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People | 12.09.2022

Tonangebend

Egal ob Rock, Pop, Rap oder Klassik – in der Musikbranche zeigt sich fehlende Geschlechtervielfalt. Über ihre persönlichen Erfahrungen berichten Tiroler Musikerinnen.

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Foto: Shutterstock

Bekannte Namen wie Billie Eilish, Ariana Grande, Rihanna und Beyoncé erwecken den Anschein, dass die Musikbranche mit starken weiblichen Größen gefüllt ist. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch – der Eindruck täuscht. Auf jede dieser Musikerinnen kommen statistisch jeweils 3,5 Männer. Und nicht nur auf der Bühne und in den Charts zeigt sich dieses Schema: Auch Produzent:innen, Tontechniker:innen oder Manager:innen sind meist männlich.

Gender-Gap

Schaut man sich verschiedenste Studien an, ergibt sich ein bestimmtes Bild in der Musikszene: Frauen und queere sowie nicht-binäre Menschen verdienen nicht nur weniger Geld, sie kommen auch schwieriger an leitende Jobs, haben weniger Auftrittsmöglichkeiten und bekommen weniger Anerkennung für ihre musikalischen Leistungen. Der generelle Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen liegt bei 18 Prozent, in der Musikbranche sind es sogar ganze 30 Prozent. Auch in den Charts liegen die Männer vorne: 2012 bis 2021 stammten nur 21,6 Prozent der US-Charts von Frauen. Ähnlich sieht die Lage in Deutschland und Frankreich aus. Noch stärker zeigt sich der Gender-Gap mit Blick auf die Musikproduktion. Weniger als 20 Prozent der registrierten Komponist:innen und Songwriter:innen in Europa sind Frauen. Das Phänomen zieht sich durch alle Musikgenres und ist in der Klassikbranche am stärksten zu spüren: Laut einer britischen Studie werden auf klassischen Konzerten nur drei Prozent der Werke von weiblichen Komponistinnen gespielt. Frauen scheinen im Musikbusiness also noch immer geringere Erfolgsaussichten zu haben. Darauf deutet auch ein Blick auf die Nominierten für den Grammy. Laut einer Erhebung der University of Southern California gingen zwischen 2013 und 2020 gerade einmal 143 von 1.220 Grammy-Nominierungen an weibliche Künstlerinnen.

Eine Frage der Rollenverteilung

Doch woher kommt diese große Geschlechterlücke? Von verstaubten Klischees über Frauen sollten wir heutzutage eigentlich meilenweit entfernt sein. Doch ein Rest alter Rollenbilder aus früheren Jahrzehnten sitzt immer noch tief – Frauen wird weniger zugetraut, sie bekommen Kommentare zu hören wie „für eine Frau bist du echt gut“ oder werden erst gar nicht in Line-ups für Veranstaltungen aufgenommen. Oft wird auch auf angebliche Entschuldigungen zurückgegriffen, man hätte nicht mehr weibliche Musikerinnen auftreiben können. An weiblichen Nachwuchstalenten hapert es dabei jedoch eigentlich nicht, an den Universitäten ist der Anteil von Musikstudent:innen 50:50. Genau mit diesem Klischee will auch die Plattform „365 Female* MCs“ aufräumen: Ein Jahr lang stellten die Initiatorin Lina Burghausen und ihr Team jeden Tag eine neue Musikerin vor – um zu zeigen, dass Frauen im HipHop keine Randnotiz sind. Heute umfasst die Datenbank mehr als 2.000 weibliche und queere Rap-Artists aus der ganzen Welt.

Persönliche Erfahrungen

Dabei nehmen Frauen und Männer die fehlende Geschlechtervielfalt anders wahr, wie eine Analyse der Keychange-Studie, einer Initiative, die die Gleichstellung in der Musikindustrie stärken will, zeigt. In dieser wurden in der Musikwirtschaft Arbeitende nach ihren Einstellungen zur Gleichstellung in der Musikbranche befragt. Der Aussage, „die Chancengleichheit in der Musikwirtschaft hat sich in den letzten fünf Jahren verbessert“, stimmten 65 Prozent der Männer zu und 42 Prozent der Frauen. Auch wurden die Befragten nach geschlechterspezifischen Erfahrungen befragt. Das Ergebnis: 68 Prozent der Frauen wurde bereits ihre Fähigkeiten aufgrund des Geschlechts abgeschrieben, dies passierte jedoch nur 14 Prozent der Männer. Das Gefühl, im Team geschlechtsbedingt weniger gehört zu finden, erlebten auch mehrheitlich Frauen mit rund 62 Prozent. Männer bejahten diese Aussage nur mit 12 Prozent.

