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People | 23.02.2018

Auf europäischer Mission

Klare Worte und eine starke Meinung kennzeichnen die Auftritte von Robert Menasse. Auch der aktuelle Roman des Autors scheut keine klaren Statements. Wir haben den Botschafter der europäischen Idee getroffen.

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Foto: Birgit Pichler

Als großer Verfechter des europäischen Zusammenhalts wird Robert Menasse häufig, wenn es um Europafragen geht, zu Rate gezogen. Vergangenes Jahr schrieb der Autor „den europäischen Roman“ unserer Gegenwart und räumte damit den deutschen Buchpreis ab. Wir trafen den überzeugten Raucher zum Gespräch – natürlich auch über Europa.

TIROLERIN: Gibt es ein Gespräch mit Robert Menasse ohne Europa?
Robert Menasse: In letzter Zeit nicht. Aber das hat auch damit zu tun, dass es Themen gibt, die mich mittlerweile so langweilen, dass ich, selbst wenn ich gefragt werde, keine Antworten mehr darauf gebe.

Das wäre zum Beispiel?
Österreichische Innenpolitik. Weil man im Moment nur Mutmaßungen anstellen kann. Fix ist, dass die großen Probleme, auch jene, die in Österreich den Menschen Sorgen machen, nur in europäischer Gemeinschaftspolitik gelöst werden können. Keine große Herausforderung kann mehr national, im Inneren des Staates gelöst oder an den Grenzen eines Staates abgehalten werden.

Fühlen Sie sich mit dieser starken Meinung oft allein auf weiter Flur?
Ich glaube, diese Einstellung wächst, und viele begreifen, dass es um unsere Zukunftsfragen geht, das größte Projekt unserer Lebenszeit.

Sie haben ja versucht, in Ihrem Roman das System EU zu vermenschlichen. Brauchen wir diesen Vorgang, um die EU zu begreifen?
Sie sehen das ganz richtig. Die EU ist ein menschengemachtes Projekt und alles, was Menschen machen, können wir erzählen. Das Problem unserer Auseinandersetzung mit der EU ist, dass sie als großes Abstraktum gesehen wird.  In Debatten um das Pro und Contra sehen wir die EU immer als geschlossenen Block und etwas sehr Abstraktes. Beides stimmt aber nicht, denn die EU besteht aus mehreren Institutionen mit zum Teil gegenläufigen Interessen. Man kann die EU in ihrer Realität nur sichtbar machen, wenn man die menschliche Komponente zeigt. Und genau das war mein Anspruch – der EU ein Gesicht zu geben.

Deshalb auch die intensive Recherche direkt in Brüssel?
Ja, genau. Ich brauche für einen Roman ja die Figuren. Ich bin deshalb nach Brüssel gezogen und habe mir angeschaut, ob man aus EU-Beamten Figuren machen kann, also ob sie literaturtauglich sind. Meine Frage war ja kokett formuliert, denn natürlich kann man von diesen Personen erzählen und sie in Figuren typisieren.

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Foto: Birgit Pichler

Ihre Figur Martin Susmann hat im Roman die Aufgabe, das Image der Europäischen Kommission aufzuwerten. Finden Sie, es braucht eine solche Aufwertung? Oder wie wird Europa sonst identitätsstiftend?
 Ich glaube, das ist auch eine Generationenfrage. Die heutigen 60+ sind mit der Idee einer österreichischen Nation sozialisiert worden. Um den Staatsvertrag zu bekommen, musste man zu dieser Zeit ja sozusagen nachweisen, dass Österreich eine Nation ist. Das ist eine Zeit lang ganz gut gegangen mit dem erfolgreichen Kleinstaat. Heute allerdings sollte man sich langsam vor Augen halten, dass das ein guter Trick war. Aber Österreich ist keine Nation. Weder Staatsnation noch Kulturnation. Ich kenne kein Land, das so kultur- und kunstfeindlich ist gegenüber Kulturleistungen, die nicht augenblicklich im Fremdenverkehr zu verwerten sind. Mozart ist gut, lebende Künstler sind pfui. Es gibt also für mich keinen Nationsbegriff, der auf Österreich zutrifft. Gerade heute muss man endlich einsehen, dass es für alle Themen, die den Österreichern Angst machen, keine nationalen Lösungen gibt. Es sind die Regionen, die den Menschen Identität geben. Trotz aller nationaler Grenzen können historisch gewachsene Kulturräume nicht einfach gebrochen werden: siehe Tirol. Ein Netzwerk der Regionen, ein Europa der Regionen würde also Identität stiften und auch demokratischer agieren, als die heutigen Nationalstaaten es tun. 

Wie erklären Sie sich aber einen so starken Zulauf zu den Populisten auch von jungen Leuten?
Wir haben ja gerade über die Generationen gesprochen. Ich glaube, dass sich junge Leute, die mit der EU eine gemeinsame Währung und auch Reise- und Niederlassungsfreiheit erhalten haben, das nicht mehr nehmen lassen werden. Der Zulauf junger Leute zu Rechtspopulisten hat auch mit Bildung zu tun. Das Erasmus-Programm ermöglicht Studenten ein Jahr im Ausland. Dabei können sie extrem davon profitieren – in all ihren Lebensmöglichkeiten. Es gäbe dasselbe Konzept, das Leonardo-Programm, auch für Lehrlinge. In Österreich wird das allerdings so wenig genutzt. Offensichtlich sind Lehrlinge also immobiler als Studenten und es gibt ein Arbeitsmarktproblem. Hier muss man ansetzen und das System EU auch für Junge sinnvoll gestalten. 

Bei aller Eu(ro)phorie, gibt es etwas, das Sie am System EU verzweifeln lässt?
Man könnte fast sagen, es ist zum Verzweifeln, wie gegenwärtig die Situation in Europa eine Dauerblockade entstehen lässt. Es ist so eine „Nicht mehr und noch nicht“-Situation. Das aktuelle Kräfteverhältnis ist für jene, die Europa reformieren möchten, nicht gut.

Und gibt es auch Verzweiflung am System Literatur?
Solche Touren, wie ich sie bis Mitte 2018 mache, sind schon anstrengend. Aber es gehört dazu. Missachtung, das weiß jeder Autor, ist schließlich noch anstrengender.