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People | 26.12.2019

Alles im Griff

Wir haben Kletterin Angela Eiter zum Interview getroffen und uns mit ihr über Problemlösung in der Vertikalen und am Boden unterhalten.

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(Foto: Redbullcontentpool/Javipec)

Problemlösung an der Wand und auf dem Papier: Angela Eiter ist Kletter-Naturtalent, mehrfache Weltmeisterin – und Autorin! Kürzlich veröffentlichte sie ihr Buch „Alles Klettern ist Problemlösen“. Die TIROLERIN hat sich mit ihr über Probleme und ihre Lösung im Sport sowie im alltäglichen Leben unterhalten.

TIROLERIN: Wie sind Sie zum Klettern gekommen?
Angela Eiter: Ich bin mit elf Jahren über die Sporthauptschule in Imst zum Klettern gekommen. Klettern wurde als Freifach angeboten und ich habe es ganz spontan ausprobiert. Ein glücklicher Zufall eigentlich. Ich habe sofort gesehen: Das ist mein Sport!

Was macht den Sport für Sie aus?
Ich mag das Tüfteln. Klettern ist ein Sport, bei dem der Körper und der Geist im Einklang sind, weil man die Route studieren muss, lesen muss. Ich muss mir den Weg selbst interpretieren. Klettern ist viel Kopfarbeit.

Können Sie beim Klettern gut abschalten?
Total. Dadurch, dass ich eins sein muss mit der Route, vergesse ich so viel um mich herum, gerade die Alltagssorgen. Ich lasse sie sozusagen am Wandfuß zurück. Das gelingt mir natürlich auch nicht immer. Wenn ich beruflich viel zu tun habe, viele Termine, viel Druck und Stress, dann ist es auch schwierig, meinen Geist abzuschalten, dann habe ich nicht die Ruhe.

 

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(Foto: Redbullcontentpool/Bernhard Hörtnagl

Würden Sie sich als Bauch- oder Kopfmensch bezeichnen?
Ich würde mich als Kopfmensch bezeichnen. Allerdings habe ich in den letzten Jahren gelernt, mehr auf meinen Bauch zu horchen, denn der Kopf ist nicht immer ganz im Einklang mit dem Bauchgefühl. Sich mehr auf den Instinkt, das Urgefühl, zu verlassen ist oft gar nicht so unpraktisch. Im Alltag und auch beim Klettern kann ich viele Dinge aus dem Gefühl heraus entscheiden, wenn ich bewusst darauf horche.

Sie klettern, seit Sie ein Kind sind, und legten eine steile Karriere hin. Was würden Sie rückblickend als die größten Höhen und Tiefen bezeichnen?
Ich hatte ganz viele schöne Erlebnisse und absolute Höhen. Es hatte alles für sich schon seine schönen Reize. Wenn ich es allerdings in einem Punkt zusammenfasse, dann bin ich vor allem sehr dankbar dafür, dass ich in einer Gegend, einer Umgebung und in einer Zeit aufgewachsen bin, in der es mir überhaupt möglich war, diese Höhen zu erleben. Tiefen waren auf jeden Fall die Verletzungen. Gerade die Schulterverletzung wurde auch durch mein Burn-out hervorgerufen. Ich war damals in einem sehr müden Zustand. Mein Plan war sehr dicht getaktet. Burn-out, Motivationsverlust, das Training hat nicht mehr so viel Spaß gemacht. Da waren schon Anzeichen da. Aber ich habe mich wieder gut gefangen. Eigentlich wurde es durch die Verletzung wieder besser, weil ich eben wieder mehr Luft hatte. Außerdem hat mich ASP Red Bull in der Reha maßgeblich mit Physiotherapie unterstützt.

 

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(Foto: Günter Durner)

Wie haben Sie es geschafft, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen?
Ich glaube, durch die Begeisterung, die ich für das Klettern trage. Es ist mir so wichtig, dass ich das Klettern leben kann, mit meinen Freunden und meinem Ehemann, dass ich bereit bin, sehr viel dafür zu tun. Und ich weiß, im Leben geht es immer auf und ab. Ich muss eben auch die unguten Dinge annehmen und bewältigen, um auch wieder schöne Erlebnisse möglich zu machen. Auf meinem Niveau muss ich natürlich die Konsequenzen tragen, dass etwas auch mal nicht so glimpflich verläuft. Aber das nehme ich auch in Kauf, um wieder Höhen erleben zu können.

