Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 02.02.2020

Trickfilmheldinnen

Innsbruck – Hollywood: Die TIROLERIN hat sich mit der Animationsfilmmacherin Jill Culton zum Telefoninterview verabredet und mit ihr über das Filmbusiness und ihren neuesten Film „Everest – Ein Yeti will hoch hinaus“ gesprochen.

Jill Culton ist seit knapp 30 Jahren als Zeichnerin, Drehbuchautorin und Trickfilmregisseurin tätig. Anfang Februar erscheint ihr Film „Everest – Ein Yeti will hoch hinaus“ auf DVD. Wir haben uns mit der Künstlerin aus Hollywood über ihr neues Werk und die Arbeit in der Animationsfilmbranche unterhalten.

Bild everest_yeti_will_hoch_hinaus_28_xp_szn.jpg
(Foto: DreamWorks Animation)

TIROLERIN: Sie haben vor sieben Jahren angefangen, an „Everest“ zu arbeiten. Wie sind Sie dazu gekommen?
Jill Culton: Als Regisseurin kommt man ins Studio und bekommt verschiedene Projekte präsentiert, die ausgearbeitet werden sollen. So war es auch bei „Everest“. Am Abend ging ich heim und da kamen die Ideen. Also kam ich am nächsten Tag ins Studio und sagte: „Das ist der Film, den ich machen will.“ Ich verfasste ein paar Konzeptvorschläge für die Umsetzung des Films. Den Verantwortlichen gefiel meine Richtung und damit durfte ich auch das Drehbuch schreiben. Ich bekam die Möglichkeit, mir die Story von Anfang an zu überlegen. So konnte auch viel Persönliches in die Geschichte fließen. Ich schätze diese Möglichkeit sehr.

Der Film wurde für ein Publikum sowohl in westlichen Ländern als auch in Asien produziert. Gab es Probleme, den kulturellen Eigenheiten gerecht zu werden?
Die eigentliche Herausforderung waren die Details. Mir waren diese gerade bei einem Film, dessen Handlung komplett in China spielt, sehr wichtig. Wir hatten großes Glück, die Pearl Studios aus Shanghai als Partner an unserer Seite zu haben. Dank des Künstlerinnen- und Künstlerteams konnte ich mir sicher sein, authentische Bilder zu bekommen. Ich finde die Zusammenarbeit sehr gelungen. Was die Geschichten betrifft, versuchen wir, eine Story universal zu sehen. Man wählt Themen, die sich allgemein um Menschen und deren Befinden drehen. Die dargestellte Kultur wird zu einem wundervollen Bestandteil des Films. Er bringt sie dem Publikum näher, mit all seinen Traditionen und der Umgebung. Aber die erzählte Geschichte und die Charaktere mit ihren Persönlichkeiten sind universell. Ich habe den ganzen Film in Mandarin geschaut, wovon ich kein Wort verstehe, aber alle haben gelacht. Es ist entzückend zu sehen, wie sehr sich beide Kulturen mit der Geschichte und den Charakteren identifizieren.

 

Bild 15C35_EC_D001_1857RV3.jpg
Jill Culton studierte am California Institute of the Arts. Seit 1993 ist sie bei verschiedenen Animationsfilmstudios tätig, wobei sie vor allem als Visual Artist, Drehbuchautorin und Regisseurin arbeitete. So war sie an Filmen wie „Toy Story“, „Monster AG“ oder „Jagdfieber“ beteiligt. „Everest – Ein Yeti will hoch hinaus“ ist ihr neuester Film, für den sie das Drehbuch verfasste und Regie führte. (Foto: DreamWorks Animation)

