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People | 14.03.2019

Leib und Leben

Flugärztin, Bergdoktorin, Mutter: Klaudia Stengg hat in ihrem Leben bereits viele Stationen durchlaufen. Mit der TIROLERIN sprach sie über ihre Ambitionen, die kleinen Freuden im Leben sowie Hürden, aufgrund derer wir nicht aufgeben, sondern an denen wir wachsen sollten.

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Klaudia Stengg als Notärztin vor dem Christophorus 1 im Jahr 1995. (Foto: Wolfgang Weitzer)

Klaudia Stengg hat nach ihrem Medizinstudium in Innsbruck mehrere Ausbildungen in den verschiedensten medizinischen Bereichen absolviert. In frühen Jahren als Flugärztin mit Ambulanz-Jets, Linienflügen und Notarzthubschraubern unterwegs, wurde sie vor 20 Jahren sesshaft und hat sich mit dem Fachärztehaus Fissmed selbstständig gemacht. Offen refkletiert sie über ihren Werdegang, die schönen Seiten ihrer Berufung, aber auch über Steine, die ihr manchmal in den Weg gelegt werden.

 

TIROLERIN: Wie kamen Sie dazu, vor 20 Jahren das Fissmed-Fachärztehaus ins Leben zu rufen?

Klaudia Stengg: Das hat sich aus meiner Historie ergeben: Einerseits hat mein Großvater mir viel von meiner Urgroßmutter, die Bergdoktorin – natürlich ohne Studium – in Alpbach war, und von ihren medizinischen und heilerischen Heldentaten erzählt – Geschichten, die mich als Kind sehr beeindruckt haben. Aus dieser Tradition heraus habe ich dann wohl Medizin studiert. Nach meiner allgemeinmedizinischen Ausbildung habe ich zehn Jahre lang als Flugärztin Patienten aus aller Welt mit Ambulanz-Jets oder Linienflügen repatriiert. Diese Arbeit hat mir sehr gut gefallen, ich habe weltweit sehr viel erlebt. Auch die große Menge an Flugstunden, Jetlags, Reisezeiten von über 40 Stunden, ohne die Möglichkeit zu haben, zu schlafen, waren nach zehn Jahren immer noch so, dass es keine Notwendigkeit gegeben hätte, diese Arbeit aufzugeben. Trotzdem war mir bewusst, dass es für diese Art der Tätigkeit altersbedingt ein Ablaufdatum gibt. Es war für mich ohnehin klar, dass ich mich als Ärztin in einer Praxis niederlassen möchte. Nach meinen Berechnungen musste ich mit 42 Jahren damit beginnen, um die Kosten der Praxisniederlassung bis zu meiner Pensionierung rückfinanzieren zu können. Das war der andere Grund.

 

Warum war Ihnen das ein Anliegen?

Nachdem ich mit dem Notarzthubschrauber geflogen bin, wollte ich eine Praxis, in der es auch Notfallmedizin gibt und in der man medizinisch vielfältige Aufgaben hat. Im Hinterkopf hatte ich immer noch den Wunsch, Bergdoktorin zu sein. Ich habe weltweit medizinische Systeme und Standards von Krankenhäusern kennengelernt, in denen es oft nicht einmal ein ordentliches Labor oder Röntgen gab. Diese Umstände haben mich gelehrt, Patienten ohne viele Geräte ganz genau zu untersuchen und den Zustand einzuschätzen. Deshalb war es für mich die oberste Prämisse, eine Einrichtung zu schaffen, in der auch am Berg medizinisches Equipment und ärztliche Kompetenz auf Top-Standard geboten werden.

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Foto: visualsvan.com

Vor welche Herausforderungen wurden Sie damals gestellt?

