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People | 01.10.2019

Von der Schulbank zur Uni-Professur

Katharina Schratz und Eleonora Viezzer verbindet nicht nur eine lange Freundschaft. In den vermeintlichen Männerdomänen Mathematik und Physik haben die Wissenschaftlerinnen sämtliche Konkurrenten vom Platz verwiesen und eine bemerkenswerte Karriere verfolgt.

Jetzt im Oktober kehrt an den Universitäten wieder Leben ein und zahlreiche Studierende starten in ihr erstes Semester. Während viele Studienfächer von genauso vielen Männern wie Frauen belegt werden, gibt es im naturwissenschaftlichen Bereich nach wie vor starken Aufholbedarf. Wenn wir einen Blick in Vorlesungen zu Physik, Mathematik, Chemie oder Informatik werfen, sind Studentinnen klar in der Unterzahl. Zu den wenigen Absolventinnen in diesem Bereich gehören die Innsbruckerinnen Eleonora Viezzer und Katharina Schratz. Die beiden haben ihre Studien Physik und Mathematik nicht nur mit Bestnoten abgeschlossen, sondern auch eine bewundernswerte akademische Karriere hingelegt. Wir haben die Freundinnen seit Kindertagen getroffen und mit ihnen über ihre berufliche Laufbahn gesprochen.

Hineingeschnuppert. Begonnen hat alles bei der Winteruniversität. Viezzer und Schratz besuchten damals gemeinsam die achte Klasse des Ursulinen-Gymnasiums in Innsbruck. Ihre Physiklehrerin machte sie auf die Schnupperwoche der Universität Innsbruck während der Semesterferien aufmerksam. Auch wenn vieles für sie neu war und sie vieles nicht verstanden haben, waren sie begeistert und entschieden sich, Physik zu studieren. „Wir wussten gar nicht, was uns erwartet, aber manchmal muss man auch ein bisschen Naivität mitbringen“, erinnert sich Katharina Schratz, die nach einem Jahr Physik zu Mathematik wechselte.

 

Richtige Entscheidungen. Viezzer gibt offen zu, dass sie gerade im ersten Studienjahr oft zweifelte, die richtige Wahl getroffen zu haben. Aufgeben war aber nie eine Option: „Es ist wichtig, etwas zu finden, das einem Spaß macht, das einen motiviert, in der Früh aus dem Bett zu springen, etwas, das man gerne macht – schließlich macht man es das ganze Leben lang.“ Zweifel hatte auch Schratz immer wieder, doch ihre Faszination für Mathematik war immer stärker: „Jede Problemstellung ist neu und interessant, es macht Spaß, immer neue Lösungswege zu suchen. Und ich liebe es, zu Konferenzen auf der ganzen Welt zu reisen.“

Daily Business. Mittlerweile haben Schratz und Viezzer Innsbruck den Rücken gekehrt. Eleonora Viezzer ist für ihr Doktoratsstudium nach München gezogen. Seit 2016 forscht und unterrichtet sie als eine der jüngsten Professorinnen an der Universität Sevilla – ein abwechslungsreicher Job, bei dem jeder Arbeitstag anders ist: „Ich fange meinen Arbeitstag typischerweise mit E-Mails an, danach bin ich in Meetings mit Studierenden, in denen wir über ihre Projekte und Ergebnisse reden. Außerdem gehören noch Datenanalysen, Programmieren, Vorlesungen und Administratives zu meinen Arbeitsbereichen. Wenn ich unterwegs bin, führe ich auch Experimente durch, kümmere mich um Diagnostiken, und alles, was dazugehört.“ Als erste Frau an der gesamten Universität und jüngste Wissenschaftlerin, aber auch als Erste an der Physikfakultät in Sevilla überhaupt erhielt Viezzer 2018 den ERC Starting Grant – eine Förderung des Europäischen Forschungsrates im Wert von 1,5 Millionen Euro.