Die Reise durch ganz China ist ein wichtiger Teil der Story. Der Film ist voll von faszinierenden Szenen in der abwechslungsreichen chinesischen Landschaft. Warum steht die Natur so sehr im Mittelpunkt?
Ich selbst bin viel im Wald unterwegs, wandere und campe gerne. Die Natur ist mir wichtig. Bei meiner Recherche für den Film habe ich mir eine Karte von China angeschaut, sie an meine Wand gepinnt und mir einen realistischen Weg überlegt, wie die Reise von Shanghai ins Himalaya aussehen könnte. Dann habe ich angefangen, zu den verschiedenen Orten entlang der Strecke zu recherchieren. Die Schönheit der chinesischen Natur hat mich umgehauen! Es gibt so gigantische Denkmäler, von denen ich nie zuvor gehört hatte, wie zum Beispiel den größten Buddha der Welt, der aus einem Felsen gemeißelt wurde, oder das Jangtsekiang-Tal mit seinen leuchtenden Farben. Ich dachte mir: „Niemand erzählt von dieser Seite Chinas“, aber sie hat mich wirklich berührt. Es war mir wichtig, die Natur im Film hervorzuheben. Deswegen äußern sich Everests magische Fähigkeiten auch in einer Bestärkung der Natur, er kann zu ihr sprechen und sie damit wachsen oder aufblühen lassen. Ich habe diese Richtung vor allem eingeschlagen, weil mich die Existenz dieser schönen Orte, von denen noch nie jemand gehört hat, wirklich getroffen hat. Man kennt die Chinesische Mauer und hat die großen Städte im Kopf, wenn man an China denkt, aber ich dachte, der Film wäre eine großartige Möglichkeit, die verschiedenen Seiten des Landes zu präsentieren. 

 

Bild everest_yeti_will_hoch_hinaus_22_xp_szn.jpg
Zahlreiche Szenen im Film begeistern mit ihrer Atmosphäre kleine und große Zuschauerinnen und Zuschauer. (Foto: DreamWorks Animation)

Animationsfilme werden allen voran für Kinder produziert. Sehen Sie in ihrer Arbeit einen gewissen Erziehungsauftrag, die Aufgabe, Werte zu vermitteln? 
Ja, es gibt ein paar Dinge, die der Film rüberbringen sollte. Mir war es sehr wichtig, eine weibliche Hauptfigur zu haben, die keine Prinzessin ist, sondern eher das starke, eigensinnige, hartnäckige Mädchen, das die Reise riskiert, obwohl es sich für ein Kind wie sie um einen unmöglichen Weg ins Himalaya handelt. Die Idee, an etwas dranzubleiben, durchzuhalten und nicht aufzugeben, ist dabei ein wichtiger Wert, weil ich denke, viele Kinder haben den Eindruck, dass alles so unmittelbar passiert. Ich wollte die Figuren davon wegschreiben. Sie sollten sich die Reise selbst zusammenreimen, aufeinander vertrauen, ihr Smartphone weglegen, wirklich miteinander sprechen und den Mut haben, auf das Schicksal zu vertrauen, dass sie es schaffen können. Auf gewisse Weise beschäftigt sich der Film auch mit Trauer und der Abwendung von der eigenen Familie. Man muss keinen Elternteil verlieren, um sich von der eigenen Familie entfernt zu fühlen. Es gibt viele Dinge, die dieses Gefühl hervorrufen können. Bei mir war es so, dass sich meine Eltern scheiden ließen, als ich etwa in Yis Alter war, und es war hart, damit zurechtzukommen. Ich fühlte mich stumm und wollte nicht darüber reden. Ich denke, viele Teenager kennen diese Situation, und viele Menschen machen solche Phasen durch. Daher wollte ich den Gedanken stärken, in harten Zeiten auf die Familie zu vertrauen und miteinander zu reden – egal ob mit Freunden oder der Familie. Am Ende nimmt Yi so auch Jin und Peng als Teil ihrer Familie an. Sich mit anderen zu verbünden und in schweren Zeiten die Nähe zueinander zu suchen sind weitere Werte, die ich im Film hervorheben wollte.

