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People | 02.11.2019

Prinzip Hoffnung

Dort ganz genau hinsehen, wo die meisten lieber wegschauen: Die TIROLERIN besuchte den indischen Bundesstaat Jharkhand und hat erfahren, was es heißt, wenn Angst den Alltag prägt und wirtschaftlicher Fortschritt um jeden Preis die Menschen lähmt.

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(© Katharina Zierl)

Sie war eineinhalb Jahre alt, als ihr Vater starb. Er war Zimmermann, verletzte sich und verblutete, weil ihn niemand in ein Krankenhaus brachte. Kalista Soren ist heute 48 Jahre alt und hilft als Krankenschwester in einem Gesundheitszentrum in Lopongtandi im indischen Bundesstaat Jharkhand Menschen, die ihre Unterstützung brauchen. „Der Glaube der Familie machte es unmöglich, meinen Vater in ein Krankenhaus zu bringen. In Naturreligionen ist medizinische Hilfe außerhalb der eigenen vier Wände nicht vorgesehen. Und auch mein Onkel war nicht sonderlich interessiert daran, dass meinem Vater geholfen wird, weil er sein Land wollte“, erzählt Kalista. Ihre Mutter konvertierte nach dem Tod ihres Mannes, und Kalista absolvierte eine Gesundheitsausbildung in einem Krankenhaus der Missionsärztlichen Schwestern. „Meiner Mutter ging es sehr schlecht, ich konnte sie pflegen. Meine Berufswahl war richtig und macht mich bis heute sehr glücklich“, sagt die 48-jährige Krankenschwester. Kalistas Herzlichkeit und Offenheit überträgt sich sofort auf uns.

Menschlichkeit. Es sind Begegnungen wie diese, die lange nachwirken. Gespräche über das, was wirklich zählt, die hängen bleiben. Meine Reise nach Indien war eine außergewöhnliche Erfahrung. Was bleibt, sind viele schöne und intensive Erinnerungen. Und diese Geschichte. Eine Geschichte über Menschen. Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Über Armut, Hunger und darüber, was Fortschritt heißt. Über Stärke und Zuversicht. Darüber, sich einzulassen auf ein Leben, das so ganz anders ist als das eigene. Am allermeisten aber ist es eine Geschichte über Menschlichkeit und Mitgefühl.

 

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Eva Wallensteiner (© Katharina Zierl)

Angekommen. Als wir in Kasiadih, einem kleinen Ort in Jharkhand ankommen, empfangen uns Schwester Gemma und Schwester Bina mit einem Lächeln. „Johar!“, rufen uns die Frauen zu. „Johar“ ist, das werde ich in den kommenden Tagen noch oft spüren, weit mehr als eine Begrüßung. Es ist ein Wort für Dankbarkeit, Zusammenhalt, es beschreibt eine Lebenseinstellung. Ich fühle mich sofort willkommen und geborgen, auch wenn Umgebung und Menschen fremd sind. Schwester Gemma ist 85 Jahre alt und strahlt Weisheit und Lebensfreude aus. Sie kam in den 1980er-Jahren nach Jharkhand, um zu helfen. „Wir gründeten unser Projekt CASS vorrangig, um den Menschen gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen. Viele Menschen hatten keine Möglichkeit, in ein Krankenhaus zu kommen. Viele starben damals an Malaria oder Cholera“, erzählt die 85-Jährige.

Eine Stimme geben. Neben der Gesundheitsversorgung rückte das Thema Land und Ressourcen mehr und mehr in den Vordergrund. „Die Indigenen hatten überhaupt keine Stimme. Wir haben sie dabei unterstützt, für ihr Land und ihre Werte einzutreten.“ Das Projekt CASS arbeitet in 25 Dörfern in Jharkhand mit Menschen und Gemeinden zusammen, um ihr Land und ihre Wälder zu schützen. Ernährungssicherheit für indigene Frauen zu gewährleisten ist einer der Schwerpunkte. Wegen zahlreicher Kohleminen ist die Zerstörung der Ressourcen und der Trinkwasserquellen ein großes Problem. CASS wird von den Missionsärztlichen Schwestern betreut und unter anderem von der Katholischen Frauenbewegung unterstützt. Der Orden Missionsärztliche Schwestern wurde 1925 von der Tirolerin Anna Dengel gegründet. Die internationale Gemeinschaft, die in den USA, Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika arbeitet, besteht aus rund 650 Schwestern.

