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People | 13.02.2019

Benzin im Blut

Mit vier das erste Mal auf der Kartbahn, mit 18 bei der Formel drei. Sophia Flörsch hat einen steilen Erfolgsweg im Motorsport hinter sich. Warum neben außergewöhnlicher Disziplin der Spaß nicht zu kurz kommen darf und wem sie dankbar ist, hat sie uns im Interview erzählt.

Die meisten kennen Sophia Flörsch wegen ihres schweren Unfalls beim Formel-drei-Finale in Macao. Als beim Wagen der 18-Jährigen das linke Vorder- und Hinterrad wegbrachen, verlor sie die Kontrolle, durchbrach die Absperrung und prallte mit 278 Stundenkilometern in eine Tribüne. Dass sie mehr ist als nur „das Mädchen nach dem Unfall“ beweist sie nicht nur im sportlichen Sinne. Auch im Interview erleben wir sie voller Energie, Witz und mit beiden Beinen fest im Leben. Denn vor allem Ehrgeiz und Selbstdisziplin, bereits im frühen Alter, haben die Münchnerin dahin gebracht, wo sie heute steht. Wir haben mit ihr über schnelle Autos, Frauen im Motorsport und ihre Pläne für die Zukunft gesprochen.

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© Sophia Flörsch

TIROLERIN: Sie sind schon in jungen Jahren in das Motorsport-Business eingestiegen. Wie kam es dazu?

Sophia Flörsch: Mein Vater hat mich im Alter von vier Jahren zum ersten Mal auf die Kartbahn mitgenommen. Meine Eltern erzählten mir, dass ich mich mächtig erschrocken habe, als der Motor das erste Mal gestartet wurde. Deshalb wurde die Premiere um ein paar Wochen verschoben. Je besser und schneller ich wurde, desto mehr Spaß machte es. 2008 durfte ich die ersten Rennen fahren und wollte nicht mehr aufhören.

Was für ein Gefühl ist es, als erste Frau bei der deutschen Formel-vier-Meisterschaft auf dem Podium zu stehen?

Das Siegerpodest ist natürlich ein Highlight, etwas ganz Besonderes. Die harte Arbeit, die Fahrer und Team davor investiert haben, zahlt sich damit aus. Ein sehr schönes Gefühl, wenn man den Menschen, die so engagiert hinter einem stehen, dann etwas zurückgeben kann. In der Ginetta Junior Championship war ich die jüngste Siegerin überhaupt. Die Podestplätze 2017 in der Formel vier waren lang erwartet. Man fährt dort gegen Piloten und Teams mit viel besserem Backing, Budgets und Möglichkeiten, als ich sie habe. Deshalb macht es mich besonders stolz. Dass ich das als erste Frau geschafft habe, freut mich, aber ich will eine der Besten im Sport werden und nicht nur die beste Frau.

 

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Passion Motorsport. An der Rennstrecke vergaß Sophia alles Andere um sich. © Sophia Flörsch

Wie wird man im Motorsport-Business generell als Frau wahrgenommen?

In der Formel drei sind Fahrer, Teams und Umfeld sehr professionell, auch im Umgang mit Frauen. Unter den Piloten sprechen alle mit mir auf Augenhöhe. Die meisten kenne ich ja schon viele Jahre, auch wenn ich immer die Jüngste in den Serien gewesen bin. Im Kartsport und in den Einsteigerklassen merkte ich, dass die Leute erst einen besonderen Könnensbeweis erwarteten und ich zu zeigen hatte, dass ich ebenso schnell bin wie die Jungs. Manches Sporturteil mich betreffend war zum Schmunzeln und vermutlich nicht vorurteilsfrei. Meine Eltern stellten sich in politischen Fragen mit Teams, Kommissaren und Verbänden aber immer vor mich, damit ich von diesen politischen Diskussionen nichts mitbekam. Heute lachen wir dann darüber. Erst letztes Jahr wurde mir über Dritte die Aussage eines Spitzenteams zugetragen, man hätte mich dort abgelehnt, da man Sorge hätte, dass ich als Frau Unruhe ins Team bringen würde. Na ja ... Mich freut es, dass man dank der Arbeit engagierter Frauen wie zum Beispiel

Michele Mouton mit FIA Women in Motorsport oder Susie Wolff mit Dare To Be Different (Initiativen für Frauen im Motorsport, Anm. d. Red.) spüren kann, dass diese unmodernen Sichtweisen im Motorsport immer weniger Gehör finden. Moderne Chefs wie Jean Todt, Toto Wolff, Uli Fritz, mein VAR-Teamchef Frits van Amersfoort oder meine Sponsoren stehen voll hinter starken Frauen. Red Bull F1 Technology war so ziemlich das erste Rennteam, das mich als Frau unterstützte und mich im Red-Bull-Simulator-Programm viel lernen ließ. Dafür bin ich ihnen dankbar.

Sie nehmen eine Art Vorreiterrolle für Frauen im Motorsport ein. Ist es Ihnen wichtig zu zeigen, dass Frauen in einer Männerdomäne erfolgreich sein können?

Ich habe einfach Spaß am Racing und lasse mich da nicht von Sprüchen oder Politik abbringen. Ich mache mein Ding und versuche, dabei so gut wie möglich abzuliefern. Voll reinhängen ist meine Devise. Jeder soll sein persönliches Ziel verfolgen, für seine Träume kämpfen, egal welche Steine ihm in den Weg gelegt werden. Rückschläge wegstecken und weitermachen. Nie den Spaß verlieren. Lebensfreude genießen. Das ist meine Lebenseinstellung. Wenn ich damit Frauen, aber auch Männer, motivieren kann, ist das gut. Der Motorsport braucht mehr Frauen.

