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People | 23.05.2022

Auf Morpheus' Spuren

Warum der Mensch träumt - und wie wir lernen, die nächtlichen Bilder in unserem Kopf zu verstehen.

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Wenn wir träumen, sind wir ganz bei uns. Wir tauchen in in die fantastischen Welten unseres Unterbewusstseins, reisen durch die Zeit, wir fliegen, fallen, tanzen und trauern. Doch was steckt hinter diesen nächtlichen Abenteuern - und träumen Kinder eigentlich anders als Erwachsene?

Spurensuche. Aus wissenschaftlicher Sicht ist kaum etwas so schwierig zu erforschen wie der Traum. Was dabei im Kopf eines Menschen genau vor sich geht, ist bis heute nicht wirklich begreifbar. Eine, die sich diesem Phänomen trotzdem - oder gerade deshalb - gewidmet hat, ist Brigitte Holzinger: Die Wienerin hat unter anderem in Stanford Psychologie studiert, ist zudem Psychotherapeutin und leitet das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

TIROLERIN: Was sind Träume eigentlich genau?
Brigitte Holzinger: Ganz verkürzt kann man sagen, dass Träume wie Nachtfantasien sind – unter der Bedingung des Schlafs, meistens des REM-Schlafs –, in denen Gefühle, Atmosphären und Gedanken in bewegten Bildern behandelt werden. Welche Funktion hat das Träumen? Meiner Ansicht nach wirken Träume wie eine kleine Psychotherapie. Sie dienen der sinnlichen Verarbeitung dessen, was wir tagsüber erlebt haben und unterstützen uns gleichzeitig dabei, uns bestmöglich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Wahrscheinlich haben Träume auch einen Lerneffekt. Sie balancieren unsere Gefühlswelt aus, stellen unsere Konzentrationsfähigkeit wieder her und tun wahrscheinlich noch vieles mehr.

In welchen Schlafphasen träumen wir besonders intensiv?
Brigitte Holzinger: Die Schlafphasen wechseln sich innerhalb eines Schlafzyklus ab, dieser dauert in etwa 90 Minuten. Er besteht aus REMSchlaf- und Non-REM-Schlafphasen. Sicher ist, dass wir in der REM-Phase träumen – ob das auch in anderen Schlafphasen der Fall ist, gilt es noch zu verifizieren. Während des REM-Schlafs ist unsere Großhirnrinde jedenfalls so aktiv wie im Wachzustand, wir machen große, schnelle Augenbewegungen – daher übrigens auch die Bezeichnung REM, die für „Rapid Eye Movement“ steht – und unsere Muskulatur ist quasi gelähmt.

Warum tritt diese „Lähmung“ auf?
Brigitte Holzinger: Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um einen Schutzmechanismus, damit wir nicht ausagieren, was wir träumen – also uns heftig bewegen oder gar um uns schlagen.

Wie lange dauert ein Traum ungefähr?
Brigitte Holzinger: Untersuchungen haben gezeigt, dass die luziden Träume – also die Klarträume, die man bewusst wahrnimmt – durchaus bis zu 20 Minuten dauern können. Die verbreitete Annahme, dass ein Traum immer nur ein paar Sekunden dauert, ist also nicht wirklich allgemeingültig. Aber natürlich kann auch, sobald ein bestimmtes Neuron im Gehirn aktiviert wird, sofort eine Lawine an Erinnerungen ins Bewusstsein treten – das kommt dann dem:der Träumenden sehr lange vor, spielt sich aber tatsächlich nur im Bruchteil einer Sekunde ab.

Träumen Kinder und Erwachsene eigentlich unterschiedlich?
Brigitte Holzinger: Wir gehen davon aus, dass Kinder bunter, intensiver und insgesamt mehr träumen als Erwachsene. Sie schlafen allerdings auch mehr und verbringen daher mehr Zeit in der REM-Phase.

Stichwort luzides Träumen: Was halten Sie davon, die eigenen Träume zu beeinfl ussen? Kann das jede:r lernen?
Brigitte Holzinger: Im Grunde ist ein luzider Traum ein Zustand höchster Konzentration, während wir total entspannt sind – man kann sich das wie eine Art Trance oder einen Meditationszustand vorstellen. Viele erleben in der Kindheit spontane luzide Träume, ohne es bewusst wahrzunehmen – weil man selten darüber spricht beziehungsweise ein Kind in seinen Erzählungen gar nicht ernst genommen wird. Kinder erlangen auch erst im Alter von zwei oder drei Jahren die Fähigkeit, einen Traum überhaupt von einer Geschichte in einem Film oder Buch zu unterscheiden. Luzides Träumen ist grundsätzlich für jede:n erlernbar, wobei es im Erwachsenenalter deutlich schwerer fällt – wahrscheinlich, weil der Realitätssinn schon so stark ausgeprägt ist. Man muss es wirklich wollen, es kostet viel Energie und Zeit. Aber wenn es gelingt, diesen Zustand zu erreichen, ist es wirklich eine großartige Erfahrung.

