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People | 06.05.2019

Langweilig schön

Andreas Kranebitter, Geschäftsführer der Modelagentur SP-Models, hat mit der TIROLERIN über Selbstständigkeit und Entwicklungen in der Modebranche gesprochen und warum nicht jedes Model schön im klassischen Sinne sein muss.

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Der Innsbrucker Selle Coskun gehört zum Kernteam von SP-Models und modelt regelmäßig für H&M. Außerdem macht er Kampagnen für Baldessarini sowie Dolce & Gabbana und steht für diverse österreichische und deutsche Magazine vor der Kamera. (Foto: SP-Models)

Hohe Räume, weiße Flügeltüren, frisch gestrichene Wände. In den Räumlichkeiten der Agentur SP-Models in Innsbruck wirkt alles sehr clean und ist modern eingerichtet. „Wir shooten und filmen ja auch bei uns“, meint Andreas erklärend. Für das Interview haben wir ihn gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Sonja Ostrowski in seinem Büro, einer Altbauwohnung in Wilten, besucht. Sonja war knapp 30 Jahre lang als Headbookerin einer großen Modelagentur in München tätig. Seit zwei Jahren ist die gebürtige Tirolerin nun wieder in Innsbruck und bringt ihre Erfahrung aus der Arbeit mit Größen wie Gisele Bündchen, Elle Macpherson oder Julia Stegner nun bei SP-Models ein.

TIROLERIN: Wie kamen Sie zum Modelbusiness?
Kranebitter: Mich hat das Thema Fotografie bereits in frühen Jahren interessiert. Dementsprechend habe ich mich dann auch mit Magazincovern oder anderen inszenierten Bildern auseinandergesetzt. Ebenso fand ich die Fashion-Shows im Fernsehen immer spannend, da diese doch eine ganz andere, spezielle Welt zeigen. Ausschlaggebend war dann, dass ich in meiner Jugend viel Zeit in einem Jugendzentrum verbracht habe, das von einem Priester geleitet wurde. Dieser erzählte uns beiläufig, dass er früher bei einer Modelagentur beschäftigt war und sich als Model etwas dazu verdient hatte. So war eigentlich der ersten Kontakt mit dem Thema hergestellt. Ich habe mich nach meiner Matura bei mehreren Agenturen in Österreich, Deutschland und der Schweiz für ein Praktikum beworben. Als ich dann in München genommen wurde, konnte ich mit 19 Jahren – direkt nach dem Zivildienst – das erste Mal in die Branche schnuppern.

Wann haben Sie die Agentur SP-Models gegründet?
Kranebitter: Nach meinem Praktikum in München bin ich dann wieder zurück nach Innsbruck und habe Wirtschaft studiert. Dies aber bereits mit dem Gedanken, mich irgendwann selbstständig zu machen. Während des Studiums habe ich in einer Werbeagentur gearbeitet und schon einige tolle Models entdeckt. Im Oktober 2012 fing ich an, Informationen und potenzielle Kunden zu sammeln, im Februar 2013 war es dann offiziell: Ich gründete meine eigene Agentur.

 

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Andreas Kranebitter ist Geschäftsführer der Model-Agentur SP-Models

Dies klingt jetzt so, als sei alles nach Plan verlaufen. Sind Sie auch auf Herausforderungen gestoßen?
Kranebitter: Ja, definitiv. Dadurch, dass ich mich schon mit 23 Jahren selbstständig gemacht habe, bin ich zu Beginn selbstverständlich das ein oder andere Mal an die Wand gefahren. Vor allem, weil ich bestimmte Dinge vernachlässigt habe. Mein persönlicher Tipp daher: Es ist wichtig, dass man sich wirtschaftlich auskennt und ansonsten bei jemandem Rat holt. Verpflichtend für jeden, der sich selbstständig macht: ein guter Steuerberater. Bei mir hat sich nach eineinhalb bis zwei Jahren dann zum Glück alles gut eingependelt. Man darf aber nicht auf der faulen Haut liegen, muss viel arbeiten und früher aufstehen als andere oder länger arbeiten. Es ist nicht ganz einfach, aber alles machbar. Wenn einem die Arbeit Spaß macht, macht man es ja gern.

Wie finden Sie Ihre Models?
Kranebitter: Wir kriegen mittlerweile Initiativbewerbungen aus aller Welt, sprechen Leute aber auch direkt auf der Straße an. Sonja hat hier durch ihre langjährige Erfahrung ein sehr gutes Auge. Es ist erfahrungsgemäß anders, wenn eine Frau auf Mädels zugeht, als wenn ich als Mann das mache.
Ostrowski: Einige sind sehr zugetan, das Thema ist ja medial mittlerweile recht präsent. Die, die am besten aussehen, trauen es sich meist selbst nicht zu und sind überrascht, dass sie angesprochen werden. Diese muss man dann oft regelrecht überzeugen. Solche Menschen kann man modeltechnisch als Roh-
diamanten bezeichnen. Generell melden sich dann aber fast 100 Prozent bei uns.