 

Bild everest_yeti_will_hoch_hinaus_30_xp_szn.jpg
(Foto: DreamWorks Animation)

Woher nehmen Sie die Inspiration für „Everest“?
Ich fand es spannend, eine Kreatur neu zu erfinden und sie für den Film einzigartig zu machen. Ich hatte schon immer Hunde als Haustiere, und wenn man mit ihnen zusammenlebt, kommt es einem vor, als wären weitere Personen im Haus. Sie sind so unschuldig und verspielt. Sie in der Natur zu betrachten ist wirklich inspirierend. Schon beim ersten Entwurf für Everest wollte ich nicht, dass er auf zwei Beinen läuft, wie man es von einem Yeti erwartet. Ich wollte, dass er sich auf allen vieren fortbewegt, wie ein Hund. Außerdem sollte die fröhliche und verspielte Erwartungshaltung aufgegriffen werden, die aufkommt, wenn man etwas zum ersten Mal sieht und auskundschaftet. Im Verlauf der Geschichte wollte ich tiefer gehen und so zeigen sich auch die magischen Kräfte von Everest. Er nimmt mehr und mehr die Rolle eines Schutzengels ein.

Heutzutage arbeiten zunehmend mehr Frauen in der Branche. Welchen Einfluss hat das auf zukünftige Geschichten?
Als ich Schülerin am California Arts Institute war, waren in der Klasse mit 90 Schülern vier Frauen – heute sind es 60 Prozent. Allein von daher kann man schon sagen, dass sich die Branche in naher Zukunft verändert. Es gibt immer verschiedene Story-Alternativen und jeder hat seinen eigenen Ansatz. Ich glaube, Frauen verfügen schon über eine eigene Art und Weise, Geschichten zu erzählen, und das bringt die Balance zwischen verschiedenen Ansätzen des Storytellings. Zumindest in den Studios, für die ich gearbeitet habe, war man dankbar dafür, mich im Team zu haben, jemanden, der Ideen anbieten konnte, um die Balance zu finden. Bei den Filmcharakteren muss man sicherstellen, Frauen im Team zu haben, die dabei helfen können, den Figuren einen authentischen Charakter zu verleihen. Ich glaube, ein Wandel ist im Gange, es gibt momentan so viele Möglichkeiten.

Was war Ihr liebstes Projekt und warum?
Die Arbeit an „Everest“ war wirklich spitze. Ich habe die Geschichte von Herzen erzählt, und ich glaube, das war auch der Schlüssel. Der Film ist unglaublich schön gemacht. Es werden neue Technologien angewendet, damit die Magie im Film funktioniert. Alles Neue musste erst erfunden werden. Das war schwierig und herausfordernd, aber das Team teilte eine solche Begeisterung, und das macht den Film zu etwas Großartigem. Mein zweiter Favorit, an dem ich gearbeitet habe, ist „Toy Story 1“. Ich glaube, es liegt daran, dass es mein erster Animationsfilm war. Gleichzeitig war die Arbeit hart. Jeden Tag änderte sich die Technik, ich war Anfang 20 und lernte, schaute zu und animierte zum ersten Mal am Computer. Dann kam das Storyboard. Ich glaube, „Everest“ und mein allererster Film waren besondere Momente in meiner Karriere.


Bild everest_yeti_will_hoch_hinaus_2d_xp_dvd.jpg (1)

Der Film

„Everest“ erzählt die Geschichte der jungen Yi. Eines Tages findet sie auf ihrem Dach inmitten von Shanghai einen verängstigten Yeti. Kurzerhand tauft sie ihn nach seiner Heimat auf den Namen „Everest“ und beschließt, ihn zurück nachhause zu bringen. Mit ihren Freunden Jin und Peng beginnt eine aufregende Reise quer durch China. Doch auch der reiche Laborbesitzer Burnish und die Zoologin Dr. Zara sind dem magischen Geschöpf auf den Fersen.
Ab 6. Februar 2020 ist „Everest – Ein Yeti will hoch hinaus“ auf DVD und Blue-ray erhältlich.