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People | 06.07.2022

Aus dem Bauch heraus

Stillstand sucht man in ihrem Lebenslauf vergeblich. Auch in ihrer neuen Funktion als Tirol-Werbung-Chefin will Karin Seiler vieles bewegen. Ein Gespräch über Prioritäten, Glaubenssätze und Veränderung.

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Foto: Birgit Pichler

Innerhalb der Komfortzone hält sie sich selten lange auf. Warum auch. Herausforderungen bieten die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Und das tut sie mit beeindruckender Konsequenz. Karin Seiler ist die neue Chefin der Tirol Werbung. Zuletzt zeigte sie ihre Innovationskraft sechs Jahre lang als Geschäftsführerin von Innsbruck Tourismus. Wir treffen uns im Garten von Schloss Ambras in Innsbruck und sprechen über Bauchentscheidungen, Meditation und Gelassenheit. Und über das Lebensgefühl, das die Marke Tirol künftig verkörpern soll.

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Foto: Birgit Pichler

TIROLERIN: Es wird gerne betont, dass Sie als erste Frau an der Spitze der Tirol Werbung stehen. Ist das für Sie selbst ein Thema?

Karin Seiler: Eigentlich hat es für mich keine Relevanz, weil die Leistung und die Eignung für einen Job entscheidend sind. Es sprechen mich aber sehr viele Menschen darauf an, und ich bekomme durchwegs positive Rückmeldungen. Im Gesamtkontext des Tourismus – gerade auch in der österreichischen Landschaft – gibt es wirklich wenige Frauen. Ich sehe das also auch positiv.

Was haben Sie sich als neue Geschäftsführerin der Tirol Werbung vorgenommen?

Im Großen will ich mir genau anschauen, wo unsere Stärken liegen. Analysieren, was wir selbst tun können und was die Tourismusverbände und andere Institutionen leisten. Konkret für das Unternehmen wollen wir als innovative und engagierte Marketingagentur im Tourismus auftreten. Mein Ziel ist es, mit der Tirol Werbung eine Vorreiterrolle einzunehmen. Wie gehen Sie eine derartig große und umfassende Aufgabe an? Zunächst geht es immer darum zu erfassen, wo das Unternehmen steht: ankommen, zuhören, sehen, wie es läuft. Es macht keinen Sinn, sofort alles zu verändern. Das Gleiche ist auch nach außen hin notwendig. Ich treffe mich mit Institutionen und Tourismusverbänden, um zu hören, was die Tirol Werbung aus ihrer Sicht leisten sollte. Dann gehe ich stufenweise in die Umsetzung und überlege, was ich in der Struktur verändern möchte – nach innen in der Zusammenarbeit und nach außen, was Projekte betrifft. Parallel dazu wird die Strategie erarbeitet. Die Strukturveränderung muss parallel zur Strategie laufen. Ich will wissen, wo wir mit dem Unternehmen in den nächsten zwei oder drei Jahre hinwollen.

 

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Foto: Birgit Pichler
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Sind wichtige Entscheidungen bei Ihnen eher Bauch- oder Kopfsache?

Ich bin eher ein Kopfmensch, der Dinge analytisch sortiert. Große Entscheidungen treffe ich dann aber aus dem Bauch heraus. Dazu zählt auch der Jobwechsel. Ich nutze meine Meditation, fühle mich in verschiedene Situationen hinein und spüre, wie sich das anfühlt.

Wessen Meinung ist Ihnen wichtig?

In erster Linie meine eigene (lacht). Ich muss hinter meinen Entscheidungen stehen können. Ich habe aber auch ein Netzwerk langjähriger Vertrauter aus vier oder fünf Menschen, mit denen ich Dinge reflektiere. Generell habe ich gelernt, nicht mehr viel darauf zu geben, was andere von mir denken. Dann lebt es sich leichter.

Persönliche Weiterentwicklung findet selten innerhalb der eigenen Komfortzone statt. Verlassen Sie diese Zone gerne?

Ich habe meine Komfortzone schon immer gerne verlassen. Mit 27 Jahren war ich die jüngste Marketingleiterin bei Henkel in Wien. In Italien habe ich 20 Mitarbeiter:innen geführt, ohne Italienisch zu sprechen – ein vierwöchiger Crashkurs musste reichen. Und ich habe mich auch schon für zwei Jahre Sydney entschieden, ohne jemals in der Stadt gewesen zu sein. Es reizt mich, neue Herausforderungen anzunehmen. In meinem Lebenslauf hat sich immer dann, wenn alles funktioniert hat und eingespielt war, etwas Neues ergeben.

Wie wichtig ist Selbstreflexion für die persönliche Weiterentwicklung?

Mir ist das schon sehr wichtig. Ich frage meine Mitarbeiter:innen bei den Jahresgesprächen immer nach Tipps für mich: Was passt in der Zusammenarbeit, was hättest du gerne anders? Und wenn nicht viel kommt, frage ich noch einmal nach (lacht). Über Kritik denke ich nach und überlege, was ich ändern kann. Im Buddhismus macht man sehr viel Selbstreflexion am Abend. Wenn man irgendjemanden verletzt hat oder aus einem Gespräch geht und das Gefühl hat, dass das nicht ganz stimmig war, ist es wichtig, das am Abend energetisch aufzulösen – für sich und für die andere Person.

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Foto: Birgit Pichler

Weiterentwicklung ist auch im Tiroler Tourismus gefragt: Die Branche stand und steht vor großen Herausforderungen. Wie wollen Sie diesen begegnen?

