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People | 14.05.2019

Für Eine Welt, die keIne NGOs mehr braucht

Als NGO stellt „Vier Pfoten“ nicht Profit, sondern das Wohl der Tiere in den Fokus. Die Tirolerin Nicole Schreyer ist im Vorstand der Hilfsorganisation tätig und spricht mit uns über Frauenquoten, Greenwashing und Männerkarenz.

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Foto: Vier Pfoten

Nicole Schreyer ist eine Frau, die Einsatz zeigt. Seit Mitte Februar widmet sich die Tirolerin als Chief Marketing Officer und Vorstandsmitglied der NGO „Vier Pfoten“ intensiv dem Tierschutz. Zuvor war die 42-Jährige unter anderem bei WWF Österreich tätig und fünf Jahre lang als Bundesrätin der Grünen im österreichischen Parlament, die letzten drei Jahre davon als Vorsitzende der Grünen-Bundesratsfraktion. Immer im Fokus der zweifachen Mutter: die gesellschaftliche Verantwortung für Tier, Mensch und Natur. Wir haben im Interview mit der Kufsteinerin über die Anforderungen an eine bessere Zukunft gesprochen.

 

TIROLERIN: Umwelt- und Tierschutz hat in Ihrer Karriere immer schon einen großen Stellenwert eingenommen. Woher kommt Ihr Interesse?
Nicole Schreyer: Schon als Kind war ich gern in der Natur. Ich komme ursprünglich aus Langkampfen und habe dort in der Nähe eines Waldes gewohnt. Im Gymnasium war dann Biologie mein Lieblingsfach.

 

Heute leiten Sie die Bereiche Kommunikation und Fundraising bei „Vier Pfoten“. 
Vor 15 Jahren hätte ich vielleicht ein Tierschutzprogramm geleitet, aber jetzt bin ich lieber im Fundraising- und Kommunikationsbereich. Ich kann hier eine Meinung, also die Gesellschaft, beeinflussen und dabei helfen, dass wir über das nötige Geld verfügen, um große Projekte vorantreiben zu können. Ein Anliegen von uns sind zum Beispiel die Bären. Auch in Europa werden noch Tanzbären oder Kampfbären gehalten. Außerdem liegt uns die artgerechte Haltung von Nutztieren sehr am Herzen. Ein anderer Schwerpunkt ist der Handel mit Tigerprodukten. Hier ist es wichtig, öffentliches Bewusstsein zu schaffen.

 

Hoffen Sie, dass es irgendwann so weit kommt, dass wir solche Organisationen nicht mehr benötigen?
Das ist natürlich unsere Vision: eine Welt, in der es uns nicht mehr braucht, in der Tiere mit Respekt behandelt werden. Natürlich ist das ein langer Weg, aber eine Vision kann man nicht hoch genug stecken. Dennoch: Keine NGO hat Angst, dass sie heute die Welt retten und morgen arbeitslos sein wird.

 

Sind Sie auch privat auf Umwelt- und Tierschutz bedacht?
Natürlich. Ich bin keine Vegetarierin, aber ich esse nur Bio-Fleisch, schaue auf die Qualität und darauf, wo es herkommt. Artgerechte Tierhaltung ist mir ein Anliegen. Natürlich könnte man jetzt sagen, ich habe leicht reden. Aber ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeschmissen. Wenn man das vermeidet und dafür etwas mehr Geld ausgibt, wäre viel für die Nachhaltigkeit getan. Ich habe ein Auto, weil ich kleine Kinder habe und es zum Beispiel zum Skifahren nutze, aber ich würde gar nicht auf die Idee kommen, weiter weg mit dem Auto zu fahren – da nutze ich immer den Zug.

 

Könnten Sie sich auch vorstellen, für ein gewinnorientiertes Unternehmen tätig zu sein?
Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Prinzipiell schon – im Bereich Nachhaltigkeit, wenn ich das Gefühl habe, ich bewirke etwas. Greenwashing werde ich nie betreiben.