Von Anfang an wurde von der Gemeinde Fiss klar kommuniziert, dass sie zwar dringend einen Arzt suchen, aber finanziell nichts beitragen können. So war es notwendig, klein anzufangen und das verdiente Geld immer wieder zu investieren, um gerätetechnisch und personell einen optimalen medizinischen Standard bieten zu können. Die zusätzliche Herausforderung war, dass ich in den ersten Jahren keine weiteren Ärzte in meiner Praxis beschäftigt hatte und somit während der Wintersaison eine Sieben-Tage-Woche und auf Wunsch der Gemeinde jede zweite Nacht Dienst hatte. Das erfordert schon ein gewisses Durchhaltevermögen. Aber die Arbeit hat mir immer sehr viel Freude bereitet und ich wollte mich in der Gemeinde und bei den Kollegen – denn nicht jeder war glücklich damit, dass eine Frau als Arzt tätig ist – als konziliant und hilfreich etablieren. Dass ich am Plateau die Notarzteinsätze durchführte, hat sicher dazu beigetragen, dass man mich als Ärztin im Dorf ernst genommen hat.

 

Inwiefern hat Sie die Eröffnung des Fachärztehauses persönlich und beruflich verändert?

Persönlich wächst man, wenn man plötzlich in die Position kommt, Chef zu sein und Mitarbeitern ein gutes Arbeitsumfeld schaffen zu wollen. Ebenso, wenn man die volle betriebliche und wirtschaftliche Verantwortung trägt, Bauvorhaben plant, sich im öffentlichen Umfeld der Gemeinde positioniert und als Ärztin im Dorf eine Person öffentlichen Interesses ist.

Beruflich gab es für mich eine neue Herausforderung, nachdem ich bisher nur Notfallpatienten behandelt hatte oder Patienten über die Kontinente von einem Krankenhaus zum anderen medizinisch betreut hatte. Plötzlich hatte ich die Aufgabe, Patienten zu untersuchen, eine Diagnose zu stellen und sie dann mit Medikamenten nach Hause zu schicken, bei denen ich nicht unmittelbar – wie bei Patiententransporten – beobachten konnte, welche Wirkung sie haben würden. Das medizinische Spektrum wurde unermesslich groß: Vom Säugling bis zum älteren Menschen kamen medizinische Fragestellungen aller Art von Infekten über internistische und neurologische Notfälle bis hin zu Unfällen und Hautkrankheiten. Weiterhin absolvierte ich medizinische Ausbildungen und Fortbildungen, um noch mehr Asse im Ärmel zu haben. Der Erfahrungsschatz, auf den Ärzte in meinem Alter zurückgreifen können, gibt diagnostische und medizinische Sicherheit. Damit ist die Freude am ärztlichen Tun auch ungebrochen. Die Erfahrung lässt einen aber auch nie den Respekt vor unerwarteten Situationen verlieren. Die Erkenntnis, dass es in der Medizin nichts gibt, was es nicht gibt, wächst durch das Lernen.

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Klaudia Stengg leistet Erstversorgung auf der Skipiste. (Foto: visualsvan.com)

Sind Sie auch auf Hürden gestoßen, die Ihrer Meinung nach einem Mann nicht so begegnet wären?

Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung und Akzeptanz bezüglich der Bevorzugung von Männern. Für mich war diese Erkenntnis hilfreich, um mich nicht persönlich beleidigt zu fühlen oder an meiner Kompetenz zu zweifeln, wenn ein Mann eine Stelle bekam, um die ich mich sehr bemüht hatte. Meine Philosophie war es, nicht dagegen zu kämpfen, sondern zu versuchen, doppelt so viel zu leisten. Diskriminierung auf die eine oder andere Weise hat es natürlich gegeben. Ob es schon während des Studiums der Professor war, der wusste, dass ich Kinder hatte (während des Studiums mein bestgehütetes Geheimnis), und mich extrem hart prüfte. Nach der Prüfung hielt er dann vor versammeltem Auditorium eine Rede, dass Frauen mit Kindern sich nicht einbilden sollten, sie könnten ein Medizinstudium überhaupt schaffen,  und dass sie doch besser bei den Kindern bleiben sollten, da sie als Ärztin nie erfolgreich sein würden. Ein für die Facharztausbildungsstelle für Gynäkologie zuständiger Professor vertrat das Credo, „ein Gynäkologe muss ein Mann sein, schön sein und schöne Hände haben“. Kriterien, die ich nicht erfüllen konnte. Ebenso sagte mir der Bürgermeister eines Dorfes bei der Bewerbung für eine Stelle als Kassenärztin ins Gesicht, dass ein Mann für die Stelle bevorzugt werde. Da wusste ich, dass das der falsche Platz für mich war. Die Fisser waren nicht so. Sie hatten lange nach einem Arzt gesucht, der den Mut hatte, die Investition in eine Praxis zu tätigen, und waren froh, als ich kam.