 

Frau Professorin. Katharina Schratz promovierte an der Universität Innsbruck, bevor sie in Karlsruhe und in Rennes in Frankreich lehrte und forschte. Mit 27 war Schratz in Karlsruhe die jüngste Professorin der Universität. Auch die nächste Station ihrer Karriere steht bereits fest: Mit September startet die Innsbruckerin an der Heriot-Watt University in Edinburgh. Genau wie Viezzer erhielt auch Schratz 2019 einen ERC Starting Grant – als einzige Frau in Mathematik in der Höhe von 1,5 Millionen Euro. Typische Arbeitstage gibt es für die Mathematikerin nicht: „Jeder Tag ist irgendwie anders. Ich verbringe viel Zeit in meinem Büro, aber auch beim Spaziergehen oder Diskutieren mit Studierenden, Kolleginnen und Kollegen – die besten Ideen hatte ich nie an meinem Schreibtisch.“

Ein Blick in die Welt. Sowohl Schratz als auch Viezzer haben bereits sehr viel Zeit im Ausland verbracht – ein wichtiger Faktor für ihre Karriere, wie sich die beiden Frauen einig sind: Nur so konnte ich mich weiterentwickeln und auch neue Forschungsgebiete kennenlernen, wie beispielsweise in meiner Post-Doc-Zeit“, erzählt Schratz. Gerne erinnere sie sich an Frankreich zurück: „Wenn wir in der Gruppe Mittagessen gegangen sind, haben die Professoren oft ein Gläschen Wein getrunken und über Mathematik gesprochen – das hat mich anfangs sehr fasziniert.“ Auch für Viezzer ist die Zeit im Ausland von unschätzbarem Wert: „Wäre ich mein ganzes Leben lang in Österreich geblieben, ich denke, ich hätte nicht das geschafft, was ich bisher geschafft habe. Ich sehe viele Orte mittlerweile als mein Zuhause und bin über die unterschiedlichen Erfahrungen und neuen Freundschaften sehr froh.“

 

Neugierde siegt. Wenn Eleonora Viezzer erzählt, dass sie als Physikerin arbeitet, erntet sie oft überraschte Blicke: „Viele denken, man muss besonders intelligent sein, um Physik zu studieren. Ich glaube, man muss einfach neugierig sein, die Gabe und das Interesse haben, Abstraktes in einfachen Worten zu formulieren, und klar, auch viel studieren wollen – aber in welchem Fach muss man das nicht?“ Gerade als Frau in diesem Bereich werde sie ganz unterschiedlich wahrgenommen. So kann es sein, dass Viezzer als einzige Frau in einem Seminarraum mit über 50 Personen sitze und auch in der Werkstatt seien schon ein paar komische Blicke und Kommentare gewechselt worden. Doch die Doktorin der Physik versucht, dies nicht allzu schwer zu nehmen: „Man muss dann einfach durchsetzungsfähig sein.“

Einfache Rechnung? Situationen, die auch Katharina Schratz aus ihrem Berufsalltag sehr bekannt vorkommen. „Im Englischen sagte ich einmal, ich sei ‚Mathematician‘ und mein Gegenüber verstand stattdessen ‚Magician‘. Es war wohl wahrscheinlicher, dass ich Zaubererin bin als Mathematikerin!“, erzählt die Tirolerin lachend. „Generell reagieren andere immer sehr überrascht, wenn ich ihnen von meinem Job erzähle, und oft kommen dann viele Fragen.“ Ab und zu werde die 33-jährige Professorin auch noch für eine Studentin gehalten.

Frauen-Power. Auch wenn die beiden Freundinnen mittlerweile über tausend Kilometer trennen, sind die jungen Frauen über die Jahre immer in Kontakt geblieben. „Dass wir den gleichen Karriereweg eingeschlagen haben, verbindet uns sehr“, erzählt Viezzer. Gemeinsam sprechen die Frauen über Herausforderungen im Universitätsalltag und diskutieren auch, warum sich nach wie vor so wenige Frauen für technische Studiengänge entscheiden. „Es wird leider schon bei Kindern ein Unterschied gemacht. Mädchen wird oft gesagt, dass sie sich nicht schmutzig machen sollen und nett und zurückhaltend sein sollen. Ganz schlimm finde ich es auch, wenn Mädchen eingeredet wird, dass sie Mathematik oder Physik nicht so gut können – wer kommt auf so etwas?“, bedauert Schratz. Sie selbst wäre nie auf die Idee gekommen, etwas nicht zu können, weil sie eine Frau ist: „Ich kann viele Sachen nicht, aber niemals würde ich denken, dass das daran liegt, dass ich eine Frau bin, oder dass ich etwas besser könnte, wenn ich ein Mann wäre.“ Viezzer fügt hinzu: „Wenn man zu Hause oder in der Schule nicht klarstellt, dass Mädchen und Jungs die gleichen Fähigkeiten haben, um alles Mögliche zu studieren, warum sollten sie dies dann später auch tun? Wenn sich nicht grundlegend an unserer Haltung etwas ändert, wird es schwierig. Es ist nun mal nicht alles schwarz und weiß beziehungsweise rosa und blau.“