Vielfalt fördern

Wie aber lässt sich die Geschlechterlücke nun schließen? Neben den Einstellungen wurden die Interviewpersonen in der Studie auch nach Maßnahmen zur Förderung von Geschlechtergleichstellung befragt. Die Befragten gaben dabei mehrheitlich an, dass sie sich mehr Mentoringprogramme, Workshops und weibliche Netzwerke für den Austausch und für die Sichtbarkeit von Frauen und queeren Menschen wünschen. Fast die Hälfte der befragten Frauen befürwortete außerdem eine Quotenregelung für Festivals und Bookings, bei den Männern hingegen nur 20 Prozent. Lösungsvorschläge gibt es also für das Problem. Bleibt nur noch die Frage, wie es mit der Gleichberechtigung in der Tiroler Musikbranche aussieht. Wir haben uns mit der Band HEY SIS, der Rapperin SPILIF und der Musikproduzentin Little Element über ihre persönlichen Erfahrungen und ihre Ideen für Möglichkeiten zur Sichtbarmachung von Musikerinnen unterhalten.

HEY SIS

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Foto: Isabella Obermoser

HEY SIS: Das ist eine Tiroler Indie-Pop-Band bestehend aus Gitarristin und Sängerin Bianca Ehrenstraßer, Sängerin Bettina Seywald, Keyboarderin Sabine Janiczek, Bassistin Katharina Höck und Drummerin Isabella Kainz. Die Gründung der fünfköpfigen Band entstand aus der Idee, gemeinsam Musik zu machen. Erst als Acoustic-Coverband „Sunny Side Up“, später dann als HEY SIS veröffentlichten die Musikerinnen im November 2021 ihr Debütalbum „Collage“. Auch auf ihren Live-Konzerten verzaubern die fünf Freundinnen die Hörer:innen mit funky Grooves, sphärischen Sounds und gefühlvollen Harmonien immer wieder aufs Neue.

TIROLERIN: Glaubt ihr, als Frau ist es schwieriger, in der Musikbranche Fuß zu fassen?
HEY SIS: Mittlerweile sind schon sehr viele Veranstalter:innen bemüht, Frauen auf die Bühne zu bringen. Dadurch fühlen wir uns nicht benachteiligt. Dadurch, dass es leider vergleichsweise wenige aktive Musikerinnen gibt, hat man bei Events, die eine gewisse Frauenquote erreichen wollen, vielleicht sogar eher Vorteile gegenüber männlichen Kollegen.

Würdet ihr sagen, dass besonders für junge Frauen weibliche Vorbilder auf der Bühne wichtig sind?
Auf jeden Fall. Die Musikbranche ist leider noch immer sehr von Männern dominiert, daher ist es für Mädchen und junge Frauen umso wichtiger, dass es weibliche Vorbilder gibt, an denen sie sich orientieren können und die sie inspirieren. Wir sind froh, wenn wir solche Vorbilder sein dürfen.

Habt ihr das Gefühl, dass ihr euch aufgrund eures Geschlechts in der Musikbranche anders beweisen müsst?
Gebucht zu werden ist eine Sache, musikalisch zu überzeugen eine andere. Oft sehen die Leute zuerst nur, dass wir eine Frauenband sind, reduzieren uns darauf und haben dann paradoxerweise musikalisch niedrigere Erwartungen. Umso wichtiger ist es uns dann, mit unserem Sound zu überzeugen und die Menschen musikalisch abzuholen.

 

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Habt ihr selbst bereits Nachteile aufgrund eures Geschlechts erlebt, und wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen?
Nicht konkret. Aber manchmal haben wir das Gefühl, dass uns männliche Musikkollegen skeptisch ansehen, wenn wir fünf Frauen bei einer Venue ankommen. Erst nach unserem Auftritt nehmen sie uns dann richtig ernst, und es kommen Kommentare wie: „Dafür, dass ihr nur Mädls seid, habt ihr ja richtig gegroovt.“ Es ist natürlich immer einfacher, wenn man als Gruppe in so eine Situation kommt – zu fünft stehen wir da meist drüber.