 

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Schwester Gemma gründete das Hilfsprojekt. (© Katharina Zierl)

Eine von uns. Ich habe diese Reise gemeinsam mit Eva Wallensteiner angetreten. Die promovierte Theaterwissenschaftlerin aus Innsbruck ist seit 2004 als Projektreferentin für die Katholische Frauenbewegung Österreich und die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar in Nord- und Nordostindien für zehn Bundesstaaten zuständig. Eva wird von den Menschen in Kasiadih überschwänglich begrüßt. Sie spricht ihre Sprache und weiß, was die Menschen am dringendsten brauchen. Wir spazieren gemeinsam durch das Dorf, besuchen Familien und tauchen in das Leben der indigenen Bevölkerung ein. Überall wird uns Chai-Tee und etwas zu essen angeboten, die Gastfreundschaft ist berührend. „Die Menschen hier wünschen sich Stabilität. Sie wollen ihren Seelenfrieden finden und keine Angst vor der Zukunft haben“, erzählt die 56-jährige Schwester Bina, die seit 2009 in Kasiadih lebt. Die Angst der Menschen um ihr Land und ihre Wälder ist allgegenwärtig. „Eigentlich hat jedes Haus einen eigenen Garten. Die Frauen bauen selber an, ernten und versorgen so ihre Familien. Nicht in allen Volksgruppen hat Landwirtschaft lange Tradition. Daher ist es uns wichtig, dieses Wissen weiterzugeben und zu vermitteln, damit sich alle selbst versorgen können“, betont Schwester Bina. Nachdenklich fügt sie hinzu: „Würden von außen keine Störungen und Einmischungen kommen, wäre eigentlich alles gut.“ Aber diese Störungen gibt es, wie die vielen Gespräche, die wir mit Indigenen führen, zeigen.

 

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Mit großem Interesse wurde der Vorbericht, der in der TIROLERIN erschienen ist, studiert. (© Katharina Zierl)

Rechte kennen. „Wir wollen junge Menschen dazu befähigen, dass sie hier auf eine gute Art leben können. Natürlich müssen sie dafür lernen, für sich selbst einzustehen, und wissen, dass sie bestimmte Rechte haben und nicht so einfach vertrieben werden können“, betont Wallensteiner. Die Arbeit, die CASS vor Ort leiste, sei sehr breit gefächert. „Den Schwestern geht es – auch wenn es sich um einen katholischen Orden handelt – nicht darum, zu missionieren, sondern zu helfen. Lokale Glaubensvorstellungen werden respektiert“, so Wallensteiner. Die Art und Weise, wie die Menschen in Kasiadih miteinander umgehen, bestätigt diese These eindrucksvoll.

Zerstörung. Eva Wallensteiner reist zwei Mal pro Jahr für mehrere Wochen in die Projektgebiete in Indien: „Es ist uns wichtig, dass die Menschen ihre Lebenssituation aktiv verändern können.“ Viele Indigene haben wegen der Kohleminen ihr Land und ihre Existenzgrundlage bereits verloren. „Viele wollten zunächst nicht glauben, dass sie wirklich ihr Land verlieren. Bis dann die Bulldozer vor ihren Häusern standen. Von diesem Schock haben sich viele nicht erholt. Oft bleibt ihnen gar nichts anderes übrig als eigenhändig Kohle zu sammeln und zu verkaufen – für wenig Geld“, erzählt Schwester Bina, während wir weiter durch das Dorf spazieren.

 

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Eva Wallensteiner wurde von der Dorfgemeinschaft herzlich aufgenommen. (© Katharina Zierl)

Brückenschlag. Eine relativ neu anmutende Brücke kommt zum Vorschein. Mahalal Hansda, ebenfalls für das Projekt CASS im Einsatz, freut sich. Schließlich habe man sich viele Jahre für die Errichtung der Brücke eingesetzt. „Wenn der Fluss hohes Wasser hatte, konnten die Kinder nach der Schule oft nicht nach Hause. Sie haben die ganze Nacht gewartet und sind dann durch den Fluss geschwommen“, erzählt Mahalal. Die Leidenschaft, mit der alle Projektpartner Dinge vorantreiben und sich füreinander einsetzen, ist beeindruckend. Als wir zurückkommen, spielen die Kinder vor dem Haus. Ich frage mich, was Fortschritt bedeutet. Und was gute Projektarbeit ausmacht. Ich setze mich zu Schwester Bina und Eva Wallensteiner. „Menschen müssen ein Recht auf Gesundheit, genügend Essen und Bildung haben. Ihre Lebensweise soll respektiert und geschätzt werden. Das bedeutet Entwicklung für mich.“

 

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Eva Wallensteiner und Schwester Bina blicken optimistisch in die Zukunft. (© Katharina Zierl)

