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People | 03.05.2022

Zwischen Wettermodellen und Messtationen

Meteorologin Brigitta Goger ist etwas Turbulentem auf der Spur.

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Foto: Canva

Sie sind Meteorologin an der Universität Innsbruck. Wo liegt aktuell der Fokus Ihrer Forschungsarbeit?

Mein Hauptfokus liegt auf Wettermodellen über Gebirgen und wie diese „performen“, also wie gut sie Daten für zum Beispiel die Wetterprognose liefern. Die Performance ergibt sich also aus dem Vergleich der Modelldaten mit denen, die von den Wetterstationen tatsächlich aufgezeichnet worden sind. Heutzutage werden die Modelle zwar immer besser und verlässlicher, man muss sie aber trotzdem ständig beobachten. An der Universität Innsbruck habe ich gerade mit der Atmosphäre über dem Hintereisferner Gletscher gearbeitet. Die ist recht komplex, weil es sich dort um eine Eisoberfläche, umgeben von Felsen handelt. Das macht die Windstrukturen dort sehr komplex und damit ideal fürs Testen unserer Wettermodelle. 

Sie waren auch an der Installation sogenannter „i-Boxen“ im ganzen Inntal beteiligt. Was ist deren Ziel und wie unterscheiden sich diese von herkömmlichen Wetterstationen?

„Boxen“ ist genaugenommen das falsche Wort. Es sind nämlich keine Schachteln, die dort herumstehen, sondern es ist ein System aus mehreren Messstationen, die so in der Region verteilt sind, dass sie ein vollständigeres Bild erzeugen können. Dabei sind die einzelnen Stationen schon sehr besonders, sie sind nämlich sogenannte Sonic Anemometer, also Sensoren, die mittels akustischer Signale Turbulenzen in der Atmosphäre messen können. Je mehr wir über diese wissen, desto mehr können wir zum Beispiel über den Transport von Luftschadstoffen erfahren. Und weil wir Turbulenzen in Wettermodellen bisher eher simplifiziert haben, würden auch sie besser werden.

 

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Foto: Martin Vandory

Es gibt wohl kaum ein komplexeres System als unsere Atmosphäre. Was bewegt einen jungen Menschen dazu, sich in ein dermaßen vielschichtiges und verwobenes Forschungsgebiet einzutauchen?

Zugegebenerweise bin ich da fast ein wenig hineingerutscht. Während meinem Meteorologie Studium hat mich aber gerade die Komplexität der Gebirgsmeteorologie so angesprochen. Dass meine Forschung, also die Verbesserung der Turbulenzdarstellung im Gebirge, dann auch gleich einen direkten Nutzen hat, dass nämlich die Wettervorhersage besser wird, das hat das dann eigentlich besiegelt.

Speziell in Tirol kann man das Gefühl bekommen, dass die ansässige Tourismuswirtschaft aktiv am Abbau der Alpen arbeitet. Könnte ein solches Verhalten in Zukunft auch negative Auswirkungen auf uns haben?

Die Frage ist, ob wir die Berge zu einem reinen Vergnügungspark machen möchten, oder ob man eher darüber nachdenken will, sie in ihrer Naturbelassenheit zu schätzen. Die Vergnügungspark-Variante ist dabei auf die Schnelle sicher die billigere, für die Natur selbst aber sich die teurere.

Im letzten Monat war der Saharastaub (teilweise wortwörtlich) in aller Munde. Werden uns so globale meteorologische und klimatische Zusammenhänge vor Auge geführt?

Auf jeden Fall! Wir dürfen keinesfalls vergessen, dass wir alle miteinander in einem Boot sitzen. Einerseits könnte das dann zwar dazu führen, dass man Verantwortung abschiebt, ganz nach dem Motto `Ich alleine kann eh nichts bewirken, also was macht es denn für einen Unterschied?. Andererseits erzeugt es aber auch eine Mitmachwirkung, wenn immer mehr ihr Handeln umstellen. Es ist ein schwieriges Thema, bei dem es eigentlich Vorbilder bräuchte. Egal ob das einzelne Personen sind, oder sogar ganze Staaten, die aufzeigen, wie es funktionieren könnte.

