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People | 25.04.2022

Interview mit Wedl-Geschäftsführer Lorenz Wedl

Gourmet - Jemand der aufgrund seiner Kenntnisse in der Lage ist, über Speisen und Getränke, besonders Wein, ein fachmännisches Urteil abzugeben. Mit nur 28 Jahren hat Lorenz Wedl 2019 als Mitglied und Sprecher der dreiköpfigen Geschäftsführung das Ruder der Wedl Handels GmbH übernommen. Ein Gespräch über Druck, Krisenmanagement und Gastrotrends.

"Man wächst mit seinen Aufgaben", sagt Lorenz Wedl. Die Aufgaben, mit denen er sich seit seinem Eintritt in die Geschäftsführung der Wedl-Gruppe im Jahr 2019 konfrontiert sieht, haben es in sich. Die Corona-Krise forderte den studierten Betriebswirt heraus. Er musste sich als Krisenmanager beweisen und richtungsweisende Entscheidungen treffen. Was Wedl aus diesen schwierigen Jahren mitnimmt und warum er trotz Rückschlägen für die Zukunft optimistisch bleibt, erzählt er im Interview.

TIROLERIN: Sie haben 2019 mit nur 28 Jahren das Ruder im Unternehmen übernommen. Wie gehen Sie mit dem Druck und der Verantwortung um?
Lorenz Wedl: Es waren turbulente Zeiten, aber ich bin sehr dankbar. Ich habe, bevor ich vor sechs Jahren in den Familienbetrieb eingestiegen bin, in Deutschland unter anderem bei der Firma Alnatura gearbeitet. Dort konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln. Im Familienbetrieb habe ich dann stufenweise immer mehr Verantwortung übernommen. Die Zusammenarbeit mit meinem Vater war immer sehr harmonisch und produktiv - er ist bekanntlich bereits seit 60 Jahren in der Branche tätig. Wichtig ist, wenn man diese große Verantwortung als Geschäftsführer übernimmt, dass man möglichst viele Freiräume hat. Das hat bei uns wunderbar funktioniert. Natürlich gab es bei gewissen Themen Reibungspunkte, insgesamt war es aber eine perfekte Symbiose. In der heutigen Zeit ist es wichtig, neue Ansätze zu verfolgen. Andererseits konnte ich immer auf die Erfahrung meines Vaters zurückgreifen.

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© Birgit Pichler

Wie lautet Ihre Bilanz nach den ersten drei Jahren in dieser verantwortungsvollen Position?
Das erste Jahr gestaltete sich wirtschaftlich normal. Dann folgten zwei Jahre, die vom Krisenmanagement geprägt waren. Prinzipien, die unter normalen Umständen gelten, sind von heute auf morgen über Bord geworfen worden, weil es in erster Linie darum ging, die Krise zu managen. Das war eine große Herausforderung, aber man wächst mit seinen Aufgaben. Ich habe durch diese Krise, die noch nicht vorbei ist, gelernt, noch besser mit Stress umzugehen. Für die Persönlichkeitsbildung war diese Herausforderung ebenfalls eine wertvolle Erfahrung, auch wenn sie nicht immer schön war. Die Verantwortung für Mitarbeiter:innen, für den Betrieb und die regionale Wertschöpfung hat man natürlich stets im Hinterkopf. Corona hat uns hart getroffen, da unser Fokus auf der Gastronomie und Hotellerie liegt. Während des ersten Lockdowns haben wir von heute auf morgen die gesamte Umsatz-Basis verloren. Bei den weiteren Lockdowns war dann schon eine gewisse Routine vorhanden und wir wussten, welche Maßnahmen greifen. Unser Team hat das bisher alles sehr gut gemeistert.