Wertschätzung. Geschätzt wird die indigene Bevölkerung in Indien wenig. Obwohl man gerade von ihrem Zusammenhalt und ihrer Lebensfreude viel lernen könnte. Ein älterer Mann steht vor der Krankenstation, die sich neben dem Wohnhaus befindet. Er hat Angst um seine Frau, der es seit Wochen schlecht geht. Im Krankenhaus habe man ihn abgewiesen und wieder heim geschickt. „So geht es vielen. Die Krankenhäuser sind überfüllt“, sagt Schwester Gemma, führt einige Telefonate und beruhigt den Mann. Man werde sich jetzt um ihn kümmern, erklärt Schwester Gemma und versorgt einen anderen Patienten, der wegen eines gebrochenen Beins Hilfe sucht. An einem Ort, an dem zwei so starke Frauen für die Menschen kämpfen, stellt sich naturgemäß die Frage nach der Rolle der Frau. „Bei den Indigenen werden die Frauen weniger unterdrückt als sonst. Sie haben zwar politisch nichts zu sagen, wenn die Familie aber Land hat, ist die Frau durchaus wichtig“, sagt Schwester Bina. Verbesserungsmöglichkeiten gebe es noch genug, betont Wallensteiner: „Frauen müssen mehr Handlungsräume und Mitspracherecht bekommen – auch innerhalb der Familie. Wir müssen versuchen, die Frauen dort abzuholen, wo sie stehen. Nicht für jede ist ein Kleinunternehmen der richtige Weg.“

 

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Schwester Gemma ist nach wie vor unermüdlich für die Menschen im Einsatz. (© Katharina Zierl)

Gleichberechtigung. Gerade der Katholischen Frauenbewegung ist das Thema Gleichberechtigung ein Anliegen. „Es ist so wichtig, dass alle Mädchen in die Schule gehen können und dass ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit schon in jungen Jahren gefördert wird“, betont Eva Wallensteiner. Von den Zuschreibungen „schutzbedürftig und schwach“ müsse man in Bezug auf Frauen endlich absehen. „Gerade Schwester Gemma und Schwester Bina beweisen doch auf eindrucksvolle Art und Weise, wie stark und unabhängig Frauen sind“, sagt die Projektreferentin. Eben diese beiden Frauen haben für alle Bewohner in Kasiadih und weit darüber hinaus ein offenes Ohr. An einem unserer Tage in dem Projektgebiet spazieren wir gemeinsam mit Schwester Bina in einen nahegelegenen Ort. „Johar!“, werden wir schon von Weitem von den Menschen, die uns begegnen, begrüßt. Einige wollen uns zu sich nach Hause einladen und uns von dem Wenigen etwas geben, das sie haben. Es ist einfach, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sie freuen sich, dass ihre Probleme und Anliegen Gehör finden.

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Die Kinder in Kasiadih beim gemeinsamen Mittagessen (© Katharina Zierl)

Zukunft. Als wir zurückkommen, sitzt Schwester Gemma wie so oft in den vergangenen Tagen in einem großen Sessel, spielt mit den Kindern und begrüßt uns mit einem Lächeln. Die Türe zu ihrem Zimmer ist stets geöffnet, Tag und Nacht ist sie für die Anliegen der Menschen da. Ob sie nach all der Zeit und nach all den Rückschlägen positiv in die Zukunft blickt? „Ich bin hoffnungsvoll, weil ich sehe, wie viel Enthusiasmus die jungen Menschen haben. Sie sind sich ihrer Stärke mehr und mehr bewusst und werden aufstehen und sich für ihre Belange einsetzen.“ Hoffnungsvoll ist auch Eva Wallensteiner, die noch einige Wochen länger in Indien bleiben und Projekte besuchen wird: „Ich wünsche mir, dass die Art, wie die Menschen hier leben, geschätzt wird. Nicht jeder braucht ein Auto oder einen Stromanschluss. Es geht darum, aus Abhängigkeiten herauszukommen. Ich glaube daran, dass das möglich ist.“ Nach einer intensiven Woche des Staunens, Mitfühlens, Hinterfragens, aber auch des Freuens packe ich meinen Koffer und verabschiede mich. Was bleibt, sind viele Erinnerungen. Und diese Geschichte. Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Über Armut, Hunger und darüber, was Fortschritt heißt. Und doch, in die Zukunft blickend, am allermeisten über Hoffnung.

Weitere Bilder
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Die Kinder bringen ein Fahrrad, um die Kohle zu transportieren. (© Katharina Zierl)

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Das Fahrrad wird mit Kohle beladen. Bis zu 400 Kilogramm werden auf einem Rad transportiert. (© Katharina Zierl)

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Auch eine Schule besuchten wir in Jharkhand. (© Katharina Zierl)

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(© Katharina Zierl)

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Die Kinder beim gemeinsamen Lernen. (© Katharina Zierl)

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Mahalal Hansda auf der neu errichteten Brücke. (© Katharina Zierl)

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Eine Frau erntet Mais. Nebenbei wird die Kohle verbrannt. (© Katharina Zierl)

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In Küchen wie diesen wird das Essen zubereitet. (© Katharina Zierl)

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Fast alle Familien versorgen sich mit den Produkten aus ihren Gärten selbst. (© Katharina Zierl)

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(© Katharina Zierl)

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Mahalal Hansda mit seiner Frau vor dem gemeinsamen Haus. (© Katharina Zierl)

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Schwester Bina zeigt uns eine der Aushubdeponien. (© Katharina Zierl)

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(© Katharina Zierl)

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(© Katharina Zierl)

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(© Katharina Zierl)