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People | 17.11.2018

Für eine menschliche Zukunft

Feministin sagt man nicht“ heißt ihr erstes Buch. Uns erzählt die Autorin Hanna Herbst, was es mit dem Wort Feministin auf sich hat und warum sie davon träumt, dass wir diesen Begriff gar nicht mehr brauchen.

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Foto: Ingo Pertramer

Hanna Herbst nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Journalistin spricht offen über Gleichstellung und engagiert sich auch lautstark gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Auf Twitter hat die 28-Jährige fast 46.000 Follower, und immer wieder war sie aufgrund ihrer Aussagen Beleidigungen und Beschimpfungen ausgesetzt – doch leiser zu treten, ist für sie keine Option. Nun hat Hanna Herbst ihre Gedanken in ein Buch gefasst und erklärt eindrücklich, warum Feminismus uns alle angeht.

TIROLERIN:  In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass viele den Begriff Feministin schon fast einem Schimpfwort gleichsetzen. Warum ist dieses Wort für so viele ein Problem?
Hanna Herbst: Ich denke, dass viele eine falsche Vorstellung davon haben, was hinter dem Begriff steht. Weil es die gibt, die mit Freuden diese falsche Vorstellung in der Welt verbreiten. Sie denken, Feministinnen wollten dieselbe Welt, nur umgedrehte Machtverhältnisse – Frauen in Führungspositionen, Männer machen die unbezahlte Arbeit. Aber das ist falsch. Johanna Dohnal bezeichnete die Vision des Feminismus einmal als eine „menschliche“, keine „weibliche“ Zukunft. Und das ist wohl das, was es am besten trifft. Aber natürlich gibt es auch die Männer und Frauen, die den Status quo mit aller Kraft verteidigen möchten – ob sie nun von dem System, in dem wir leben, profitiert haben oder nicht. Dass das vollkommen unsinnig ist, das möchte ich einigen von ihnen in diesem Buch vielleicht zeigen.

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Foto: Ingo Pertramer

Wo ist die Ungerechtigkeit auch heute für Sie am deutlichsten zu spüren?
Ich selbst bin sehr privilegiert. Alleine, dass ich in Mitteleuropa geboren wurde, das gleicht einem Lottogewinn. Aber sie sind überall. Eine von 20 Frauen wurde EU-weit bereits Opfer einer Vergewaltigung. In vielen Ländern der Erde wird Vergewaltigung in der Ehe noch immer nicht bestraft. Frauen sind in Führungspositionen noch immer stark unterrepräsentiert. 85,6 Prozent der Österreicherinnen erleben mindestens einmal in ihrem Leben psychische Gewalt. Zwei Drittel der weltweit 1,3 Milliarden Menschen, die in Armut leben, sind Frauen. Über 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter. Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus, besitzen aber nur ein Prozent des Eigentums. Und und und.


Was entgegnen Sie Frauen, die sagen, sie wollen keine Feministin sein?
Dass sie sich nicht so bezeichnen müssen, wenn es nur der Begriff ist, der sie stört. Wenn sie dafür sind, dass diese Ungleichheiten aus der Welt geschaffen werden, dann können sie ein Leben führen, in dem sie versuchen, das zu verwirklichen. Weil sie ihre Kinder so erziehen, weil sie weniger dort einkaufen, wo in der Produktion Frauen ausgebeutet wurden, weil sie Berufe ergreifen, in denen sie etwa Vorbilder für Kinder sind oder Frauen unterstützen, denen Gewalt angetan wurde. Es ist nicht die Bezeichnung, die jemanden zum Feministen oder zur Feministin macht, es sind die alltäglichen Handlungen.


Wie kann ich andere Frauen unterstützen  und mich einsetzen?  
Frauen fördern. Wenn jemand nach Ärzten, Steuerberatern, Hochzeitsfotografen fragt: vielleicht öfter mal eine Frau empfehlen. Ich selbst ertappe mich manchmal dabei, wie ich als Erstes immer an einen Mann denke, den ich empfehlen könnte. Das heißt nicht, dass man Frauen weiterempfehlen muss, die ihre Arbeit katastrophal machen.

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Foto: Ingo Pertramer

Ist es Ihnen schwergefallen, ehrlich über Ihre Schwächen zu sprechen?
Gar nicht. Ich habe in den letzten Jahren oft gemerkt, dass das anderen Menschen guttut. Weil es ihnen zeigt, dass ihre Schwächen vielleicht gar nicht so schlimm sind. Weil wir sie eben alle haben und das auch in Ordnung ist.


Fällt es uns Frauen wirklich schwerer, Nein zu sagen? Wenn ja, warum?
 Weil uns beigebracht wurde, höflich und still zu sein, uns zu fügen und brav anzupassen. Das heißt nicht, dass wir im Alltag unhöflich sein sollen, aber es heißt, dass wir, wenn wir etwas wirklich nicht wollen, nicht das Wohl des anderen über unser eigenes stellen sollen.


Auf Twitter setzen Sie klare Statements, gegen die österreichische Politik oder für das Frauenvolksbegehren. Wie wichtig ist die Online-Präsenz für Sie?
Wichtig, weil dort Menschen zu erreichen sind. Aber ein Leben ohne Internet, das reizt mich manchmal sehr.


Haben Sie persönlich ein Idol – eine Frau, die Sie inspiriert?
Dutzende. Meine Mutter, meine Freundinnen, Johanna Dohnal, Lindy West, Christina Thürmer-Rohr, Mithu Sanyal, Roxane Gay. Aber auch Männer: mein Bruder allen voran.
Wir feiern heuer 100 Jahre Frauenwahlrecht. Wenn es nach Ihnen gehen würde, welchen Meilenstein würden Sie in hundert Jahren gerne feiern?
Den Meilenstein, dass Feministinnen sagen: Diesen Begriff braucht es nicht mehr. Unsere Arbeit ist erledigt. Aber das ist eine Utopie, an die ich selbst nur in meinen kühnsten Träumen zu denken wage.


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"Feministin sagt man nicht" von Hanna Herbst, Brandstätter, € 20,60, ISBN: 9783710601941