Das ganz große Thema ist der Fachkräfte- und Personalmangel – in allen Branchen, aber ganz extrem im Tourismus. Daraus ergeben sich viele Fragen: Wie können Saisonbetriebe zum Beispiel die Vier- oder Fünf-Tage-Woche anbieten? Es wird systemische Veränderungen im Angebot und in der Infrastruktur brauchen. Wir müssen den Arbeitsplatz Tourismus attraktiver machen. Damit ist für uns als Tirol Werbung verbunden: Wie schaffen wir die Saisonverlängerung? Wie schaff en wir es, den Herbst so gut zu vermarkten, dass die Betriebe Ganzjahresbetriebe werden können? Dann haben wir wieder einen Vorteil am Arbeitsmarkt. Natürlich wissen wir auch in Sachen Corona nicht, was noch auf uns zukommt. Wofür wir kämpfen, ist, dass es europaweite Lösungen gibt. Was immer passiert, es muss uns gelingen, dass es künftig europaweite Standards gibt. Und das dritte große Thema ist, wohin sich das Marketing entwickeln wird. Die digitale Welt, die Gamification – alles, was da auf uns zukommt. Es stellt sich die Frage, wie die Gäste in Zukunft überhaupt buchen werden. Die Herausforderung ist, immer am Puls der Zeit zu bleiben.

Was zeichnet für Sie die Marke Tirol aus?

Die Marke kommt stark aus dem Kraftplatzthema. Und den Werten Mut, Verbundenheit, Echtheit und Stärke. Dieser Kraftplatz trifft es für mich immer noch gut. Der Kraftplatz wurde in der Bildsprache der Tirol Werbung vielleicht zu hart umgesetzt. Wir waren immer kühl, sportlich und kantig. Südtirol tritt weicher und lieblicher auf. Alle Erhebungen und Marktforschungen belegen, dass das Haupturlaubsbedürfnis mit 95 Prozent Relaxen ist. Runterkommen, den Kopf frei kriegen – das bedeutet für jede:n etwas anderes. Die Kraft ist, in den Urlaub nach Tirol zu kommen und alles, was man zum Abschalten braucht, vorzufinden. Dann kann man aufgetankt nach Hause fahren und verbindet seinen Urlaub mit Glücksmomenten, die man erlebt hat.

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Foto: Birgit Pichler

Sie selbst scheinen sehr in Ihrer Mitte zu sein. Haben Sie Ihre Gelassenheit auch dem Buddhismus, der Sie seit vielen Jahren begleitet, zu verdanken?

Mit 27 Jahren hat mich jemand darauf angesprochen, dass er in mir etwas spürt, das in diese Richtung geht. Ich habe also sehr jung angefangen zu meditieren. Ich fand es immer sehr spannend, was es noch so gibt. Mich haben die Zusammenhänge in der Kommunikation und weshalb unser Leben der Spiegel unserer Gedanken und Gefühle ist, meistens mehr fasziniert als mein Job (lacht). Ich habe viele Kurse und Ausbildungen gemacht. Die Gelassenheit bringen auf der einen Seite sicher diverse Seminare mit sich. Auf der anderen Seite aber auch die Meditation und der Buddhismus. Weil man ein viel distanzierteres Weltbild bekommt und sich nicht mehr so stark mit einzelnen Gefühlen identifiziert. Man weiß, dass alles Veränderung ist – damit kommt die Gelassenheit.

Sie haben also bewusst dahin gearbeitet?

Ja. Ich hatte wie so viele Menschen am Anfang ihrer Karriere hohe Anerkennungsmuster. Mit 30 habe ich meine Werte im Rahmen eines Seminars ausgewertet und gemerkt, dass ich Erfolg und Anerkennung als ganz hohe Werte verinnerlicht habe. Da habe ich entschieden, dass es das nicht sein kann. Ich habe angefangen, andere Dinge zu tun und anderen Werten wie Freiheit, Spaß und Liebe mehr Raum gegeben. Das war ein bewusster Weg. Es war mir wichtig, dass ich in eine gute Balance komme.

Können Sie unseren Leser:innen ein Buch empfehlen, das Sie inspiriert und weitergebracht hat?

Da gibt es unheimlich viele. Das Buch „Ein neues Ich“ von Joe Dispenza eignet sich gut, um in das Thema einzusteigen. Aktuell ist das Buch „Buddha-Coaching“ von Stefan und Cornelia Schwarz erschienen. Das sind Freund:innen von mir, mit denen ich viele Weiterbildungen gemacht habe. Bei diesem Buch habe ich auch mitgeschrieben und mitlektoriert.

Was würden Sie Ihrem 18-jährigen Ich aus heutiger Sicht mit auf den Weg geben?

Ich würde mir raten, mit dem Meditieren anzufangen. Und bei den Zusammenhängen im Leben immer dranzubleiben – weil das das Spannende ist. Vielleicht auch noch, dass man sich aus gewissen Beziehungen früher lösen kann und bestimmte Situationen nicht zu nah an sich heranlassen sollte. Sonst bin ich davon überzeugt, dass man seinen Weg geht und dabei lernt. Das war bei mir nicht anders. Ich wusste zum Beispiel, als ich noch relativ jung war, dass mich konfliktreiche Meetings belasten und ich am Abend lange darüber nachdenke. Mir war gleichzeitig bewusst, dass die Männer jetzt auf ein Bier gehen und keiner mehr über den Fight im Meeting nachdenkt. Mir war klar, dass ich das ändern muss. Einer meiner ersten Glaubenssätze war: Ich habe Angst vor Konflikten. Ich wusste, dass ich das auflösen muss, weil ich sonst im Beruf nicht weiterkomme. Sonst wäre mir meine Harmoniesucht im Weg gestanden oder es hätte mich emotional zu sehr belastet. Ich würde meinem 18-jährigen Ich also mitgeben: Wenn du diese Dinge relativ schnell änderst, lebt es sich leichter.

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Foto: Birgit Pichler