etwas mitfühlbar zu machen, das zum größten Teil in Rauschzuständen geschehen ist? Dieser Frage haben wir uns gestellt, wollten keine klassische Biografie schreiben. Nichtsdestotrotz liegen viele schlaflose Nächte hinter mir, mein großer Dank gebührt meiner Frau und meinem Kind, die sämtliche Prozesse mitgetragen haben.

 

„9 Tage wach“ ist der Titel des Buches. Was steckt dahinter?
Es hat neun Tage gedauert, bis ich den Ernst der Lage erkannt habe. Neun Tage im Rausch, ohne Schlaf, getrieben vom Gedanken, dass ich keinen Platz auf dieser Erde finde, alles außerhalb meiner Wohnung schrie Angriff und Zerstörung. Während dieser neun Tage habe ich das erste und einzige Mal ernsthaft über meinen Tod nachgedacht, darüber, dass nicht alles endlos ist.

 

Wie war die Erfahrung, ein Buch zu schreiben?
Ich hatte vor Beginn des Schreibprozesses keine Ahnung, wie viele verschiedene Prozesse zu einem Buch gehören. Während des Schreibens habe ich alle sozialen Kontakte ruhen lassen, außer zu Michael. Es ist ein Glück, dass ich so verständnisvolle Menschen in meinem Leben habe. Um meine Geschichte verständlich zu machen, war es enorm wichtig, mich von außen zu betrachten, alle Eitelkeiten beiseite zu schieben und kritisch zu analysieren, was wirklich passiert ist ... Knapp drei Monate vor dem Termin der Textabgabe haben wir alles Geschriebene gelöscht und neu begonnen, wir hatten den richtigen Ton noch nicht getroffen. Ich musste mich immer wieder selbst ermahnen, dem Textfluss zu vertrauen. Es gibt jetzt einiges, was ich beim nächsten Buch anders machen werde.

 

Warum haben Sie öffentlich über Ihre Sucht gesprochen?
Warum spricht jemand öffentlich über Themen, über die sonst geschwiegen wird? Ich denke, die Antwort ist, dass es getan werden muss. Alles dreht sich zu schnell, die Menschen finden kaum Zeit, eine eigene Meinung zu entwickeln, jeden Tag kommen neue Horrormeldungen aus dem Internet. Es ist nötig, dass mehr Menschen den Mund aufmachen, die Zeit der Neo-Junkies hat längst begonnen, Drogen sind verbreiterter, als wir meinen, und alles ist auf Leistung ausgelegt. Im Berufsleben werden Menschen, die unter Drogen stehen, akzeptiert, wenn es überhaupt jemandem auffällt, weil er sich mal die Zeit nimmt, genauer hinzuschauen. Zu groß ist die Angst, in der Masse unterzugehen, die Miete nicht bezahlen zu können oder einfach in allem zu versagen. Kein Wunder, dass der Wunsch da ist, das Hirn zu betäuben. Wer beantwortet uns schon die Frage, ob wir geliebt werden? Ob es einen Sinn hat zu leben?

 

Wie ging es Ihnen mit dem Doppelleben, das Sie aufgrund der Sucht zwangsläufig führen mussten?
Nur eine Lüge aufrechtzuerhalten, kostet sehr viel Energie. Bei einem Doppelleben sind es etliche. Ich habe viele Jahre meine Kraft in die falschen Bereiche gesteckt.

 

Seit wann sind Sie clean?
Ich lebe seit knapp vier Jahren abstinent. Clean würde ich nicht sagen, meinen Rausch ziehe ich mittlerweile aus anderen Dingen. Der Körper hat ganz eigene Stoffe, die man dazu bringen kann ausgeschüttet zu werden – das würde ich als Kunst bezeichnen.

 

Sie scheinen sich extrem gut rehabilitiert zu haben. Gibt es Spätfolgen Ihres Drogenmissbrauchs? Physischer und psychischer Natur ...
Ich werde in den kommenden sieben Jahren ein komplett neues Gebiss brauchen. Mir fällt es sehr schwer runterzukommen, ich muss mich ermahnen, ab einem gewissen Punkt die Arbeit ruhen zu lassen. Außerdem habe ich einen sensiblen Blick bekommen. Sobald ich das Haus verlasse, kann ich Menschen ansehen, ob sie drauf sind oder es ihnen nicht gut geht. Einen derartigen Blick muss man lernen zu kontrollieren, damit er einem nicht zu sehr auf die Seele geht.

 

Haben Sie Angst, rückfällig zu werden?
Meine Familiengeschichte und die Geschichte des Landes, in dem ich lebe, geben mir die Kraft, vergangene Fehler nicht zu wiederholen. Das ist meinen Ur-Großvätern gelungen, das ist Deutschland gelungen und es wird auch mir gelingen. Ich habe keine Angst, rückfällig zu werden, das liegt hinter mir.

 

Sie planen, an Schulen und in Justizanstalten über Drogenmissbrauch aufzuklären. Wie wollen Sie junge Menschen erreichen?
Junge Menschen erreicht man durch Ehrlichkeit. Ich habe lange die Sprache, die man auf der Straße hört, gesprochen. Ich will niemandem etwas Einstudiertes erzählen. Außerdem soll es darum gehen, sich nicht mit Drogen zu beschäftigen, sondern darum, sein Leben so aufzustellen, dass Drogen uninteressant werden. Es gibt so viel Effektiveres als Rauschmittel, um ein erfülltes Leben zu haben.

 

Sie sind auch als Schauspieler und Filmproduzent tätig. Was reizt Sie an diesen Berufen?
Der Film ist eine Waffe. Auf der Leinwand dürfen Themen behandelt werden, die im Alltag eher verschwinden. Es gibt keine Grenzen. Die Fähigkeit, mir etwas bis ins Detail vorstellen zu können, möchte ich in meinem Leben perfektionieren. Verbindungen zwischen Menschen werden im Film und mittels des Films aufgebaut, über Ländergrenzen und verschiedenste Kulturen hinweg. Ein Film ist bis ins Unendliche teilbar. Mehr geht nicht.

Sie haben das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen auf höchst intensive Art und Weise erlebt. Was macht Sie glücklich?
Glück zu teilen macht mich glücklich. 


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9 Tage wach Eric Stehfest und Michael J. Stephan Edel Books, 18,50 € ISBN: 978-3841905185