Manche männliche Kollegen tun sich schwer mit mir, wenn sie sehen, dass ich erfolgreich bin. Einer hat sich sogar geweigert, mit mir an einem Tisch zu sitzen. Dies war aber ein persönliches Problem seinerseits. Trotzdem ist das schade, denn wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir  tragen alle die Verantwortung für Leib und Leben von Menschen. Ich würde mich über guten kollegialen Kontakt und mehr fachlichen Austausch freuen.

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Vor rund 20 Jahren eröffnete Klaudia Stengg das Fachärztehaus. (Foto: visualsvan.com)

Sind Sie auch auf Hürden gestoßen, die Ihrer Meinung nach einem Mann nicht so begegnet wären?

Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung und Akzeptanz bezüglich der Bevorzugung von Männern. Für mich war diese Erkenntnis hilfreich, um mich nicht persönlich beleidigt zu fühlen oder an meiner Kompetenz zu zweifeln, wenn ein Mann eine Stelle bekam, um die ich mich sehr bemüht hatte. Meine Philosophie war es, nicht dagegen zu kämpfen, sondern zu versuchen, doppelt so viel zu leisten. Diskriminierung auf die eine oder andere Weise hat es natürlich gegeben. Ob es schon während des Studiums der Professor war, der wusste, dass ich Kinder hatte (während des Studiums mein bestgehütetes Geheimnis), und mich extrem hart prüfte. Nach der Prüfung hielt er dann vor versammeltem Auditorium eine Rede, dass Frauen mit Kindern sich nicht einbilden sollten, sie könnten ein Medizinstudium überhaupt schaffen,  und dass sie doch besser bei den Kindern bleiben sollten, da sie als Ärztin nie erfolgreich sein würden. Ein für die Facharztausbildungsstelle für Gynäkologie zuständiger Professor vertrat das Credo, „ein Gynäkologe muss ein Mann sein, schön sein und schöne Hände haben“. Kriterien, die ich nicht erfüllen konnte. Ebenso sagte mir der Bürgermeister eines Dorfes bei der Bewerbung für eine Stelle als Kassenärztin ins Gesicht, dass ein Mann für die Stelle bevorzugt werde. Da wusste ich, dass das der falsche Platz für mich war. Die Fisser waren nicht so. Sie hatten lange nach einem Arzt gesucht, der den Mut hatte, die Investition in eine Praxis zu tätigen, und waren froh, als ich kam.

Manche männliche Kollegen tun sich schwer mit mir, wenn sie sehen, dass ich erfolgreich bin. Einer hat sich sogar geweigert, mit mir an einem Tisch zu sitzen. Dies war aber ein persönliches Problem seinerseits. Trotzdem ist das schade, denn wir 
sitzen alle im gleichen Boot. Wir  tragen alle die Verantwortung für Leib und Leben von Menschen. Ich würde mich über guten kollegialen Kontakt und mehr fachlichen Austausch freu
en.

 

Sehen Sie sich als Vorreiterin oder Vorbild für andere Ärzte, die das gleiche Ziel verfolgen wie Sie?

Prinzipiell habe ich Fissmed gegründet, um mich selbst als Ärztin entfalten und weiterentwickeln zu können. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ich früh Standards geschaffen habe, die im Kollegenkreis übernommen worden sind. Außerdem genießt Fissmed seit vielen Jahren das Ansehen einer guten Lehrpraxis, in der ich selbst viele Studenten und Jungärzte ausgebildet habe. Ich kann ein seltenes medizinisches Spektrum bieten, gebe mein Wissen und meine Erfahrung gerne weiter. Ich möchte immer wieder neue, bessere Standards für Patientenversorgung schaffen – tue das aber nicht nur, um andere zu motivieren. Wir können sicher Vorbild sein, schließlich betreiben wir Medizin mit höchstem Qualitätsstandard inklusive Computertomographie in einem Bergdorf, wo vor 50 Jahren noch bittere Armut herrschte und es nur ein einziges Telefon gab, um einen Arzt zu rufen. Aber eine Vorreiterrolle habe ich nicht angestrebt. Es hat sich aus meinem Bedürfnis nach ständiger Weiterentwicklung medizinischer Qualität ergeben.