Was haben Sie vom Sport für Ihr privates Leben gelernt?
Ich muss mich fragen, was es mir wert ist, zu geben. Solange der Mensch kämpft und das Leben nach eigenen Vorstellungen leben will, bekommt er auch die Kraft, etwas zu schaffen. Auch beim Klettern ist es so. Wenn ich die Route unbedingt will, dann bin ich natürlich bereit, ein paar Dinge anzugehen, damit ich das ausleben kann, was ich gerne mache. Das ist eben meine Vorgehensweise. Ich überlege mir: Was bin ich bereit zu geben, ist mir das wichtig? Und dann gehe ich die Dinge an.

Wie hat sich Ihre Strategie, Probleme anzugehen, über die Jahre verändert?
Ich gehe meine Probleme pragmatischer an. Meine erste Verletzung war ein Weltuntergang. Heute habe ich so viel Erfahrung mit Verletzungen, dass ich weiß, es ist keiner. Es würde auch keiner sein, wenn ich gar nicht mehr klettern könnte, denn es wird sich etwas Neues auftun. Dafür lebe ich einfach zu gern.

 

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(Foto: Redbullcontentpool/Javipec)

Vor Kurzem ist Ihr Buch „Alles Klettern ist Problemlösen“ erschienen. Was hat Sie dazu gebracht, ein Buch zu schreiben?
Ich glaube, dass es eine gute Zeit ist, jetzt als Kletterin ein Buch zu schreiben, weil ich doch in einer Schnittstelle aufgewachsen bin. Vor meiner Zeit war das Klettern noch sehr unprofessionell in allen Bereichen. Bei mir war schon die Wende da, allerdings nicht so weit, wie es heute ist. Oft ist es so, dass man Dinge, die das Leben oder eben der Sport mit sich bringt, gerade die Schattenseiten, nicht erkennt. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es immer Probleme gibt im Leben. Ich wollte Leute ermutigen, ihre eigenen Durststrecken zu meistern, wenn sie Probleme haben, egal in welchen Bereichen.

Welche Tipps zur Problemlösung können Sie anderen geben?
Mein Grundprinzip ist, Schritt für Schritt zu arbeiten. Ich sehe nicht gleich die Bewältigung, denn das überfordert direkt. Es braucht Zeit, ein Problem zu lösen, und die nehme ich mir und überfordere mich nicht. So gehe ich auch beim Klettern an die Dinge heran. Ich sehe das Ziel schon vor mir, aber das ist eigentlich nur ein Richtungsgeber.

Wie war es, ein Buch zu schreiben?
Es war schön, die Dinge auf einen Punkt zu bringen und interessante Themen anzusprechen, die den Leuten auch helfen. Mir war wichtig, dass Botschaften ausgesendet werden, die die Leute für sich nutzen können. Andererseits war es sehr viel und intensive Arbeit. Aber es hat sich bezahlt gemacht.

Was gibt Ihnen am meisten Rückhalt im Leben?
Mein Ehemann und die Familie. Das sehe ich auch bei den ganzen Durststrecken. Ob als Elfjährige mit Magersucht, Burn-out, die ganzen Verletzungen – immer war die Familie der Rückhalt. Sie hat für mich einen großen Wert.


Steile Karriere

Angela „Angy“ Eiter wurde 1986 geboren und ist in Imst schon mit dem Klettern aufgewachsen. Heute zählt sie zu den besten Sportkletterinnen weltweit. Sie ist mehrfache Weltmeisterin, Europameisterin und Weltcup-Siegerin. 2013 zog sie sich aus dem Wettkampfgeschehen zurück und widmet sich seither dem Freiklettern am Felsen. 2017 meisterte sie als erste Frau eine Route mit dem Schwierigkeitsgrad 9b (XI+/XII-).