 

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© Sophia Flörsch

Sie waren 2018 in der europäischen Formel-drei-Meisterschaft am Start. Hatten Sie mit dem Erfolg gerechnet?

Wegen meines Schulabschlusses bin ich quasi als Quereinsteiger Mitte der Saison in die FIA F3 European Championship eingestiegen. Ich hatte die Wahl zwischen einem Testjahr ohne Rennen oder Quereinstieg ohne Vorbereitung. Meine Testerfahrung im F3 lag bei 3.000 Kilometern, der Starterfelddurchschnitt hat 15.000 bis 35.000. Die Devise war, so viele Rennkilometer wie möglich zu fahren. Zusammen mit dem Management von HWA entschieden wir, dass aktive Rennen in der Championship mir mehr Lernen ermöglichen. Es funktionierte! Beim Saisonfinale war ich bis auf zwei Zehntelsekunden an der schnellsten Runde dran. Im Juli in Zandvoort, meinem ersten F3-Rennen, hatte ich mit 1,2 Sekunden Rückstand begonnen. In Macau war ich schnellste Fahrerin meines Teams und einer der Top-Rookies – bis zum Crash. Mit meinem Team Van Amersfoort Racing haben wir uns 2018 also gut verbessert. Am Red-Bull-Ring in die Punkte zu fahren und am Saisonende der Fahrer mit den wenigsten Ausfällen zu sein, zeigt, dass ich meine Ziele 2018 erreicht habe.

Im November 2018 erlebten Sie einen schweren Unfall beim Rennen in Macau. Was ging Ihnen in den Sekunden während und kurz nach dem Geschehen durch den Kopf?

Als mein linkes Vorder- und Hinterrad abgebrochen waren, wusste ich, dass ich ab sofort nur noch Passagier im Rennwagen bin. Ich bin zwar im Reflex noch voll in die Bremsen gestiegen, aber das Auto schlitterte nur auf dem Unterboden. Keine Bremse mehr da. Ich sah die Leitplanke kommen, nahm die Hände vom Lenkrad und wartete. Ich wusste, dass da irgendwann eine Wand kommt. Gleichzeitig nervte es mich, dass das Rennen gelaufen war. Es geht alles sehr schnell. Fliegen und Einschlag nimmt man anders – oder gar nicht? – wahr. Als ich mit dem Auto auf dem Reifenstapel stand, versuchte ich zuerst den Feuerlöschschaum aus meinem Gesicht zu bekommen, weil er in den Augen brannte und ekelhaft schmeckte. Während der Bergung kamen die Schmerzen im Rücken. Ich dachte an meine Familie und mein Team. Über Funk wollte ich dem Team mitteilen, dass „alles ok ist“, aber leider funktionierte der Funk nicht. 

 

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Pionierinnen in Männerdomänen. Sophia Flörsch nahm neben Nadine Wallner, Nina Ortlieb, Katrin Müller-Hohenstein und Monisha Kaltenborn beim ersten Sportgipfel Tirol in St. Anton am Arlberg teil. © Arlberg Kandahar Rennen/APA-Fotoservice/Hetfleisch

Ist man als Profirennfahrerin in solch einem Moment um die Karriere oder doch in erster Linie um die eigene Gesundheit besorgt?

Ich wusste lange Zeit nicht, wie ich die Schmerzen zu bewerten hatte. Zuvor hatte ich noch keinen schweren Knochenbruch oder eine andere dramatische Verletzung. Gleichzeitig musste ich erst den Bergungsleuten und dann den Ärzten im Krankenhaus meine Empfindungen erklären. Das Sprachproblem, weil wir ja in China waren, machte es da nicht einfacher. Über meine Karriere war ich nie in Sorge, weil mir meine Situation nicht so schlimm vorkam. Erst nach der CT- und Röntgenuntersuchung war ersichtlich, welche Verletzungen vorlagen. Mein Umfeld beruhigte mich dann natürlich bis zur Operation am nächsten Tag. Mein Fahrerkollege Ferdinand von Habsburg und mein Drivercoach Facu Regalia kamen bald nach dem Crash ins Krankenhaus, brachten mir mein Handy und lenkten mich vom Unfall und den Schmerzen ab. Das war sehr nett und hat mir echt geholfen.

Sieht man den Motorsport nach solch einem Unfall mit anderen Augen?

Für mich hat sich mit dem Unfall nichts geändert. Ich war und bin mir des Risikos im Motorsport bewusst. Der Unfall hat – trotz vieler Schutzengel – gezeigt, dass der DALLARA-Formel drei-Rennwagen, die Sicherheitsmaßnahmen der FIA und die Sturzhelme sehr weit entwickelt sind. Die Sicherheitsstandards sind sehr hoch, nur eine 100-prozentige Sicherheit kann und wird es nicht geben. Die gibt es aber in vielen anderen Sportarten wie zum Beispiel dem Skifahren auch nicht.

Was sind Ihre langfristigen Ziele für die Zukunft, privat wie beruflich?

Mein großes Ziel ist die Formel eins. Mein Ehrgeiz ist, Weltmeister zu werden. Da unterscheide ich mich gar nicht von meinen Mitstreitern in der Formel drei. Ich denke, wir haben alle dasselbe Ziel. Dazwischen gibt es noch viele kleinere Ziele, die es zu erreichen gilt. Für mich ist es die Formula European Masters, in der ich 2019 das Maximale rausholen möchte.

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© Sophia Flörsch