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People | 07.07.2019

Ein Leben, eingebettet in Liebe

Die wohl stärkste Verfechterin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Tirol erzählt aus ihrem bewegten Leben.

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Foto: Birgit Pichler

Viele würden sagen, Marianne Hengl hatte ein schweres Leben. Die meisten würden ihr wahrscheinlich mit einer großen Portion Mitleid begegnen. Doch jeder, der sie schon einmal persönlich kennengelernt hat, weiß, dass die vor Lebensfreude nur so sprühende 55-Jährige weder der einen noch der anderen Herangehensweise an ihre Person zustimmen würde.

Start ins Leben. 1964 wurde Marianne Hengl in Saalfelden geboren. Von Geburt an waren die Gelenke an allen vieren ihrer Gliedmaßen versteift. Eine große Herausforderung für die noch jungen Eltern. Doch die Familie Haitzmann hat einen großen Vorteil – formidablen Zusammenhalt. Auf dem familiären Bauernhof leben insgesamt vier Generationen. Vom Urgroßvater bis hin zur noch jungen Marianne ist praktisch die gesamte Verwandtschaft unter einem Dach vereint. Viele Tränen sollen am Anfang vergossen worden sein, doch der Glaube ließ die Familie erkennen: „Der liebe Gott wird sich schon etwas überlegt haben, warum er uns dieses besondere Kind geschickt hat. Wir werden es lieben und unterstützen, damit es ein schönes Leben hat!“ Rückblickend ist Marianne Hengl ihren Eltern dafür sehr dankbar: „Dieses Vorhaben ist ihnen wahnsinnig gelungen, ich habe die besten Eltern der Welt!“

Unaufhaltsam. Ihre Umwelt entdeckte das junge Mädchen auf ihre ganz eigene Art und Weise. Auf dem Hinterteil rutschend erforschte sie unerschrocken ihre Umgebung. Egal ob im Bauernhaus selbst oder auch im Stall, kaum etwas war vor Mariannes Neugier sicher. Vor Dreck soll sie nach ihren Expeditionen schier gestanden sein, aber zumindest schützten Lederflicken das Outfit bei allzu wilden Ausflügen. Zwar war sie in ihrer Mobilität stark eingeschränkt, ließ sich aber von diesem Umstand kaum aufhalten – eine Geisteshaltung, die sie ihr gesamtes Leben beibehalten sollte.

 

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Schon bei der Erstkommunion war Marianne auf ihr Aussehen bedacht. (Foto: Privat)

Alle unter einem Dach. So außergewöhnlich die Situation auch gewesen sein mochte, die Familie und das nähere Umfeld konnten sich eine Welt ohne ihre kleine Marianne schon bald kaum mehr vorstellen. Einzig die Blicke und Meinungen von außen waren oft schwer zu ertragen. „Es hat doch den einen oder anderen gegeben, der in den Kinderwagen geschaut und dann gemeint hat, es wäre besser gewesen, ich wäre gestorben.“ Doch die Freude über das eigene Kind überwiegt. „Die Liebe hat die Behinderung überstrahlt.“ Was es bedeutet, behindert zu sein, wurde Marianne Hengl erst bewusst, als sie zum ersten Mal Hilfestellung erhalten sollte. Von einem operativen Eingriff erhoffte man sich, die Versteifung der Glieder lösen zu können, und so wurde sie in ein Spital im Kärntner Hermagor gebracht. Zwar gelang es, eine gewisse Mobilität wiederherzustellen, aber in der sieben Monate langen Rehabilitationszeit in Kärnten erlebte Marianne auch ein ganz neues Gefühl zum ersten Mal: Heimweh. Auch für ihren Vater war dies eine der schwersten Zeiten. „Mein Papa hat mich einmal am Heiligen Abend angerufen. Da haben wir beide so viel geweint am Telefon, es war furchtbar. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Schlimm war auch die Erfahrung, im Rollstuhl zu sitzen, den sie in Hermagor zum ersten Mal bekam. „Das war für mich das Gefängnis pur. Ich konnte nicht mehr so unbeschwert herumrutschen, und durch die Fehlstellung hat mir das einfach wahnsinnig wehgetan, darin zu sitzen.“ Der Rollstuhl zeigte ihr zum ersten Mal auf, dass sie anders war als die Menschen in ihrem Umfeld. Durch ein Hilfsmittel erfasste sie die wahre Bedeutung von „Behinderung“.