Hat sich die Rolle der Frau im Musikbusiness über die Jahre verändert?
Ja, zum Glück. Früher war die Frau fast ausschließlich als die schöne, sexy Frontsängerin abgelichtet. Heutzutage ist sie das zwar noch immer sehr oft, aber es gibt auch vermehrt andere Rollen, die sie einnimmt. Langsam sieht man Frauen auch immer mehr abseits vom Gesangsmikrofon und nicht nur in knappen Kleidern.

Wie kann man weibliche Musikerinnen sichtbarer machen?
Eine Möglichkeit ist, beim Buchen des Line-ups auf mehr Vielfalt Rücksicht zu nehmen. Natürlich müssen die Bands musikalisch überzeugen, aber es ist ebenso wichtig, dass sich Veranstalter:innen im Vorfeld neue Musik anhören und diese in Betracht ziehen. Weitere Möglichkeiten bieten Interviews, Zeitungsbeiträge, Auftritte im Radio und Musikvideos. Wenn man Musikerinnen sichtbar machen will, muss man die Personen zum Vorschein bringen, die hinter den Liedern stehen. Die Gedanken hinter den Texten erklären und die Gesichter dazu zeigen. Aber der erste und wichtigste Schritt ist natürlich, dass wir Frauen uns auf die Bühne trauen und an uns glauben.

Welchen Rat würdet ihr anderen Frauen mitgeben, die sich im Musikbusiness ausprobieren wollen?
Wir Frauen neigen oftmals dazu, zu selbstkritisch zu sein. Wir kennen so viele unglaublich gute Musikerinnen, die aus Angst vor Kritik nur in ihren eigenen vier Wänden bleiben. Aber versteckt euch nicht hinter den männlichen Kollegen. Glaubt an euch, macht es einfach und traut euch auf die Bühne! Euer Publikum wird es euch danken.

Auf welche zukünftigen Projekte von „HEY SIS“ darf man sich freuen?
Im nächsten Jahr hoffen wir auf noch mehr Festivalauftritte, auch im Ausland. Wir haben auch bereits einige neue Songs geschrieben, die wir bald aufnehmen wollen. Es wird bestimmt nicht ruhig um uns.

LITTLE ELEMENT

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Foto: Naomi Montaleone

Bereits im Alter von neun Jahren begann Lisa Aumaier damit, in ihrem Kinderzimmer mit Musik zu experimentieren. Heute steht die Innsbruckerin als Little Element auf der Bühne und begeistert ihre Fans mit ihrem verträumten, sphärischen Sound, den sie mit elektronischen Elementen kombiniert. Neben ihrer Arbeit als Produzentin und Musikerin gründete die 30-Jährige 2021 das Women*-Power-Multi-Media-Kollektiv INNAWILD, um Frauen und der LGBTQIA+-Community in einem geschützen Rahmen den Weg ins Musikbusiness zu erleichtern.

TIROLERIN: Glaubst du, als Frau ist es schwieriger, in der Musikbranche Fuß zu fassen, und wenn ja, warum?
LITTLE ELEMENT: Meiner Meinung nach wird es schwierig, wenn es um das Durchsetzungsvermögen, das eigene Selbstvertrauen und die hegemonialen Strukturen in diesem nach wie vor eher männerdominierten Business geht. Oft sind es altmodische Genderbilder, die Frauen das Singen zuschreiben und Männern die technischen Skills – was aber totaler Blödsinn ist. Das fängt in der Erziehung an und reproduziert sich dann immer weiter.

Hast du das Gefühl, dass du dich aufgrund deines Geschlechts in der Musikbranche anders beweisen musst, und wenn ja, wie gehst du damit um?
Ja, leider immer wieder. Wenn ich Situationen bewusst reflektiere, merke ich, dass manche Umgangsformen sicher nicht so passiert wären, wenn ich ein Mann wäre. Wenn ich sage, dass ich als Musikproduzentin arbeite, bekomme ich oft verwirrte Antworten wie: „Ah, du bist Sängerin?“ Als Sängerin identifiziere ich mich am wenigsten, da mein Hauptfokus auf Musikproduktion liegt. Als Mann hat man da seltener Erklärungsbedarf. Oft wäre es wahrscheinlich einfacher, nichts zu sagen, aber da beginnt schon das Problem: Mein Weg ist es, immer zu sagen, was ich denke, und wenn ich dann als kompliziert abgestempelt werde, ist mir das egal. Eine emanzipierte Frau mit Know-how stellt anscheinend nach wie vor eine Bedrohung für unsichere Menschen dar.

