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People | 05.10.2019

Einmal um die ganze Welt

Parkplatzsuche und Stau sind für Kathrin Siller Fremdwörter. Vor einem Jahr zog die Tirolerin in ein Land, das dreimal so groß ist wie Österreich, aber nur 4,6 Millionen Einwohner zählt. Für uns zieht sie Bilanz über ihr neues Leben in Neuseeland.

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In Neuseeland wagte Kathrin Siller mit ihrer Familie einen Neuanfang. (Foto: Kathrin Siller)

Wer an Neuseeland denkt, hat sofort traumhafte Bilder im Kopf: von einsamen Stränden, unberührter Natur und herrlich grünen Wiesen. Kaum verwunderlich, dass die Insel schon mehrfach als Kulisse für Filme wie „Herr der Ringe“ oder „Die Chroniken von Narnia“ diente. Während der Inselstaat für viele ganz oben auf der Liste der Traumreiseziele steht, ist er für die Tirolerin Kathrin Siller weit mehr – für sie und ihre Familie ist er seit einem Jahr zur Heimat geworden. Im September 2018 ließ Familie Siller-Gudsell ihr Einfamilienhaus in Axams zurück und zog mit Sack und Pack ans andere Ende der Welt.

Auf den ersten Blick. Begonnen hat alles vor rund zehn Jahren. Auf ihrer Weltreise lernte Kathrin in Wellington, der Hauptstadt von Neuseeland, Saul Gudsell kennen, und die beiden vereinbarten, sich auf der Insel Tahiti ein zweites Mal zu treffen. Dort verbrachten der Neuseeländer und die Tirolerin zwei Wochen miteinander, und schnell wurde klar, dass sie nicht mehr ohne einander sein wollten. Noch im selben Jahr zog Saul nach Tirol. 2010 wurde geheiratet. Gemeinsam bekamen die beiden drei Kinder: Elsy (7), Janna (5) und Finnian (3). Letztes Jahr beschloss die junge Familie, ihre Zelte in Österreich abzubrechen und im 18.500 Kilometer entfernten Neuseeland einen Neuanfang zu wagen.

 

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(Foto: Kathrin Siller)

Aufs Ganze gegangen. In Napier auf der Nordinsel Neuseelands erstand die Familie ein Haus. Die Schwiegereltern von Kathrin wickelten den Kauf ab, Saul und Kathrin kannten ihre neue Bleibe vorerst nur von Videoaufnahmen. „Das erste Jahr in Neuseeland war intensiv, aufregend und nicht gerade leicht“, gibt Kathrin offen zu und erzählt: „Wir mussten ganz neu anfangen, uns neu organisieren, viele Entscheidungen innerhalb von kürzester Zeit treffen, einen Job und Freunde finden.“ Bereut hat sie die Auswanderung dennoch zu keiner Zeit: „Die Kinder fühlen sich total wohl, wir leben jetzt viel mehr im Freien und finden das Leben insgesamt entspannter.“

Besuch vom Christkind. Die älteste Tochter, Elsy, hat in Neuseeland mit der Schule begonnen, und mittlerweile sprechen alle Kinder besser Englisch als Deutsch, auch wenn Kathrin nach wie vor konsequent Deutsch mit den Kindern spricht und auch immer wieder Dialektwörter fallen lässt. Auch Weihnachten soll heuer auf „Tiroler Art“ gefeiert werden: „Meine Eltern besuchen uns für zwei Monate. Deshalb feiern wir am 24. Dezember und nicht, wie hier üblich, am 25. Außerdem planen wir in den Wald zu gehen, einen Weihnachtsbaum zu fällen und ihn mit unserem Weihnachtsschmuck, den wir aus Tirol importiert haben, zu dekorieren“, verrät die 38-jährige Auswanderin.

 

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Die Familie verbringt in ihrer neuen Heimat viel Zeit an der frischen Luft. (Foto: Kathrin Siller)

