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People | 04.03.2020

The Mountains Are Calling

Alpinist Stephan Keck im Gespräch über Leidenschaft, Risiko und die Liebe zur Natur.

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Das Lager II auf dem Weg zum Gipfel des Ama Dablam in Nepal. (c) Stephan Keck Bergkult

Naturliebhaber, Bergführer, Extremalpinist: Stephan Keck hat seine Liebe zu unberührten Weiten zum Beruf gemacht. Seit Jahren ist der gebürtige Tiroler am liebsten in Gebieten unterwegs, die andere nur von Bildern kennen. Seine Reisen führten den 46-Jährigen mitunter auf den Mount McKinley, in die Sahara und auf den Mount Everest. Mit der TIROLERIN hat Keck über seine vielseitigen Eindrücke und Erlebnisse gesprochen und verraten, was man in Zukunft noch von ihm erwarten darf.

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(c) Andreas Ehrensberger

TIROLERIN: Wie sind Sie zum Bergsteigen gekommen?
Stephan Keck: Ich bin in Tirol aufgewachsen und war schon als Kind regelmäßig mit meinen Eltern in den Bergen unterwegs. Wandern und Skifahren begeisterten mich schon in jungen Jahren. Mit der Zeit wurden die Gipfel dann immer höher und schwieriger. Mit 25 habe ich mich schließlich dazu entschlossen, meinen Handwerkerberuf aufzugeben und Bergführer zu werden.

Wurde Ihnen die Liebe zum Alpinismus zum Teil in die Wiege gelegt?
Nein, das denke ich nicht. Es ist eher die Verbundenheit zur Natur und zur Urbelassenheit, zu den Wegen abseits der Menschenmassen. Früher bin ich oft in die Berge gegangen, um Ruhe zu finden. Daher kam meine Motivation, als Bergführer zu arbeiten.

Was war Ihr größter alpiner Erfolg?
Das war auf jeden Fall die Überschreitung des Mount McKinley in Alaska auf Skiern. Eine unglaubliche Tour, die mir sehr viel abverlangt, mich aber auch bereichert hat!


Sind Sie schon einmal in brenzlige Situationen gekommen?
Was ist schon eine brenzlige Situation? Für den einen ist es schon grenzwertig, auf einer Fähre ohne Rettungsboot zu fahren, und der andere denkt sich immer noch nichts, wenn er an der türkischen Grenze zu Syrien von schwer bewaffneten Polizisten mitgenommen wird.
Ich habe keine hohe Sensibilität für prekäre Situationen, was es relativ einfach macht, auf Projekte zuzugehen. Ich bin grundsätzlich positiv auf Situationen eingestellt, egal ob beim Bergsteigen oder beim Besuchen von Krisenregionen. Während meiner Tour über den Denali kam ich bei minus 45 Grad Celsius in einen Schneesturm mit Böen, die eine Spitzengeschwindigkeit von 180 Stundenkilometern erreichten. Bei einer meiner Everest-Besteigungen erlebte ich einen Gletscherspaltensturz. Egal mit welcher Situation ich bis jetzt konfrontiert war, es ist für mich bis jetzt immer alles gut ausgegangen.

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(c) Keck Fabio / Bergkult

Haben Sie den Wunsch, immer extremere Touren zu gehen?
Ja! Als die Kinder noch klein waren, hatte ich eine Phase, in der ich Umkehrpunkte und Grenzen für mich definierte. Ich schränkte meinen Egoismus, Ziele zu erreichen, bewusst ein. Damals machte mich das glücklich, weil ich zumindest einen Teil meines Lebens etwas verantwortungsbewusster führte. Heute blicke ich auf ein Leben vieler Extreme zurück, habe viele Freunde verloren und habe inzwischen nicht mehr das Gefühl, dass ich mich von irgendetwas bremsen oder aufhalten lassen soll. Das heißt nicht, dass ich ausschließlich Extremtouren suche. Ich lasse mich aber nicht mehr von Gefährlichkeit, Ausgesetztheit oder Risiko einschränken.

Lernt man vom Bergsteigen fürs Leben?
Man lernt eine gewisse Disziplin und Härte sich selbst gegenüber und erlangt die Fähigkeit, zu improvisieren und auch in ausweglosen Situationen Lösungen zu finden. Das kann durchaus auch im normalen Leben nützlich sein. Natürlich braucht man die richtige Grundeinstellung, um sich körperlich und mental freiwillig Stunden, Tage oder Wochen zu verausgaben.

