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People | 06.09.2021

Hoch hinaus

Wir haben Para-Kletterin Jasmin Plank getroffen – und Einblick in ein Leben bekommen, in dem nichts unmöglich scheint.

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© Martin Vandory

Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen: Wäre Jasmin eine Prinzessin, wäre das ihr Leitspruch. Und wenn sie sagt, dass sie im nächsten Leben eine sein wird, glauben wir ihr das. Denn gewöhnliche Ziele sind ohnehin nicht so ihr Ding.

Aufstehen

Seit über neun Jahren lebt die Hallerin mit der Diagnose „spastische Tetraparese“ – einer in Schüben voranschreitenden Krankheit, die ihre Beine irgendwann komplett außer Kraft gesetzt hat. Auf die Frage nach dem Warum hat Jasmin bis heute keine Antwort. Doch trotz ernüchternder Prognosen wusste sie, dass es für sie nur eine Richtung geben würde: hoch hinaus. Heute zählt Jasmin zu den besten Para-Kletterinnen der Welt. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

TIROLERIN: Auf den Fotos an Ihrer Wand sieht man Sie fast immer in Bewegung. Waren Sie schon immer so sportlich?
Jasmin Plank: Nein, gar nicht. Ich war früher der schlimmste Couchpotato überhaupt! Ich habe erst mit dem Sporteln angefangen, als ich mit 16 ins Berufsleben eingestiegen bin. Damals bin ich täglich ungefähr zwei Stunden auf den Skates gestanden, um nach dem Arbeitstag den Kopf freizubekommen.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass mit Ihrem Körper etwas nicht stimmt?
Da war ich 23. Ich hatte gerade die Umschulung zur Früherzieherin hinter mir und leitete eine Kinderkrippe. Ich hatte eigentlich alles, was ich wollte. Ich dachte mir ganz klischeehaft: eigene Wohnung, toller Job – fehlen nur noch Freund und Familie. Eines Tages sah ich plötzlich auf einem Auge ganz verschwommen. Meine Augenärztin stellte eine Sehnerventzündung fest. „Kann passieren“, dachte ich mir. Ich bekam Kortison und eine vierwöchige Sportpause verordnet. Als ich nach der Pause wieder anfing, mich zu bewegen, stellte ich fest, dass meine Beine nicht mehr so funktioniert haben wie vorher – nach dem Sport haben sie sich angefühlt wie Wackelpudding. Zuerst habe ich das aufs Kortison geschoben. Nach ein paar Wochen bin ich nochmal zum Arzt gegangen, der mich direkt auf die Klinik überwiesen hat. Dort wurde bei mir eine spastische Lähmung diagnostiziert.

Was macht eine solche Diagnose mit einem jungen, bewegungsfreudigen Menschen wie Ihnen?
Die Krankheit verläuft in Schüben, daher gab es immer gute und schlechte Tage. Die guten Tage habe ich immer in vollen Zügen genossen und die Krankheit, so gut es ging, ausgeblendet. Ich bin trotzdem jeden Tag auf den Inlineskates gestanden und war viel am Berg und in der Natur unterwegs. Bis 2016, als ein gewaltiger Schub kam. Danach konnte ich nur noch auf Krücken gehen. Sportlich ging zu dem Zeitpunkt sowieso nichts mehr. In der Reha-Station sagte ich zu den Ärztinnen und Ärzten: „Ich bin hier, um die Krücken loszuwerden. Vorher gehe ich nicht.“ Nach sechs Wochen harter Arbeit bin ich mit Walking-Stöcken aus der Reha entlassen worden. Trotzdem wurde mir damals gesagt, dass ich nie wieder richtig sporteln könne.

 

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Hündin Chiara weicht Jasmin nicht von der Seite. © Martin Vandory

Sie haben das Gegenteil bewiesen. Wie sind Sie zum Klettern gekommen?
Eine Psychologin in der Reha-Klinik erzählte mir, dass in Tirol gerade ein Paraclimbing-Team im Aufbau ist. Das klang für mich erstmal absurd: Wie sollte ich eine Wand hinaufklettern, wenn ich nicht einmal geradeaus gehen kann? Am Tag meiner Entlassung bin ich dann trotzdem direkt in die Kletterhalle gefahren. Die Trainerin des Teams hat mich auch gleich an die Kletterwand geschickt. Danach bin ich zwar komplett fertig, aber mit einem breiten Grinsen ins Gesicht wieder heruntergekommen. Ich habe sofort gewusst: Das ist jetzt mein Sport. Gleichzeitig wurde ich mir in dem Moment meines Handicaps zum ersten Mal richtig bewusst. Bis dahin habe ich mich nämlich selbst nie wirklich als „behindert“ gesehen. Ich dachte mir: „Jasmin, du hast jetzt die Wahl. Entweder du kannst dich in dem Umfeld mit herumliegenden Prothesen und Co. identifizieren und dazu stehen, dass auch du ein Handicap hast – oder du musst es ganz lassen.“ Ich entschied mich dafür, dazu zu stehen.

Nicht lange danach, im Jahr 2018, kamen Sie auf einer Tour in einen Steinschlag. Was ist damals passiert?
Ich war damals in einer Mehrseillängen-Tour auf der Delago-Kante in den Dolomiten unterwegs, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Es ist auch zuerst alles gut gelaufen, aber beim Abstieg wurde ich von einem Stein getroffen. Es war niemand schuld daran, es ist einfach blöd gelaufen. Eigentlich war „nur“ mein Finger gebrochen, aber das Trauma, die darauffolgenden Operationen und die Vollnarkosen waren meinem Körper einfach zu viel. Ich bekam einen starken Schub und war kurzzeitig sogar halbseitig gelähmt. Zum Glück hat sich die Lähmung am Oberkörper zurückgebildet, aber an den Beinen ist sie geblieben. Seither bin ich auf den Rollstuhl angewiesen.