Daily Business. Mittlerweile hat Kathrin Siller ein Permanent-Residency-Visum erhalten. Dies war teuer und kompliziert – sieben Monate musste sie darauf warten. Doch es lohnt sich, da das Visum der gebürtigen Tirolerin die gleichen Rechte wie einer Neuseeländerin zuspricht. Kathrin arbeitet Vollzeit als Communications Adviser im Marketingteam einer Fachhochschule. Saul studiert im letzten Jahr Umweltmanagement. Die Kinder besuchen den Kindergarten und die Schule. An den Wochenenden verbringt die junge Familie viel Zeit am Strand, der nur sieben Autominuten vom jetzigen Zuhause entfernt ist. Die unberührte Natur und die menschenleeren Strände genießt Kathrin besonders, und auch ihr Mann Saul schätzt es, wieder zuhause zu sein: die Einsamkeit, die man hier in der Natur oft erlebt, die Tatsache, dass man nie im Stau steht und überall einen Parkplatz findet. Der 35-Jährige geht in Neuseeland auch jagen. Dies ist im Inselstaat gratis – einzige Voraussetzung ist ein Waffenschein – und wird als eine Art Umweltschutz angesehen, da zum Beispiel Sika-Rehe gejagt werden, die nicht heimisch sind und der Pflanzenwelt stark zusetzen. Als gelernter Koch freut er sich zudem über fangfrischen Fisch oder Koriander, der ganzjährig im Garten wächst.

 

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Ob ihr Schnee und Winter irgendwann fehlen werden, kann Kathrin jetzt noch nicht sagen. (Foto: Kathrin Siller)

Hinter den Kulissen. Doch auch, wenn Neuseeland einen scheinbar makellosen Ruf hat, gibt es vieles, das man erst bemerkt, wenn man permanent auf der rund 18.500 Kilometer entfernten Insel lebt, wie Kathrin weiß: „Gerade neben den Highways liegt schockierend viel Müll und viele Flüsse sind aufgrund der intensiven Landwirtschaft verseucht. Das neuseeländische Gesundheitssystem ist viel schlechter als in Österreich. So gibt es nur zehn Krankenstandstage. Das bedeutet, dass die Leute entweder krank in die Arbeit gehen oder unbezahlten Urlaub nehmen müssen. Außerdem herrscht eine große Kluft zwischen Arm und Reich. Und gerade Maori oder pazifische Insulaner, die viele Kinder haben, bildungsfern sind, keine Arbeit finden und ein anderes Wertesystem als jenes der westlichen Welt haben, stehen vor großen Problemen. Unsere Premierministerin allerdings ist eine besonnene und gescheite Frau, die bestimmt vieles zum Besseren lenkt.“

 

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Kathrin und Saul beim Art-Deco-Festival in Napier. (Foto: Kathrin Siller)

Neue Seiten. Den typischen Neuseeländer würde die ehemalige Redakteurin als Frühaufsteher, freundlich, höflich, aufgeschlossen und tolerant bezeichnen. Die Insulaner seien außerdem äußerst sportbegeistert, besonders wenn es um den Volkssport Rugby geht, und stolz auf ihre Heimat. Dass in Neuseeland sehr viel Small-talk gemacht wird, jedes Telefonat mit „How are you“ beginnt und man gern wildfremden Menschen Komplimente macht, daran gewöhnte sich Kathrin schnell. Weniger schnell konnte sie sich daran gewöhnen, dass die Leute zwar sehr freundlich seien, aber oft auch ineffizient und unzuverlässig. Außerdem seien Neuseeländer zwar sehr relaxt, aber nicht direkt – Kritik würde meist umständlich verpackt. „Als ich einer Arbeitskollegin beim Shoppen gesagt habe, dass ihr die Farbe eines Kleids nicht steht, war sie ganz überrascht und meinte, Neuseeländer würden das nie so sagen“, erzählt Kathrin.

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(Foto: Kathrin Siller)

Am anderen Ende der Welt. Wenn die 38-Jährige an Tirol denkt, fehlt ihr neben Freunden und Familie gutes Brot, vierlagiges Klopapier, gute Tageszeitungen und das Leokino mit seinen guten europäischen Filmen am meisten. Auch die Auswahl an Biolebensmitteln ist in Down Under kleiner und teurer. Allerdings wird dafür besseres Gemüse, Obst, Fleisch und natürlich Fisch aus der Region angeboten. „Noch liebe ich die Tatsache, dass wir hier so viel Sonne und Wärme haben, aber vielleicht – irgendwann – könnte mir der Schnee vor der Haustüre und Wintersport abgehen“, gibt Kathrin zu. Dennoch – eine Rückkehr schließt sie momentan aus: „Ich mag die Multikulti-Gesellschaft, die vielen exotischen Restaurants, Weingüter und die Toleranz und Aufgeschlossenheit der Menschen.“ Einmal um die ganze Welt – für Kathrin und ihre Familie ein Abenteuer, das noch lange nicht zu Ende ist.