Also würden Sie jedem:jeder empfehlen, sich im luziden Träumen zu versuchen?
Brigitte Holzinger: Nein. Mit diesem Thema sollte man keinesfalls leichtfertig umgehen, denn gerade bei Menschen mit psychischen Erkrankungen kann das luzide Träumen eine irritierende Wirkung haben oder gar zu einer Realitätsverschiebung führen. Ich würde in jedem Fall empfehlen, sich dabei professionell begleiten zu lassen. Wichtig zu erwähnen ist auch – denn das wird häufig falsch kommuniziert: Man kontrolliert den Traum im luziden Zustand nicht, sondern lernt lediglich, bewusste Entscheidungen darin zu treffen. Und das ist auch gut so, denn ein Traum ist doch so eine großartige Erfahrung – auch ohne das eigene Ich, das am Steuer sitzt.

 

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Jeder Mensch träumt ja, aber die Erinnerung daran ist nicht immer gleich – manchmal ist sie besonders intensiv, manchmal gar nicht vorhanden. Warum?
Brigitte Holzinger: Meistens bleiben jene Träume im Gedächtnis, die mit besonders intensiven Gefühlen einhergehen – also beispielsweise Angst, Trauer oder sehr glücklichen Momenten. Aber auch bei Schlafstörungen erinnert man sich häufig daran. Sie kennen sicher den Ausspruch: „Ich habe so schlecht geschlafen, ich habe die ganze Nacht geträumt.“ Ganz grundsätzlich gehe ich aber davon aus, dass alles, was im Schlaf passiert, ein Regenerationsmodus ist, in dem die Erinnerung eigentlich wenig Platz hat. Erinnerung ist eine Leistung, die in den wachen Zustand gehört. Im Schlaf nehmen wir ja sehr vieles gar nicht wahr: das Aufwachen, das Sprechen im Schlaf, das Schlafwandeln und eben auch unsere Träume. Ich sage immer: Auch wenn man sich nicht daran erinnert, braucht man sich keine Sorgen zu machen – der Traum macht schon, was er soll.

Wie kann man denn lernen, seine eigenen Träume zu verstehen?
Brigitte Holzinger: Wie schon erwähnt, betrachte ich den Traum als eine sinnliche Verarbeitung des tagsüber Erlebten. Daher würde ich vorschlagen, dass man sich dem Traum auch über das „sinnliche Gedächtnis“ nähert und versucht, ihn weniger kognitiv, sondern vor allem über die Gefühlsebene zu erfassen. Sich also nicht zu fragen, „Wer war aller da?“, „Wie hat sich die Szene genau abgespielt?“ und „Wie ist es danach weitergegangen?“, sondern sich beispielsweise zu überlegen, welche Farben zu sehen waren, ob es hell oder dunkel war oder von welcher Seite die Personen den Raum betreten haben. Im Grunde so, als würde man ein Bild beschreiben. Dadurch stellt sich meist schon ein intuitives Verständnis von bestimmten Zusammenhängen ein. Ich vergleiche das gerne mit einem Kunstwerk: Wenn ich vor einem Gemälde stehe, möchte ich in erster Linie das Motiv spüren und auf mich wirken lassen. Die Interpretation steht erst an zweiter Stelle. Für alle, die ihre eigenen Träume besser verstehen möchten, bieten wir an unserem Institut eigene Traumgruppen und -seminare an. Mittlerweile gibt es sogar eine begleitende App namens „Dream- SenseMemory“.

Wie kann man sich die professionelle Traumbegleitung via App vorstellen?
Brigitte Holzinger: Am Anfang steht die Verschriftlichung – die jeweilige Person führt sozusagen eine Art Traumtagebuch, in dem sie die wichtigsten Elemente ihrer Träume festhält. Dabei werden auch die allgemeine Schlafqualität sowie äußere Einfl üsse, beispielsweise Alkohol- oder Drogeneinfl uss, Sporteinheiten oder Medikamente, dokumentiert. Anschließend bewegen wir uns auf die sinnliche Ebene: „Was habe ich erlebt?“, „Wie habe ich mich im Traum gefühlt – und wie fühle ich mich beim Aufschreiben?“ Im letzten Schritt werden etwaige Zusammenhänge zur Realität hergestellt.