 

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Wie kann man weibliche Musikerinnen sichtbarer machen?
Auf alle Fälle muss man bei der Bildung und einer genderneutralen Erziehung ansetzen. Man sollte Frauen vorleben, dass sie genauso Schlagzeug spielen, produzieren oder Tontechnikerin sein können. Wenn einem immer gesagt wird, man kann etwas nicht, glaubt man das irgendwann. Veranstalter:innen sollten außerdem reflektierter sein, wenn es um die Auswahl des Line-ups geht. In der heutigen Zeit noch ein Festival mit einem Line-up zu machen, das zu 90 Prozent aus Männern besteht, ist zach. Man sollte aktiv darauf schauen, Musikerinnen eine Bühne zu geben.

Du gibst Workshops mit dem Fokus auf Frauen und der LGBTQIA+-Community und hast das Kollektiv INNAWILD Productions gegründet. Was ist dir dabei besonders wichtig?
Nachdem ich an einem Workshop für Produzentinnen in der Schweiz teilgenommen habe, entschied ich mich dazu, so ein Projekt auch in Innsbruck aufzubauen. Denn für mich war es ein extrem bereicherndes Gefühl, andere Frauen kennenzulernen, die die gleiche Leidenschaft teilen. Bei den Workshops können sich Interessierte ausprobieren und ihre Skills erweitern. Dabei steht die eigene kreative Entfaltung, die Unterstützung von FLINTA-Personen (Anm. der Red.: Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen) und Empowerment im Fokus. INNAWILD habe ich mit Jenny Schauerte und sieben tollen Personen aus der Kreativbranche gegründet. Gemeinsam bieten wir eine Plattform für FLINTA-Künstler:innen an – im Juni haben wir das Women* in Arts Festival gestartet, welches von der Technik übers Booking bis hin zur Produktion nur von FLINTA-Personen durchgeführt wurde. Die Bühne gehörte somit den Frauen und der vielfältigen LGBTQIA+-Community.

Welchen Rat würdest du anderen Frauen mitgeben, die sich auch im Musikbusiness ausprobieren wollen?
Lasst euch nicht unterkriegen, wenn es darum geht, eurem Herz zu folgen – auch wenn es von gesellschaftlichen Normvorstellungen abweicht. Seid euch bewusst, dass es kein einfaches Business ist, lasst euch aber davon nicht abbringen, es zu probieren. Wichtig ist es auch, ein gutes, vertrauensvolles Team um sich zu haben. Auch Workshops können helfen zu lernen. Je mehr ihr Kontrolle über euer kreatives Schaffen, technische Basic-Skills und das Business habt, umso besser.

Auf welche zukünftigen Projekte von dir darf man sich freuen?
Aktuell arbeite ich an neuen Songs, und es ist auch ein größerer Release geplant. Auch mit INNAWILD gibt es weitere Veranstaltungen, an denen wir bereits feilen. Neben der Planung eines weiteren Women* in Arts Festivals werden über das Jahr 2023 verteilt wieder neue Musik- und Produktions-Workshops stattfinden. Ich hoffe, so einige junge Menschen begeistern zu können.

SPILIF

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Foto: Bettina Filips

Egal ob Rock, Jazz, Blues oder Austropop – Bettina Filips lauschte schon als kleines Mädchen der vielseitigen Plattensammlung ihres Vaters. Schnell merkte sie jedoch, dass ihre volle Liebe dem Rap galt. Also begann die Innsbruckerin an Jams und Battlerapveranstaltungen teilzunehmen und sich als SPILIF – die umgedrehte Version ihres Nachnamens – einen Namen zu machen. Heute macht sie gemeinsam im Duo mit ihrem Produzenten Rudi Montaire Musik, die sich zwischen Boombap, Jazz, Lo-fi und Gospel bewegt. Inspiration für ihre Songs liefert ihr vor allem das Leben selbst, wie sie von sich sagt.