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Foto: visualsvan.com

 Was bereitet Ihnen am meisten Freude in Ihrem medizinischen Alltag?

Sehr vieles. Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, die Sonne scheint und der Schnee glitzert und ich erkenne, dass ich das Privileg habe, an einem der schönsten Plätze der Welt zu arbeiten. Wenn ich sehe, wie mein gut gelauntes und perfekt geschultes Team die Patienten empathisch und kompetent betreut. Wenn ich mich mit den Kollegen in meiner Praxis über schwierige Fälle beraten kann. Wenn ich eine Schulter reponiere und die vorher gelähmte Hand wieder klaglos funktioniert. Wenn ich nach einer Reanimation in der Klinik anrufe und höre, dass der Patient die Klinik gesund verlassen kann. Wenn ich junge Menschen mit ihrem Baby berate. Wenn behandelte Urlauber zu mir sagen: „Ich nehme Sie mit, so einen Arzt möchte ich bei mir daheim.“ Wenn ich ein seltenes Krankheitsbild erkannt und richtig behandelt habe. Wenn ein Patient ein bisschen weniger unglücklich mein Haus verlässt, weil er seine Krankheit versteht und Hoffnung schöpft. Wenn Menschen mit psychischen Problemen wieder einen roten Faden finden. Ich erachte es als ein unglaubliches Privileg, dass mir Menschen Leib und Leben und die Gesundheit ihrer Kinder in die Hände legen. Das ist das Höchste, was man jemandem anvertrauen kann.

 

Sie sind eine erfolgreiche Frau, die ihre Karriere selbst in die Hand genommen hat. Warum gibt es Ihrer Meinung nach immer noch wenige Frauen in Führungspositionen?

Wenn Führungspositionen von Männern geschaffen werden, ist das klar. Und, wie schon erwähnt, die Akzeptanz dieses Umstandes. Und weil berufstätige Frauen sich immer noch dafür entschuldigen, dass sie Kinder haben und diese gut betreuen möchten. Weil es im Berufsalltag Abhängigkeiten von Männern gibt, die zwar absurd sind, aber auf einem Machtgefälle beruhen. Weil Frauen, die Karriere machen wollen, glauben, sie müssten auch männliche Eigenschaften entwickeln, um erfolgreich zu sein, und ihre weiblichen Stärken nicht leben. Es ist wichtig, als Frau authentisch zu sein und sich so gegen den Druck männlichen Machtgehabes zu behaupten. Seit Jahrtausenden managen Frauen ihre Familien, ihre Bauernhöfe, ihre Betriebe. Sie nehmen die verschiedensten Rollen ein, sichern das Überleben ihrer Kinder, wenn der Vater nicht mehr da sein sollte. Weibliches Selbstbewusstsein ist angebracht und soll gelebt werden. Wenn man eine Führungsposition anstrebt und wieder einmal nicht bekommt, obwohl man kompetent ist, dann ist es hilfreich, kreativ zu werden und sich etwas Eigenes zu schaffen, bei dem man nicht von anderen Leuten abhängig ist. Fissmed gäbe es vermutlich nicht in dieser Form, wenn ich ein Mann wäre. Es ist eben das Produkt der Hürden, von denen bereits gesprochen wurde. Aber diese haben es mir ermöglicht, meine medizinische Philosophie zu leben, weil ich keinem Chef und keinem Verwaltungsdirektor Rechenschaft schuldig, sondern nur dem Patienten gegenüber verantwortlich bin und mir erlauben darf, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Damit bin ich sehr zufrieden.