Sie waren schon mehrmals auf dem Mount Everest. Was halten Sie von der momentanen Entwicklung, bei der immer mehr Menschen versuchen, den Gipfel zu erklimmen?
Ich habe einen sehr individuellen Standpunkt dazu. Die Besteigung des Everest auf dem Normalweg ist längst keine Sensation mehr. Niemand aus Presse und Medien hat sich für meine letzte Expedition dorthin interessiert. Der Everest ist ausgelutscht, langweilig, unsensationell, möchte man meinen. Die Bilanz von 16 Toten innerhalb einer Saison änderte das schwindende Interesse am höchsten Berg der Welt schlagartig. Plötzlich glaubte jeder, Experte zu sein, sich eine Meinung über den vermeintlich verheerenden Massentourismus am Everest bilden zu dürfen. Meiner Ansicht nach ist diese Entwicklung aber absolut nichts Neues, und meine Eindrücke sind zum Teil komplett anders, als sie in der Presse dargestellt werden. Für mich war es schon vor meiner letzten Expedition klar, dass ich am Everest nicht alleine sein werde. Warum auch, wir sind in den Alpen nichts anderes gewohnt. Menschenschlangen, überfüllte Hütten, Personen, die weder die Qualifikation noch die körperliche Voraussetzung haben, um auf hohe Berge zu gehen. Mehr als 16 Tote pro Saison sind am Mont Blanc ganz normal. Dasselbe gilt für Großglockner, das Matterhorn, den Eiger und den Ortler. All diese Berge sind Anziehungspunkte für tausende Bergsteiger. Es spielen sich Dramen ab und Menschen sterben, es sind viel zu viele Leute unterwegs. Alpinismus hat zum Teil nichts mehr mit Natur und Freiheit zu tun, es ist nur ein Wettlauf. Kleinste Fehler können fatal enden, und ja, ein Fehler am Everest ist mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich.

 

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Seine Reisen führten Keck auch in die pittoresken Landschaften Norwegens. (c) Stephan Keck Bergkult

Sie waren bereits auf allen sieben Kontinenten und in mittlerweile 62 Ländern unterwegs. Wie viel bekommen Sie auf Ihren Touren von Kultur und Leuten mit?
Anfangs relativ wenig, da ich ausschließlich zum Bergsteigen unterwegs war und ich sehr zielorientiert alpine Touren verfolgt habe. In den letzten Jahren hat sich das komplett gewandelt. Ich habe nach wie vor meine alpinistischen Ziele, bin aber Kultur und Menschen viel nähergekommen. Es ist inzwischen so, dass einige meiner fotografischen Reisen primär kulturellen oder menschlichen Hintergrund haben.

Welche Reise ist Ihnen bis jetzt am besten in Erinnerung geblieben?
Die Fahrt von Österreich nach Uganda mit einem 40 Jahre alten Hanomag. Damals reisten wir als Familie mit zwei Kleinkindern quer durch Nord- und Ostafrika, durch Länder wie den Sudan, Äthiopien, Kenia und Tansania. Es gibt für mich vom mentalen Anspruch her nichts Vergleichbares. Wir konnten zum einen wunderschöne Gebiete und Regionen durchqueren, waren der Strecke und der Natur aber auch vollständig ausgesetzt. Wüsten, hohe Berge, Dschungel, verschiedenste ethnische Gruppierungen und nicht zuletzt die Durchquerung zahlreicher Krisenregionen machten diese Reise zu einem einzigartigen Erlebnis. Abgesehen davon, dass es heute aus politischer Sicht noch weniger vertretbar wäre, diese Reise mit Kleinkindern zu unternehmen, bin ich im Nachhinein sehr froh, dass wir den Trip trotz vieler Schwierigkeiten und Extremsituation gemacht haben.

Welche alpinen Ziele verfolgen Sie noch?
Es gibt für mich noch einige Vorhaben auf den Achttausender dieser Welt. Aber auch anspruchsvolle Touren in den Alpen reizen mich. Ich habe noch viele offene Träume und Pläne und es kommen ständig neue Ideen dazu. Mir wird also bestimmt nicht so schnell langweilig.

Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, Ihre Karriere als Bergsteiger zu beenden?
Nein, noch nie! Es gab Situationen, in denen ich dachte, das Bergführerleben aufzugeben und nur noch privat in den Bergen unterwegs zu sein. Aber das habe ich dann doch nicht geschafft.

Wenn Sie nicht Bergsteiger wären, was wären Sie dann?
Fotograf, Kriegsberichterstatter oder Techniker in Krisengebieten, zum Beispiel für Ärzte ohne Grenzen. Man merkt – das Extreme liegt mir.