Welche Anforderungen muss ein Model erfüllen? Diese haben sich in den letzten Jahrzehnten ja stark gewandelt.
Kranebitter: Die Anforderungen, die seit jeher bestehen, sind immer noch Thema. Der Markt ist jedoch zum Glück offener geworden – für andere ethnische Herkunft oder andere Körperbilder. Aber die klassischen Ansprüche sind immer noch da. Frauen sollten mindestens 1,73, besser noch 1,75 Meter oder größer sein. 1,85 bis 1,92 Meter ist bei Männern ideal. Die Maße werden im deutschsprachigen Raum jedoch nicht so streng genommen wie in Mailand oder gar in Paris. Prinzipiell sollte aber proportional alles zusammenpassen.

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Viktoria Machajdik war unter anderem in der italienischen Vogue zu sehen, hat aber auch für viele andere italienische und französische Magazine wie L’Officiel, Marie Claire oder Amica gearbeitet. Sie ist bei Shows in New York, Mailand und Paris mitgelaufen und war beim 40-jährigen Jubiläum von Armani dabei. Inzwischen wird sie von großen Marken, unter anderem Benetton oder Prada, regelmäßig nach Mailand eingeflogen. (Foto: SP-Models)

Welche Anforderungen gibt es bei Figur und Stil?
Kranebitter: Hier hat sich in den letzten Jahren definitiv einiges geändert. Während bei Frauen immer noch schlank und grazil gefragt ist, wird von Männern mittlerweile mehr verlangt. Wenn all die Fitness-Blogger ihre ganze Zeit in Körper und Bilder investieren, ist das ein Fulltime-Job. Von männlichen Models wird dann oft ebenso erwartet, dass ihre Figur das ganze Jahr über durchtrainiert ist, und sie dieses Ideal halten. Es ist aber generell ein breiteres Spektrum gefragt. Tattoos oder große sichtbare Male waren früher verpönt. Heute verkaufen sich individuelle Eigenschaften besser als „langweilig schön“. Es richtet sich selbstverständlich immer nach dem, was der Kunde sucht. Aber auch hier sind die meisten viel offener, ja mutiger geworden. Sie haben verstanden, dass die Models, die Produkte präsentieren, vielfältiger werden müssen, wenn sich das Bild der Bevölkerung ändert. Heute machen gewisse „Makel“ ein Gesicht erst charakterstark und individuell.

Und was ist Ihnen persönlich noch wichtig?
Kranebitter: Unsere Models brauchen eine bestimmte Größe, Statur und sollten nicht zu nahbar wirken. Mir ist es aber ebenso sehr wichtig, dass sie tadellose Umgangsformen pflegen. So respektvoll, wie wir sie behandeln, sollen sie auch mit unseren Kunden umgehen. Denn sie tragen ja weiter, wofür die Agentur steht, und dies soll höchst professionell und mit einem gepflegten Umgangston passieren. Unsere Models müssen umgänglich sein, eine sympathische Art und etwas im Kopf haben. Denn gerade, wenn es darum geht, mehrere Tage intensiv an einem Auftrag zu arbeiten, verbringt man wirklich viel Zeit miteinander. Fotografen und alle anderen Beteiligten sprechen später noch darüber, wie sich ein Model am Set auch zwischenmenschlich verhalten hat.

 Hat sich die Modelbranche allgemein verändert?
Ostrowski: Social Media haben das Business extrem beeinflusst. Ein gutes, bekanntes Model muss bei der Buchung mit einer gewissen Anzahl an Instagram-Followern aufwarten können. Es wird von den Models erwartet, dass von der Produktion nicht nur das Endprodukt gepostet wird. Das gehört dann zum Package dazu. Wo eine Zeit lang Schauspieler große Kampagnen wie Magazin-Cover oder Parfümwerbung abgegriffen haben, erhalten mittlerweile schon Blogger solche Aufträge. Viele Designer geben ihre Kollektionen an Influencer, die diese auf ihren Kanälen bewerben. Aktuell läuft das noch parallel zum klassischen Modelbusiness. Man muss jedoch noch abwarten, wie sich dieser Trend entwickeln wird.

Sie haben als Boutique-Agentur aktuell 85 Models unter Vertrag. Halten sich hier die Geschlechter die Waage?
Kranebitter: Ja, ungefähr. Und auch die Aufträge, auf das Jahr verteilt, treffen ungefähr 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen, je nach Anforderung, versteht sich. Inzwischen sind fast 75 Prozent davon international und nicht aus Tirol. Obwohl wir immer noch einige tolle Tiroler Models bei uns haben, die von Anfang an dabei waren. Da wir viele internationale Kunden betreuen, ist es jedoch natürlich praktisch, wenn die Models in der jeweiligen Stadt wohnen. Generell vertreten wir ein Spektrum an besonderen, interessanten, modernen Gesichtern. Das Schöne dabei: Diese Gesichter finden sich auf der ganzen Welt.

Welche Tiroler sind dann Ihre Vorzeige-Models?
Kranebitter: Selle und Viktoria sind zwei der ersten Models, die von Anfang an von uns betreut wurden und nach wie vor bei uns sind. Sie haben es beide definitiv zu großem Erfolg gebracht. Nach oben hin gibt es zwar noch Luft, denn natürlich wäre es mein Ziel, DAS Supermodel zu entdecken, im besten Fall auch aus Tirol. Aber bis dahin bin ich sehr zufrieden.