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People | 24.01.2019

Das Privileg gehört zu werden

Der in Rom geborenen Autorin Francesca Melandri gelang mit dem Drehbuch zur italienischen Fernsehserie „Fantaghirò“ bereits in jungen Jahren der internationale Durchbruch. Mittlerweile macht sie vor allem aufgrund ihrer politischen und höchst aktuellen Romane von sich reden.

Dass man als öffentliche Person die Möglichkeit hat, seiner Stimme Gehör zu verschaffen, hat Francesca Melandri früh erkannt. Woher ihr Interesse für die Politik kommt und was ihr dabei wichtig ist, hat sie uns im Interview erzählt.

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© Elisabetta Claudio

 TIROLERIN: Frauen, die in den 1980ern und 1990ern geboren sind, fragen sich: Haben auch Sie sich manchmal wie Fantaghirò gefühlt?

Francesca Melandri: Naja, ich bin ja in früheren Zeiten aufgewachsen. Aber ja, selbstverständlich, auch ich habe meine Kindheit auf dem Kletterbaum und mit „Heuhüpfen“ verbracht. Ich war ein „maschiaccio“ (dt. burschikoses Mädchen), was aber bereits eine Beschreibung ist, die – meiner Meinung nach – nicht angebracht ist, da es so wirkt, als ob die interessanten Sachen nur die Jungen machen dürften. Aber im Gegenteil, auch wir Mädchen wollten uns ausprobieren, da war ich nicht die Einzige. Und als ich dann das Drehbuch zu „Fantaghirò“ verfasst habe, war es unglaublich, welche Anklang die Serie bei Mädchen gefunden hat. Es schien etwas auszudrücken, das bereits zur Genüge vorhanden war. Es gibt immer wieder Frauen, die mich wegen meiner Bücher ansprechen, aber vor allem von der Serie schwärmen. Das ist meine eigentliche Fanbase.

Ihren ersten Roman „Eva dorme“ (dt. „Eva schläft“) haben Sie 2010 veröffentlicht. Hatten Sie – nach diversen Drehbüchern – das Bedürfnis, Literatur zu schaffen?

Eigentlich ist es umgekehrt. Ich fing erst später mit dem Verfassen von Drehbüchern an. Geschrieben habe ich immer schon. Schon als junges Mädchen schon Geschichten, kleine Romane. Ich wusste, dass ich schreiben will. Bereits als junge Frau habe ich gesagt, dass ich meinen ersten Roman erst mit 40 schreiben werde. Und genau so kam es auch. Rückblickend kann ich sagen, dass eine gewisse Reife erforderlich war, aber dies ist immer erfahrungsabhängig. Ich fühlte einfach, dass die Zeit für das Schreiben kommen würde. Was wunderbar funktioniert hat, denn mein literarisches Debüt war dann wirklich das einer erwachsenen Frau. Offizielles Debüt, denn geschrieben habe ich bereits seit 25 Jahren. Es war natürlich eine andere Art des Schreibens, aber nichts Neues für mich.

Basieren die Figuren in Ihren Romanen auf realen Personen?

Alle meine Romane basieren auf einem wichtigen Grundsatz: Man kann keine Geschichten erfinden, wenn man nicht den Geschichten anderer zuhört. Und natürlich auch der eigenen. Man muss beobachten und zuhören. In meinen nun 54 Lebensjahren habe ich unzählige Dinge gehört und gesehen, aber gleichzeitig muss ich sagen, dass keiner der Charaktere – abgesehen von den historischen Figuren – in diesem Sinne wirklich existiert. Sie sind alle eine Mischung aus einer Vielzahl realer Erlebnisse und fiktiver Ideen.

Der originale Titel Ihres aktuellen Werkes heißt „Sangue giusto“, (dt. „Gerechtes Blut“). Wie finden Sie den Titel der deutschen Fassung „Alle, außer mir“?

Der deutsche Titel gefällt mir sehr gut. Er wirft ein ganz anderes Licht auf den Roman. Der Originaltitel vermittelt die historische, politische Seite des Werkes. Der andere beleuchtet mehr die existenziellen Aspekte des Buches, die mir persönlich besonders am Herzen liegen, er ist nicht nur an historische oder politische Dinge geknüpft. Beispielsweise der Umgang mit dem Thema Tod – einer der Protagonisten, Attilio Profeti, sagt sich stets: „Alle, außer mir.“ Ein Leitsatz, der zu seinem persönlichen Geheimnis wird. Als ob es Zauberworte wären, zwischen ihm und sich selbst. Der deutsche Titel beleuchtet auch die existenziellen Aspekte der Figuren, wie eben den Sinn des Lebens und den des Todes. Am Ende handeln doch alle Romane genau davon.

Mit „Alle, außer mir“ ist Ihnen ein großer zeitgeschichtlicher Roman gelungen, der auch das Schicksal tausender Migranten thematisiert. Wie stehen Sie zur Migrationspolitik Europas?