Gipfelsturm. Wieder zuhause angekommen, stellte Marianne Hengl bald fest, dass die Zeit in Kärnten zwar schwer gewesen war, sie dort aber auch einige wichtige Fähigkeiten erlernt hatte. Erstmals selbstständig essen zu können war ein großes Erfolgserlebnis – und auch wenn der Rollstuhl noch immer alles andere als angenehm war, so erlaubte er ihr, zumindest mit ihrem geliebten Puppenwagen durch die Gegend fahren zu können. Ein weiteres Stückchen Freiheit erarbeitete sich Marianne kurze Zeit später. Rote Gummistiefel, die sie geschenkt bekommen hatte, ermöglichten ihr, aus ihrer „Froschstellung“ heraus kleine Sprünge zu machen. Die bisher unüberwindbare Treppe im Elternhaus verlor plötzlich viel von ihrer monolithischen Bedrohlichkeit. Treppenstufe für Treppenstufe erklomm sie den „Berg im Haus“, bis sie als stolze Gipfelstürmerin tatsächlich ganz oben angekommen war. Marianne Hengl lernte daraus: „Das hat mir gezeigt, dass ich im Stande bin, alles zu machen, wenn ich nur will!“

 

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Die lebenslustige 55-jährige Marianne erzählt offen und ehrlich aus ihrem Leben. (Foto: Birgit Pichler)

Home away from home. Schon bald stand die nächste Herausforderung vor der Tür. Die Schulpflicht stand an und damit ein weiteres Wegziehen vom vertrauten Familienumfeld. Geprägt durch die schlechten Erfahrungen in Hermagor, war auch hier die Anfangszeit schwer für sie. Im Elisabethinum in Innsbruck erlebte Marianne aber zum ersten Mal, dass sie mit ihrem Anderssein nicht alleine ist. „Ich habe gleich gemerkt, dass es schön ist unter Meinesgleichen zu sein. Einfach behinderte Menschen, dass es noch andere gibt, die es viel schwerer haben als ich. Das hat mir irgendwie gut getan.“ Es dauerte auch nicht lange, bis sie sich eingelebt hatte. Ehe sie es sich versah, war das Elisabethinum so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Handschrift, Maschinenschreiben, Musizieren – Tag für Tag stellte sie sich den neuen Herausforderungen. Schnell kristallisierte sich heraus, dass sie nicht nur eine unbeugsame Kämpferin, sondern auch eine sehr gute Schülerin war.

In die Zukunft. Nach zehn Jahren im Elisabethinum strebte Marianne letztendlich eine Ausbildung in einer Büro- und Verwaltungsschule an. Zwar meisterte sie den Aufnahmetest mit Bravour, doch die dortige Fakultät lehnte sie aufgrund ihrer Behinderung trotzdem ab. Eine schwere Kränkung, aber Marianne Hengl wäre nicht Marianne Hengl, wenn sie sich davon hätte abschrecken lassen. Mit Telefonbuch bewaffnet und mit der Hilfe ihrer Geschwister kontaktierte die resolute junge Dame einfach von sich aus potenzielle Arbeitgeber. Als dies ihr ehemaliger Schuldirektor erfuhr, beschloss er, sie als Sekretärin im Elisabethinum anzustellen.

Auf und ab. Die Rückkehr ins Elisabethinum war sehr besonders für Marianne: „Ich war plötzlich kein Kind mehr, ich war eine Mitarbeiterin.“ Ihren Ehrgeiz und ihren Willen hatte sie aber genau so beibehalten wie davor. In dieser Zeit des Erwachsenwerdens gab es natürlich auch die ersten Berührungspunkte mit dem anderen Geschlecht. Auf einem Zeltfest wurde Marianne auf eine harte Probe gestellt. Alle ihre Freunde und Geschwister waren am Feiern oder in einer Funktion in einem Verein beschäftigt, einzig sie selbst hatte das Gefühl, in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Genau in diesem Moment gesellte sich ein junger Mann namens Klaus zu ihr in Sorge ob ihrer traurigen Miene. Marianne ging auf seine Einladung an die Bar zu gehen ein, und aus diesem netten Abend entwickelte sich eine zweijährige Beziehung. Auch diese war natürlich nicht vor Höhen und Tiefen gefeit, insbesondere Klaus’ Freunde hatten anfangs Schwierigkeiten, seine Liebe zu Marianne zu verstehen. Ein Hin und Her entstand. Eine On-off-Beziehung, die leider ein abruptes Ende fand. Klaus verunglückte tödlich mit dem Auto, und für Marianne begann eine dunkle Phase: „Das war neben Hermagor eine der schlimmsten Zeiten. Ich habe ein halbes Jahr nicht mehr gelacht.“ Aus ihrer Trauer holten sie dann aber genau wieder Klaus’ Freunde heraus. Eines Tages landete plötzlich ein Hubschrauber vor dem elterlichen Haus. Sie hatten diesen extra gebucht, um mit Marianne einen Rundflug auf das Ingolstädterhaus zu machen. Ein gemeinsames Abschließen mit dem Tod eines geliebten Menschen.