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© Birgit Pichler

Was ist Ihnen in der Unternehmens- und Mitarbeiterführung wichtig?
Gerade was die Mitarbeiter:innenführung betrifft, hat sich vieles massiv verändert. Wir leben in Zeiten von Fachkräftemangel und auch die Führungskultur und der Führungsstil müssen situativ passieren. Authoritäre Führung funktioniert nicht mehr. Die Menschen wollen mitentscheiden, brauchen Freiräume und sollen durch Ziele und deren Erreichung motiviert werden. Diese partnerschaftliche Herangehensweise war mir immer wichtig. Das hat auch überhaupt nichts mit Respekt oder Nicht-Respekt zu tun. Ich bin mit allen Mitarbeiter:innen per du. Respekt muss man sich erarbeiten und was das Führungsverhalten und die Unternehmenskultur anbelangt, hat sich einfach in den vergangenen Jahren einiges verändert.

Wird der Onlinehandel künftig eine noch wichtigere Rolle einnehmen?
Ein weiterer positiver Effekt von Corona ist die zunehmende Digitalisierung - auch in unserem Betrieb. Früher war es undenkbar, ein Meeting virtuell abzuhalten – heute überlege ich zweimal, ob ich für eine Besprechung nach Wien fahre. Der persönliche Austausch ist trotz all dem nicht zu kurz gekommen. Wir sehen es auch im Bereich unseres Webshops: Seit der Lockdownsphase haben Kund:innen vermehrt begonnen, online zu bestellen. Rund 45 Prozent unserer Zustellprozesse generieren wir derzeit über unseren Webshop. Wir investieren laufend, um ein virtuelles Einkaufserlebnis durch Produktinformationen und intelligente Vorschläge zu bieten. 360-Grad-Aufnahmen sollen die Frische der Produkte spürbar machen. Mir ist allerdings wichtig zu betonen, dass wir über den Onlineshop primär Standardbestellungen generieren. Beratung, Zusatzverkäufe und Problemlösungen müssen entweder über den Telefonverkauf oder insbesondere durch die Fachberater:innen oder Außendienstmitarbeiter:innen vor Ort besprochen werden.

Sie haben sich mit Wedl Gourmet einiges vorgenommen...
In den vergangenen Jahren haben wir stark in fachkundige Beratung, Personalschulungen, aber auch im Sortimentsbereich investiert. Wir sehen eine starke Nachfrage. Wir haben ein ziemlich breites Spektrum sowohl was das Sortiment als auch Veranstaltungen betrifft. In Innsbruck gibt es beispielsweise den Gourmet-Club, in dem man Wein-Tastings mit renommierten Sommeliers machen kann. Haubenköch:innen stellen die neuesten Produkttrends vor. Wir bieten Sushi- oder Tartar-Tastings, aber auch Weinreisen an. Wir wollen Spitzenköch:innen und Spitzensommeliers mit interessierten Menschen zusammenbringen, die sich kulinarisch verwöhnen lassen wollen und das Ganze zu Hause nachkochen können.

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In welche Richtung soll sich die Wedl-Gruppe in den kommenden Jahren entwickeln? Wo sehen Sie das Unternehmen in zehn Jahren?
Wir wollen weiter und aufgrund von Corona wieder wachsen. Heuer rechnen wir damit, dass wir das Niveau über 2019 erreichen. Natürlich gibt es viele Dinge, die uns beschäftigen. Im Bereich Digitalisierung können wir durch den Einsatz intelligenter Software noch effizienter werden. Wir wollen neue Zielgruppen erreichen, weil wir während der Lockdownphasen gesehen haben, dass wir unsere Zielgruppe zu eng definiert haben. Wir möchten in öffentlichen Einrichtungen stärker Fuß fassen und auch private Gourmets mit unserem Angebot ansprechen. Natürlich gibt es Expansionspläne, die wir mittelfristig umsetzen wollen. Man braucht nur auf die Landkarte zu schauen, wo es trotz österreichweiten Standorten unseres Familienbetriebs noch weiße Flecken gibt. Ein Blick in Richtung Steiermark beispielsweise verrät, dass wir hier noch nicht vertreten sind. Potenzial ist also auf jeden Fall vorhanden.

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Printausgabe der TIROLERIN.

 

Text: Katharina Zierl