Das Desaster oder die Lösung liegt in der europäischen Migrationspolitik und nicht in der einzelner Staaten. Meiner Meinung nach sind die Bemühungen vieler Parlamentarier, das Dublin-Übereinkommen zu reformieren, das ein unmenschliches Abkommen gegenüber den Menschen wie den Staaten ist, sehr wichtig. Die Verordnung ist vor allem den südlichen Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien gegenüber ungerecht, denn sie sind gezwungen, Menschen aufzunehmen, die eigentlich nicht hier sein wollen, weil ihre Familien irgendwo anders sind. Die Reform der Dublin-Verordnung war ja nahezu abgeschlossen, wären da nicht die paradoxen Aussagen der Populisten gewesen, deren Politik nur auf Ausländerfeindlichkeit basiert. Dies zeigt, dass sie das Thema Migration für ihre Politik ausschöpfen, selbst aber an keiner Lösung – nicht mal ihrer eigenen – interessiert sind und es nur als Propagandamittel nutzen. Deshalb hoffe ich, dass das zukünftige Europäische Parlament es schafft, von dieser Propagandalogik loszukommen und eine Politik zu betreiben, die allen nützt.

Was sagen Sie dazu, dass fünf Länder, darunter Österreich, den Migrationspakt nicht unterschrieben haben?

Es ist kurzsichtig. Jeder der europäischen Staaten, auch Deutschland, hat gegen Großmächte wie China oder die Vereinigten Staaten keine Chance. Wir müssen uns vereinen und sehen, dass wir nur als Einheit, egal ob es um Wirtschaft oder andere Themen geht, stark sind. Es ist kurzsichtig und „autosabotierend“, auch für einzelne Länder.

Ihr Buch beschreibt faschistische Strukturen, die bis in die Gegenwart reichen. Sind Sie der Meinung, dass sich die Geschichte wiederholt?

Hierarchische, mentale Strukturen. Aber nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, nie. Es gibt so viele Dinge, die sich verändert haben, die nicht verglichen werden können. Die offensichtlichste Begründung dafür ist das Internet und die dadurch stattfindende Globalisierung, die in den 1920ern und 1930ern, als Faschismus und Nationalismus aufkamen, so nicht gegeben war. Des Weiteren glaube ich, dass es sehr einseitig ist, Dinge nur aus der Perspektive der Vergangenheit zu betrachten. Die Vergangenheit ist maßgebend dafür, die Gegenwart zu verstehen. Wer die Geschehnisse nur anhand der Vergangenheit interpretiert, kann nur Lösungen finden, die in der Vergangenheit lokalisiert sind. Es braucht jedoch neue Lösungsansätze für aktuelle Probleme. Und die momentan größte Herausforderung ist der Klimawandel. Das Problem der Migration ist lächerlich im Vergleich zur aktuellen klimatischen Situation. Aber Ersteres resultiert aus dem grundlegenden Problem: der Veränderung des Klimas und seinen Auswirkungen. In diesem Sinne muss eine einheitliche Lösung gefunden werden, da es um den ganzen Planeten und nicht nur um ein einzelnes Land geht. Denn wenn unser Planet verbrennt, verbrennen auch wir.

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© Elisabetta Claudio

Woher kommt Ihr Interesse für die Politik generell?

Ich bin in eine Familie hineingeboren, in der immer schon über Politik gesprochen wurde. Auch meine Schwester Giovanna war stets politisch aktiv. Meine 13 Jahre ältere Schwester Elisabetta, die sozial sehr aktiv, aber selbst keine öffentliche Person ist wie Giovanna, hat mir schon in jungen Jahren beigebracht, mich für das politische Geschehen zu interessieren. Es war ein großer Teil meiner Erziehung. Und jetzt studiert meine Tochter sogar Politikwissenschaft.

Empfinden Sie es als Ihre Pflicht, als Autorin Ihre Leser mit politischen Themen zu konfrontieren?

Meine einzige wirkliche Pflicht ist es, meine Bücher nach bestem Wissen und Gewissen zu verfassen. Meine wahre Verantwortung ist, Literatur, meinen Fähigkeiten und meinem Talent entsprechend, zu schaffen und das mit der größtmöglichen Seriosität, Ehrlichkeit, Authentizität und Sorgfalt zu machen. Wenn ich manchmal müde vom Reisen bin, überlege ich mir, keine Lesungen oder Interviews mehr zu geben und das nächste Buch alleine in die Welt zu entlassen. Andererseits leben wir in besonderen Zeiten, in denen ich als Autorin das Privileg genieße gehört zu werden. Das ist die Verantwortung, die ich empfinde, weshalb ich mich in diesen unsicheren Zeiten nicht zurückziehen will.

Und welche Art von Literatur lesen Sie selbst gerne in Ihrer Freizeit?

In meiner Freizeit lese ich wieder Klassiker, die ich früher schon geliebt habe, wie aktuell Herman Melville. Ansonsten liebe ich Poesie und lese außerdem sehr viele Sachbücher. Abgesehen davon, dass ich dies für die Recherche meiner eigenen Bücher mache, brennt in mir eine Leidenschaft für die Wissenschaft. Ich bin sehr neugierig zu erfahren, wie die Welt funktioniert. Einer der Gründe, warum ich bedauere, irgendwann sterben zu müssen, ist nicht das Ende meiner Geschichte, sondern dass ich nicht die Zeit hatte, alles Wissen der Welt in Erfahrung gebracht zu haben.