Das Klettern wollten Sie sich dennoch nicht nehmen lassen. Wie schwierig war es, den Sport an die veränderten Bedingungen anzupassen?
Ich bin am Tag meiner Entlassung zurück in die Kletterhalle gekommen und habe zu meiner Trainerin gesagt: „Finde heraus, wie wir ab nächster Woche wieder trainieren können.“ Ich bin ihr und meiner Physiotherapeutin sehr dankbar, denn die beiden haben sich wirklich ins Zeug gelegt und mir mit verschiedenen Ansätzen den Weg zurück in den Sport ermöglicht. Wir sind zum Beispiel Jojo geklettert – das heißt, dass ich das Gewicht meiner Trainerin als Gegengewicht nutzen konnte, um die fehlende Kraft in meinen Beinen auszugleichen.

Welche Rolle spielt die innere Einstellung, wenn es darum geht, scheinbare körperliche Grenzen zu überwinden?
Ich wollte immer klettern. Das war alles, was für mich gezählt hat. Man kann sogar sagen, dass mir der Sport das Leben gerettet hat. Denn natürlich kommt irgendwann der Moment, wo du dir die Frage stellst: „Was bin ich eigentlich noch wert?“ Ich hatte zum Glück immer mein Team hinter mir, das mich aufgefangen und mir gezeigt hat, dass ich als Mensch immer noch gleich viel wert und wichtig bin. Gleichzeitig muss man gerade beim Klettersport geistig immer hundertprozentig konzentriert und anwesend sein. Da kommt man gar nicht dazu, lange über all die negativen Seiten des Lebens nachzudenken. Man kann schon sagen, dass es für mich wie eine Droge ist.

Was würden Sie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen raten, die gerne in den Klettersport einsteigen möchten?
Einfach mal ausprobieren. Obwohl man am Anfang natürlich keine großen Wunder erwarten darf, sollte man möglichst unvoreingenommen sein. Wir haben in unserem Paraclimbing-Team aber mittlerweile gute Vorarbeit geleistet und in der Innsbrucker Kletterhalle einen Rahmen geschaffen, in dem sich jeder und jede wohlfühlen kann – ganz gleich, welche Art von Beeinträchtigung man hat. Die Community ist wirklich offen und einfach toll.

 

 

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"Im nächsten Leben werde ich halt Prinzessin", sagt Jasmin. @ Martin Vandory

Gibt es etwas, das Sie Ihrem jüngeren Ich aus heutiger Sicht gerne sagen würden?
In meiner früheren Tätigkeit als Erzieherin wollte ich Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten und Eltern ständig beweisen, was ich trotz Handicap alles leisten kann. Heute würde ich mir sagen: Schau mehr auf dich und versuche nicht, anderen Leuten zu gefallen. Schau, dass du mit deinem Leben glücklich wirst. Der innere Frieden ist viel wichtiger als die Anerkennung von außen. 

Wo stehen wir in Ihren Augen gesellschaftlich, wenn es um die Inklusion von Menschen mit Behinderung geht? Was müsste sich noch ändern?
Ich erlebe das eigentlich in zwei Facetten: Auf der einen Seite habe ich die tolle Klettergemeinschaft, wo der Stellenwert von Menschen mit Handicap extrem hoch ist und wo man einander auch außerhalb der Halle wertschätzt und hilft. Auf der anderen Seite passiert es leider auch, dass mich Menschen schlimm beleidigen, wenn ich zum Beispiel mit meinem Auto zwei Parkplätze in Anspruch nehmen muss, weil alle Behindertenparkplätze besetzt sind. In solchen Momenten merke ich, dass wir noch ganz weit weg von wirklicher Inklusion sind. Generell glaube ich, dass man besonders Menschen im Rollstuhl viel mehr zutrauen sollte. Ich bin zutiefst enttäuscht davon, wie schnell einem das Attribut „Du kannst ja eh nichts“ aufgedrückt wird. Als ich noch in der Kinderkrippe gearbeitet habe, bekam ich sogar einmal zu hören, dass ich eine Gefährdung für die Kleinen wäre. Das ist schon sehr verletzend.

Woher nehmen Sie in solchen Momenten Ihre innere Stärke?
Ich habe das tiefe Vertrauen, dass jedem Menschen nur so viel auferlegt wird, wie er oder sie tragen kann. Und dass man an den Herausforderungen wächst. Im nächsten Leben werde ich halt Prinzessin und meine Hündin Chiara wird mein Einhorn. (lacht)

Was bedeutet für Sie heute ein uneingeschränktes Leben?
Dass ich trotz allem das machen kann, was mir Spaß macht, und meine eigenen Grenzen immer wieder neu austeste. Und wenn es Dinge gibt, wo ich unsicher bin, habe ich zum Glück viele liebe Menschen in meinem Umfeld, die mich unterstützen.

Gibt es einen Traum, den Sie gerne noch verwirklichen möchten?
Ich würde mir wünschen, dass ein Umdenken stattfindet und dass der Wert von Menschen mit einem Handicap in der Gesellschaft endlich anerkannt wird. Und dass diese Menschen den Mut finden, ihr Leben zu leben – denn ich kann euch sagen: Es ist lebenswert. Außerdem möchte ich die Delago-Kante irgendwann einmal zu Ende klettern. Schließlich haben wir noch eine Rechnung offen.