 

Als weibliches Vorstandsmitglied sind Sie ja statistisch gesehen in Österreich immer noch weit in der Unterzahl. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Das ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Obwohl es mittlerweile mehr Universitätsabsolventinnen als -absolventen gibt, ist es im Management noch immer umgekehrt. Es ist auch kein Wunder, dass Frauen mit einer höheren Ausbildung, die Karriere machen wollen, in Städten wohnen und nicht am Land. Die Zuzüge für Akademiker sind in der Stadt ganz stark, nicht nur, weil dort die Jobs sind, sondern weil dort auch die Rahmenbedingungen passen. Es scheitert oft an der Vereinbarkeit, aber es herrschen auch traditionelle Rollenbilder vor, die stark verankert sind. Hier muss viel getan werden. Es geht dabei um Frauenfreundlichkeit im Betrieb, um Job-Sharing – einen Job aufzuteilen, weil eine Frau sich nicht vorstellen kann, mit Kind 40 Stunden einzusteigen.

 

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Foto: Vier Pfoten

Ist das eine Aufgabe für die Politik oder für Unternehmen?
Ich bin ganz stark dafür, politische Rahmenbedingungen vorzugeben. Es muss erleichtert werden, es müssen finanzielle Anreize geschaffen werden, aber es braucht auch politische Vorgaben. Es hat nicht jeder das Glück, das ich habe. Als ich das zweite Kind bekam, war ich bereits im Bundesrat. Ein politisches Mandat kann man nicht zurücklegen – also ist mein Mann in Vollkarenz gegangen und war 15 Monate daheim. Im Parlament saß mein Mann im Stillzimmer und hat mir eine SMS geschickt, wenn es Zeit zum Stillen war. Dazwischen ist er mit der Kleinen spazieren gegangen. Er wusste das zu schätzen, denn wann hat man schon als Mann die Möglichkeit auf eine 15-monatige Auszeit für die Familie.

 

Wie ist das von Ihrem Umfeld aufgenommen worden?
Sehr gut. In seiner Firma wird hier sehr fortschrittlich gedacht. Er war zwar der Erste, der in Vollkarenz ging, aber ein halbes Jahr mit dem Kind daheim zu bleiben ist in seinem Unternehmen durchaus normal. Im Freundeskreis wurde es mit viel Neid aufgenommen, dass er die Möglichkeit hatte, intensiv Zeit mit dem Kind zu verbringen und für es da zu sein.

 

Halten Sie eine Frauenquote für sinnvoll?
Ich bin ein Fan der Frauenquote. Es gibt diesen bekannten Ausspruch von Viviane Reding, der ehemaligen Vizepräsidentin der Europäischen Kommission: „I don’t like quotas, but I like what quotas do.“ Es braucht eine Quote, bis es eine normale Verteilung gibt.

 

Wo müssen Unternehmen in Zukunft umdenken? 
Jeder muss in der Arbeitswelt für eine gewisse Zeit ersetzbar sein, schließlich kann jeder einen Unfall haben und ausfallen. Dieses Denken, dass Mitarbeiter 40 Jahre immer in der Firma verfügbar sind, ohne auszufallen, das muss überwunden werden. Wenn das Wissensmanagement so angelegt ist, dass es nicht bei einer Person zusammenläuft und flexibel gestaltet ist, dann sind wir einen großen Schritt weiter. Außerdem müssen Hierarchien flacher werden und sich mehr den Realitäten von Frauen anpassen. Da kommt alles dazu – auch Home-Office-Lösungen. Kinder haben Sommerferien, Herbstferien, Osterferien – mit fünf Wochen Urlaub im Jahr geht sich das nicht aus.

 

Was entgegnen Sie Kritikern?
Die Zeiten haben sich geändert, heute hat nicht mehr jede Familie vier oder fünf Kinder. Gerade in Tirol im bäuerlichen Umfeld gab es früher kinderreiche Familien, und die Geschwister waren die Spielkameraden, die Kinder heute eben in einer Gruppe finden. Früher war auch der Haushalt mehr Aufwand – quasi ein Vollzeitjob. Heute in einem volltechnisierten Haushalt mit Geschirrspüler, Waschmaschine oder Saugroboter in einer Wohnung muss ich mir schon Beschäftigung suchen. Frauen sind heute gut ausgebildet, wollen arbeiten und Verantwortung übernehmen. Zusätzlich es so, dass viele Frauen arbeiten müssen, weil es für das Familieneinkommen einfach notwendig ist. Genauso ist es bei Alleinerzieherinnen, denen bleibt nichts anderes übrig, gerade in Tirol bei den Wohnungspreisen und den Lebenserhaltungskosten. Allerdings ist mir wichtig, dass wir niemandem etwas vorschreiben. Eine Frau soll für ihre Entscheidung, egal wie sie ausfällt, nicht angezweifelt oder angefeindet werden.