Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 26.08.2019

Digitale Fitness: Schlüssel zum Erfolg

Die ehemalige Wirtschafts- und Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck geht als Spitzenkandidatin für die Tiroler ÖVP in die Nationalratswahl. Ein Gespräch über turbulente Zeiten, digitale Kompetenz und neue Arbeitsmodelle.

Bild ANGERER-VP-20190708-DSC08388.JPG
Margarete Schramböck im Gespräch mit der TIROLERIN (Foto: Angerer/VP)

Nach dem Misstrauensvotum gegen das Kabinett von Sebastian Kurz und der Entlassung der Regierung sind auch zahlreiche Gesetzesinitiativen im Bereich der Digitalisierung in der Schwebe. Ex-Ministerin und VP-Spitzenkandidatin Margarete Schramböck aus St. Johann erklärt im Gespräch mit der TIROLERIN, warum der Wirtschaftsstandort nur durch Digitalisierung erfolgreich sein kann und die Veränderung des Arbeitsmarktes auch große Chancen mit sich bringt.

TIROLERIN: Die letzten Wochen waren wohl auch für Sie eine große Herausforderung.
Margarete Schramböck: Ja, es war auch für mich persönlich eine sehr turbulente Zeit. Eine, die mich betroffen gemacht hat – in meiner Funktion und als Mensch. Wenn man eineinhalb Jahre gute Arbeit geleistet hat und dann sieht, wie zwei Parteien, die vorher Gegenpole waren, eine Allianz bilden und einen abwählen, ist das schon ein Wechselbad der Gefühle.

 

Bild ANGERER-VP-20190708-DSC08489.JPG
Foto: Angerer/VP

Unabhängig von den Ereignissen in der Vergangenheit: Welche Projekte und Initiativen sind Ihrer Ansicht nach in Sachen Digitalisierung unbedingt umzusetzen?
Ich habe 22 Jahre Erfahrung in der Wirtschaft und im Bereich Digitalisierung. Um erfolgreich zu bleiben, müssen wir als Wirtschaftsstandort ganz weit vorne dabei sein. Das brauchen wir für die großen, vor allem aber für die vielen mittelständischen Unternehmen, die in Österreich einen Anteil von 99,8 Prozent ausmachen. Wir müssen Voraussetzungen schaffen, um möglichst einfach gründen zu können – unbürokratisch und praxisnah. Der zweite wesentliche Faktor ist Innovation. Zukunftsstandort zu sein bedeutet, im Bereich Innovation und Digitalisierung unter den führenden Nationen der Welt zu sein. Wichtig ist, dass wir auf diesem Weg alle mitnehmen und niemanden zurücklassen. Initiativen wie fit4Internet leisten hier wertvolle Arbeit.

Eben diese Initiative soll die digitale Kompetenz der Bevölkerung messen und verbessern. Wie funktioniert das konkret?
Wir haben als erstes Land in Europa einen digitalen Self-Check eingeführt. Man kann auf dieser Internetseite in nur zehn Minuten testen, wo man steht. Ich habe den Test selber auch gemacht.

 

Bild ANGERER-VP-20190708-DSC08549.JPG

Sind Sie mit Ihrem Ergebnis zufrieden?
Ja, Gott sei Dank war das recht positiv (lacht). Was ich aber nicht so stark beherrsche, ist das Programmieren, das Coding, das für junge Leute in ihrer Ausbildung sicher eine Rolle spielt. Wer diesen Test macht, weiß jedenfalls, wie groß seine Kompetenz ist, und bekommt Vorschläge, wie er sich verbessern kann.

Gerade kleinere Unternehmen haben in Bezug auf Digitalisierung Berührungsängste. Wie kann man diese Firmen „digitalfit“ machen?
In diesem Bereich hatte ich mit „KMU digital“ bereits ein großes Projekt auf Schiene, mit dem Firmen bei der Umsetzung von Digitalisierungsprozessen unterstützt werden sollten. Dafür hätten wir einen zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt. Leider wurde das Projekt jetzt gestoppt. Das zweite Thema ist für die Mittelständischen, Fachkräfte zu finden und zu behalten. Hier ist entscheidend, dass man die Lehrberufe, die für den Mittelstand ganz wichtig sind, erneuert. Der ursprüngliche Plan war, alle 200 Lehrberufe bis Jahresende mit digitalen Inhalten zu überarbeiten. Einiges ist bereits gelungen. Zum Beispiel gibt es seit September den Fahrradmechatroniker, einen ganz neuen Beruf. Er kümmert sich um E-Bikes, Scooter und Co. Die Nachfrage ist groß. Wir müssen auch bestehende Lehrberufe digitalisieren. Tradition und Digitalisierung sollen in den Lehrberufen kombiniert werden.