 

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Als Verfechterin der Rechte von Behinderten in ganz Österreich trifft Marianne Hengl bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien. (Foto: Privat)

Vielseitig. Von diesem Moment an fasste Marianne einen Entschluss: „Männergeschichten sind vorbei, ich brauche keinen mehr. Ich möchte jetzt Karriere machen.“ Die Gelegenheit dazu fand sich bald. Zu diesem Zeitpunkt gab es österreichweit noch keine kompetente Beratungsstelle für Behindertenreisen. Diesen Missstand erkannte Marianne und bewarb sich daraufhin beim Tiroler Landesreisebüro. Drei Wochen später wurde sie dort eingestellt und war somit, neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit im Elisabethinum, eine der ersten, wenn nicht sogar die erste behinderte Reiseleiterin Österreichs. Ihr Engagement war aber immer noch zu wenig befriedigt, und so übernahm sie die Leitung des Vereins zur Förderung von Menschen mit Behinderungen in Tirol (seit 2007 als RollOn Austria in ganz Österreich tätig). Ihre Zielsetzung war hier, eine Öffentlichkeitsarbeit voranzutrieben, wie sie im Bereich der Behindertenarbeit noch die dagewesen war. Ein Werbespot im TV war schließlich der Auftakt zu einer Karriere, die in Österreich sicher immer noch beispiellos ist. Nach den ersten Gehversuchen im Fernsehen, Plakatkampagnen und innovativen Ideen, wie beispielsweise integrativen Modeschauen mit Rollstuhlmodels, stellte Marianne Hengl im Herbst 2012 ihr erstes TV-Format auf ORF III vor. In „Gipfel-Sieg: Der Wille versetzt Berge“ sitzen sich zwei Menschen gegenüber und erzählen von ihren persönlichen Lebenserfahrungen, ihren Hürden und wie sie sie tagtäglich bewältigen. Die Besonderheit: Einer der beiden hat eine Behinderung, der andere ist eine Berühmtheit. Auch im Radio ist Marianne Hengl präsent. Seit März 2018 präsentiert sie gemeinsam mit Moderator Rainer Perle auf Radio Tirol „Stehaufmenschen“. Menschen, die in ihrem Leben einen Tiefschlag erlitten haben, die gefallen sind und sich trotzdem aufrappeln konnten, erzählen hier von ihren Erlebnissen. So vielfältig die Betätigungsbereiche von Marianne Hengl auch sind, sie ist noch lange nicht fertig mit ihrer Arbeit. Die Öffentlichkeitsarbeit ist zwar ihr Kerngebiet, seit Kurzem macht sie aber auch mit dem weltweit ersten „Denkmal für das behinderte Leben“ auf Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam und nicht zuletzt feiert RollOn Austria heuer sein 30-jähriges Bestehen. Außerdem schafft sie es über ihr inzwischen gewaltiges Netzwerk immer wieder, Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderungen zu vermitteln.

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1995 feierte Marianne mit ihrem Stefan Hochzeit. (Foto: Privat)

Gefunden. Trifft man Marianne Hengl wird Eines schnell klar: Sie ist genau dort, wo sie hinwollte. Nur in einem Punkt hatte das Leben noch eine wunderbare Überraschung für sie parat. Ein sehr wichtiger Unterstützer von RollOn Austria war von jeher der ehemalige Sozial- und Gesundheitslandesrat Dr. Walter Hengl. In vielen Lagen und Fragen stand er Marianne stets zur Seite und stärkte ihr den Rücken. Als er letztendlich aber doch seinen Abschied aus der Politik feierte, war Marianne natürlich eingeladen und fand am Familientisch Platz. Und wie ihr Nachname vielleicht schon verrät, lernte sie dort ihren zukünftigen Ehemann, den ältesten Sohn eines ihrer größten Unterstützer kennen. Seit bald 24 Jahren sind Stefan und Marianne inzwischen verheiratet. Viele würden sagen, Marianne Hengl hat ein schönes, abwechslungsreiches und erfülltes Leben. Die meisten werden ihr aufgrund ihrer offenen, herzlichen Art mit viel Sympathie begegnen. Jeder, der sie schon einmal persönlich kennengelernt hat weiß, dass alles davon absolut gerechtfertigt ist.