 

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Foto: Canva

Obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer die österreichischen Hochschulen besuchen,  sind sie in den MINT-Fächern immer noch stark unterrepräsentiert. Wie lässt sich dies Ihrer Meinung nach ändern? Muss es hier überhaupt eine Änderung geben?

Ob das tatsächlich ein Missstand ist, das ist eine große Frage. Rein theoretisch ist es bis zu einem gewissen Grad einfach Potentialverschwendung. Wenn sich zum Beispiel vor 30 Jahren eine Frau dazu entschieden hätte, Meteorologie zu studieren, dann aber Englischlehrerin geworden ist, weil das damals der akzeptiertere Weg war, dann ist das eindeutig ein Missstand. Wir denken heute leider immer noch in Kategorien, was jetzt „männlich“ und was „weiblich“ besetzt ist. Zwar ist es nicht verboten aus diesen Codes auszubrechen, es ist aber eindeutig der schwierigere und anstrengendere Weg. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen. Das ausbrechen sollte einfacher werden. Wiederum, Vorbilder wären hier hilfreich. In meinem Studium gab es zu Beginn nur männliche Professoren. Erst als dann nach einigen Jahren auch eine Frau in der Position war, habe ich gesehen, dass das auch geht.

 

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Foto: Martin Vandory

Sie sind Teil der Organisation „Girls on Ice“, die jährlich mehrtägige Expeditionen für junge Frauen durchführt. Was ist das Ziel einer solchen?

Die Idee ist eigentlich, dass man mit neun jungen Mädels im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und einer Bergführerein auf einen Gletscher geht. In einer Woche lernt man dort dann vom Gletscher, von der Umgebung und natürlich auch über alpine Sicherheit. Das Ziel ist dabei, dass man den jungen Frauen eine niederschwellige Kontaktmöglichkeit mit Bereichen wie Meteorologie, Glaziologie oder auch Geografie bietet und sie im besten Fall auch dafür begeistern kann. Es braucht dazu auch gar keine Vorkenntnisse. Man muss nicht einmal besonders alpinistisch versiert sein, eine Grundfitness reicht eigentlich und zusätzlich ist alles noch komplett gratis. Hier kommt auch wieder die Vorbildwirkung ins Spiel. Die Mädels sehen dabei, dass so eine Expedition auch von Frauen organisiert und durchgeführt werden kann. Sie bekommen dann natürlich auch kleinere Aufgaben und bemerken so, dass sie auch selbst einiges schaffen können. Bis zu einem gewissen Grad ist es auch eine Persönlichkeitsentwicklung – vom Gletscher kommen sie immer ein wenig anders herunter, als sie ursprünglich hinaufgegangen sind.

Warum liegt der Wetterbericht eigentlich so oft falsch?

Das ist ein sehr interessantes Thema. Wenn man sich nämlich die Statistiken anschaut, sieht man, dass die Wetterprognosen immer besser werden. Ich glaube, es gibt einfach ein Kommunikationsproblem. Aber damit meine ich nicht einfach den ORF-Wetterbericht, der ist einfach sehr allgemein gehalten. Das Problem liegt vielmehr daran, dass alle heute ein Smartphone mit einer Wetterapp haben, die über den eigenen Standort einfach rohe Modelldaten ausgibt. Bei einem Wetterdienst würden diese nochmals meteorologisch be- und ausgewertet werden und aufgrund dessen eine Prognose abgegeben werden. Speziell hier im Gebirge ist das Wetter von Ort zu Ort sehr unterschiedlich, die Rohdaten einer einzelnen Wetterstation reichen einfach nicht aus.

Gibt es dann überhaupt eine Wetterapp, der man vertrauen kann?

Ich persönlich nutze meistens „Bergfex“. In Innsbruck und Tirol habe ich damit gute Erfahrungen gemacht. Auch der Prognosetext der ZAMG ist gut, wenn auch recht allgemein gehalten.