 

Bild ANGERER-VP-20190708-DSC08587.JPG
Foto: Angerer/VP

Wie geht es mit der von Ihnen geplanten Start-up-Initiative weiter?
Sie liegt durch das Regierungsende auf Eis oder wird nur in Teilen umgesetzt. Ziel muss sein, dass ein Start-up in Tirol genau die gleichen Voraussetzungen haben soll wie in Berlin oder London. Es braucht Finanzierungsmodelle und leichtere Rahmenbedingungen, um das zu ermöglichen. Das wäre wichtig, weil die anderen Länder nicht warten. Wir dürfen und wollen nicht zurückfallen. Das Schlimmste ist Stillstand.

Mit Digitalisierung verbinden viele den Abbau von Arbeitsplätzen. Inwieweit wird sich der Arbeitsmarkt verändern?
Was sich verändert, sind die Inhalte der Berufe. Als Beispiel: In den 1950er-Jahren gab es etwa 3.000 Telefonistinnen in Vermittlungsstellen – das gibt’s heute nicht mehr. Dafür aber 300.000 Personen, die in Österreich in der IT- und Telekommunikationsbranche arbeiten. Wenn wir in die Ausbildung, in die Schulen, in die Universitäten und in die Lehre investieren, dann brauchen wir uns vor der Digitalisierung nicht zu fürchten. Im Gegenteil: Sie ist eine Chance, die wir unbedingt nutzen müssen.

 

Bild ANGERER-VP-20190708-DSC08384.JPG
Foto: Angerer/VP

Digitalisierung wirkt sich auch in anderer Hinsicht auf die Arbeitswelt aus. Gerade junge Menschen wünschen sich neue Arbeitsformen und können mit starren Hierarchien wenig anfangen. Wird diese Entwicklung berücksichtigt?
Ich habe das bei vielen Firmen in Tirol in der Praxis schon erlebt. Dass die Unternehmer mit den Mitarbeitern gemeinsam schauen, wie der beste Weg des Arbeitens miteinander ist. Das muss flexibel gestaltet werden, dann entsteht auch mehr Zufriedenheit. Es gibt viele, die sagen: Ich bin mir meiner Fachexpertise bewusst und möchte so arbeiten, dass ich selber einen Gestaltungsspielraum habe. So habe ich das auch 15 Jahre lang als Geschäftsführerin bei kleinen und großen Unternehmen erlebt. Es gibt immer den richtigen Platz für die eine Person, eine Aufgabe, in der sie auch selbst einen Sinn sieht. Das kann beim einen der enge Kundenkontakt sein, beim anderen, etwas kreativ zu designen oder auch in der Produktion zu arbeiten. Auch flexible Arbeitsplätze müssen mehr Platz finden. Gut ausgebaute Breitbandnetze bilden dafür die beste Basis.

Wie viel Zeit verbringen Sie selbst täglich online?
Ich bin schon sehr viel erreichbar, auch wenn ich eigentlich nicht so aufgewachsen bin und noch der Generation Vierteltelefon angehöre (lacht). Aber jetzt bin ich natürlich gern mit der Welt verbunden. Vor allem wenn man viel unterwegs ist, ist es heute wesentlich einfacher, den Kontakt mit Freunden und Verwandten zu halten. Und natürlich nutze ich das Internet auch beruflich sehr intensiv. Wie lange das täglich wirklich ist, zähle ich nicht. Derzeit liegt mein Hauptaugenmerk auf persönlichen Gesprächen, darauf, den Menschen zuzuhören und zu erfahren, was wichtig ist und was ich in der nächsten Runde, wenn ich hoffentlich wieder Ministerin sein darf, anders machen kann.