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People | 29.12.2019

Nachgefragt

In ihrem aktuellen Konzertprogramm „Kann denn Liebe Sünde sein?“ stellt Ausnahmekünstlerin Nina Proll Fragen an eine postmoderne Gesellschaft. Wir haben die Schauspielerin getroffen und über die Liebe, vermeintliche Sünden und das Leben im Allgemeinen gesprochen.

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Nina Proll (Foto: Robert Niederl)

Was darf eine Frau im Jahr 2019 eigentlich? Ist Genuss mittlerweile ein Schimpfwort? Kann man ein Bewusstsein für etwas schaffen, wenn man selbst keines hat? In ihrem aktuellen Konzertprogramm „Kann denn Liebe Sünde sein?“ räumt Nina Proll Platz für Fragen ein, die sonst gerne überhört werden.

Kein Blatt vor dem Mund. In gewohnter Manier hadert Proll auch diesmal nicht, wenn es darum geht, direkt zu werden. Die streitbare Künstlerin erhitzt mit ihrer neuen Show aber nicht nur die Gemüter mancher Zuschauer. Sie regt mit einem musikalischen Frage-Antwort-Spiel auch zum Nachdenken über die Eigenarten einer postmodernen Gesellschaft an. Im Gespräch mit der TIROLERIN hat Proll ihren eigenen Gedanken zum Programm Ausdruck verliehen und lässt Einblicke in ihr Privatleben zu.

TIROLERIN: Sind Sie ein Genussmensch?
Nina Proll: Ich bin mehr ein Philanthrop, mir ist nichts Menschliches fremd und ich liebe alles, was schön, lustvoll und sinnlich ist. Als Hedonist im klassischen Sinn würde ich mich nicht bezeichnen. In meinem Leben pflege ich immer wieder Phasen des Verzichts, der Disziplin und Askese. Und manchmal genieße ich es auch, traurig oder enthaltsam zu sein.

Wie viel Ernst steckt in Ihrem aktuellen Programm?
Mehr als mir lieb ist. Die Themen, die ich auf der Bühne behandle, sind brandaktuell. Egal wo man heute hinsieht – es herrscht permanent ein Übermaß an politischer Korrektheit und absurden Verboten. Da ist es gar nicht so leicht, sich Humor zu bewahren.

In „Kann denn Liebe Sünde sein?“ geht es darum, was Frauen dürfen, sollen und wollen. Was ist das eigentlich?
Das konnte Sigmund Freud auch nach 50-jährigem Studium nicht beantworten. Frauen sind ja keine homogene Gruppe, sondern zahlreiche Individuen. In meiner Show liefere ich also keine konkreten Antworten, sondern beschäftige mich lediglich mit dem Thema. Es macht Spaß, sich mit den Widersprüchlichkeiten der weiblichen Psyche auseinanderzusetzen.

Worin liegt die Kernaussage Ihres Programms?
Mir war wichtig herauszuarbeiten, dass das weibliche Geschlecht genauso „mächtig“ ist wie das männliche – nur vielleicht in anderen Bereichen oder auf anderen Ebenen, auch wenn man das nicht gerne zugibt. Ich denke, Frauen haben oft ein Problem damit, „Macht“ im klassischen Sinne zu übernehmen. Führungspositionen in großen Unternehmen oder in der Politik innezuhaben heißt, polarisierende Entscheidungen treffen zu müssen. Es bedeutet, sich auf gewisse Art und Weise schuldig zu machen. Frauen haben diesbezüglich mehr Skrupel als Männer.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Programm auch mit der Rolle der Frau in der Geschichte und der Gegenwart. Welchen Erzählbogen spannen Sie damit?
Ich versuche zu analysieren, wie sich Sünden und Tugenden verändert haben. Was wir früher durften – und was wir jetzt müssen. Es gibt in diesem Zusammenhang ein schönes Zitat von Charles Aznavour: „Frauen haben heute mit Sicherheit mehr Rechte. Aber mehr Macht hatten sie früher.“ Das bringt das Dilemma der modernen Frau recht gut auf den Punkt. Wir dürfen jetzt alles, was früher Männern vorbehalten war. Aber so richtig will uns diese Hälfte des Kuchens nicht schmecken. Ist ja auch klar, denn trotzdem sind wir es, die Kinder bekommen. Wenn Gleichberechtigung nur daran bemessen wird, ob Frauen auch 60 Stunden die Woche „hackeln“, dann werden wir – mit Recht – nie Gleichberechtigung erreichen.