TIROLERIN: Glaubst du, als Frau ist es schwieriger in der Musikbranche Fuß zu fassen und wenn ja, warum?
SPILIF: Vor allem im künstlerischen Bereich ist diese Frage sehr schwer zu beantworten. Man kann die schönsten Bilder malen und dennoch nie eines davon verkaufen. Man kann großartige Musik produzieren und keinen Markt dafür finden. Ich kenne Gitarristen, die seit Dekaden das Instrument beherrschen, und trotzdem verdienen sie kein Geld damit. Künstler:in sein heißt, im Inneren den Drang, Kunst zu machen, zu verspüren, alles andere ist Übung. Ein Handwerk, das es zu erlernen gilt. Das kann jede:r, ganz unabhängig vom Geschlecht.

Sind besonders für Mädchen und junge Frauen weibliche Vorbilder auf der Bühne wichtig?
Vermutlich schon. Für mich persönlich war das allerdings eher unwichtig. Mein Vater hat mir immer gesagt, das Geschlecht spiele keine Rolle, und der Überzeugung bin ich auch. Klar habe ich Acts wie Sabrina Setlur, Cora E, TicTacToe oder Fiva gehört – aber eben auch unendlich viel Musik von männlichen Kollegen. Die Musik muss mich ansprechen, ich will mich in den Lyrics wiederfinden oder einfach den Flow feiern. Das Geschlecht der Interpret:innen spielt für mich nicht im Geringsten eine Rolle.

 

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Vor allem der Rap- und HipHop-Bereich ist meist männlich dominiert. Hast du das Gefühl, dich aufgrund deines Geschlechts anders beweisen zu müssen?
Ich kann nur für mich persönlich sprechen – ja, es gibt viele Männer im Rap, aber nicht nur ausschließlich. Ich hatte niemals ein Problem, nie das Gefühl, ich müsste mich anders beweisen. Eher im Gegenteil – ich höre immer wieder, wie toll es ist, dass ich rappe, ohne dass diese Leute jemals eine Zeile von mir gehört haben. Ich finde es gut, dass man Frauen in der Musik sichtbarer machen will. Aber ich kenne auch genügend Rapper, die eindeutig besser rappen als ich und bei Weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit bekommen, weil sie eben nur ein weiterer rappender Mann sind.

Das klingt, als ob du bisher sehr viele positive Erfahrungen gemacht hast.
Ich bin sehr gut in der Szene aufgenommen worden und seither auch in dieser Szene unterwegs. Ich denke, dass viele Frauen in der Musikindustrie ganz andere Erfahrungen gemacht haben als ich – das möchte ich auf keinen Fall kleinreden oder als nicht wahr betiteln. Für mich persönlich ist Rap aber mit einem Safe-Space gleichzusetzen: mein Geschlecht, mein Aussehen, meine Kleidung – nichts von alledem war jemals relevant in meiner Szene. Es ging immer um die Liebe zur Musik und um gemeinsam Musik zu machen.

Welchen Rat würdest du anderen Frauen mitgeben, die sich auch im Musikbusiness ausprobieren wollen?
Probiert euch zuerst nur an der Musik aus und dann im Business. Man sollte nicht davon ausgehen, dass der erste Song, den man zuhause im Kleiderschrank aufnimmt, in den Trends landet. Manchmal passiert das, ja – aber meistens eben nicht. Das bedeutet aber nicht, dass man gescheitert ist. Von einer Tischlerin im ersten Lehrjahr wird keine fehlerfreie Zirbenstube erwartet. Musik ist ein Handwerk, das erlernt werden will, und auch etwas, das man lieben muss. Tut es, weil ihr es tun wollt, geht auf kleine Open-Mic-Sessions in eurer Heimatstadt und connected euch mit anderen Musiker:innen.

Auf welche zukünftigen Projekte von dir darf man sich freuen?
Nach den letzten drei EPS, die ich mit meinem Beatproduzenten Rudi Montaire gemacht habe, folgt im kommenden Jahr ein wahrgewordener Traum meinerseits: eine LP mit Band. Das Album heißt „Irgendetwas, das du liebst“ und wird über unser Label „unserallereins“ released. Musikalisch wird es ein bisschen anders als die Vorgänger, lyrisch bleibt es persönlich und philosophisch.