 

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Prolls neue Show lädt nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken ein. (Foto: www.guentheregger.at)

Viele sehen in Ihnen ein Symbol weiblichen Selbstbewusstseins. Sind Sie immer so tough, wie Sie sich nach außen hin geben? 
Ich finde nicht, dass ich tough bin. Ich bin nur wahnsinnig selbstverliebt und narzisstisch! Nein, im Ernst: Ich kann auch ein totales Weichei sein, besonders, wenn ich jemanden liebe.

In einem aktuellen Interview sprechen Sie davon, dass Sie vor allem bei Gehaltsverhandlungen hart sein können. Was raten Sie anderen Frauen, wenn diese vor einem ähnlichen Gespräch stehen?
Ich rate dazu, hoch zu pokern. Und sich selbst ein Limit zu setzen, unter dem man den Job nicht annimmt. Leider ist es in unserer kapitalistischen Welt so, dass alles, was nichts kostet, nichts wert ist. Wenn man zu bescheiden ist, denken die Leute nicht: „Ah, die ist viel billiger als ein Mann, die nehmen wir!“ Sondern sie denken: „Warum ist die so billig? Die kann nicht gut sein.“

Verkaufen sich Frauen zu oft unter ihrem eigentlichen Wert? 
Männer sind mit Sicherheit viel schamloser und dreister in ihren Gehaltsforderungen. Das hängt aber damit zusammen, dass Männer keine Wahl haben. Sie „müssen“ Karriere machen und definieren sich viel mehr über ihre Arbeit. Frauen nicht. Frauen können auch „nur“ Mutter und Ehefrau sein.

Könnten Sie sich persönlich vorstellen, Ihre Karriere dafür eine Weile auf Eis zu legen?
Ich habe und hatte immer wieder Phasen, in denen ich nicht oder nur wenig arbeite. Ganz auf meine berufliche Selbstständigkeit zu verzichten kann ich mir allerdings nicht vorstellen. Ich werde immer unruhig, wenn sich mein Konto gegen null bewegt.

Was bedeutet Sünde in einer postmodernen Gesellschaft?
Heutzutage ist alles eine Sünde, was nur irgendeinen anderen verletzen, diskriminieren oder belästigen könnte. Wurstsemmel essen in der U-Bahn, breitbeiniges Sitzen oder Rauchen in Anwesenheit von Nichtrauchern – das ist heute unverzeihlich. Wir rühmen uns oft damit, besonders „liberal“ zu sein, aber in Wahrheit sind wir jetzt viel unfreier als noch vor zehn Jahren. Der sogenannte „Liberalismus“ führt sich selbst ad absurdum. Wenn das Individuum wichtiger ist als die Gemeinschaft, braucht man sich nicht wundern, wenn es keine Solidarität mehr gibt. Bald besteht die einzige Freude darin, jemand anderem etwas zu verbieten. Man kann kaum mehr etwas tun, ohne dass sich irgendwer belästigt fühlt.

Gehören Sünden zum Leben?
Natürlich. Sünde gibt es ja nur, weil es irgendjemanden gibt, der glaubt zu wissen, was richtig oder tugendhaft ist.

Das heißt, das Problem liegt nicht bei der Sünde, sondern beim Moralapostel selbst?
Wir alle machen Fehler und sündigen. Das Problem liegt in der Doppelmoral und dem Missionierungsdrang der selbsternannten Moralisten. Jan Böhmermann kritisiert menschenverachtende Sprache und beschimpft im selben Atemzug Österreicher als „Debile“. Ich denke, wer die Welt verbessern will, sollte zuerst bei sich selbst beginnen.

Ist Liebe eine Sünde wert? 
Definitiv. Die Religion hat der Liebe einen großen Dienst erwiesen, als sie sie zur Sünde erklärt hat.


Kann denn Liebe Sünde sein?

Wer sich Nina Prolls Fragen live stellen möchte, hat am 31. Jänner im Stadtsaal Schwaz noch einmal die Chance dazu. Die Ausnahmekünstlerin verspricht einen musikalischen Abend mit Mehreffekt, Denkanstößen und Lachpotenzial. Mehr Infos unter: www.ninaproll.at