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People | 02.09.2018

Du bist mir die Nächste

Es sind Bilder, die lange nachwirken. Begegnungen, die das eigene Wertesystem auf den Kopf stellen. Lebensbedingungen, die kaum vorstellbar, aber real sind. Die TIROLERIN war in Norduganda, um einen Eindruck zu bekommen, woran es am meisten fehlt. Und um zu helfen.

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© Fotos: Katharina Zierl

"Familienmitglieder sind in den Busch gegangen, um etwas zu essen zu finden. Sie sind nicht mehr zurückgekommen.“ Was Margret Nakong erzählt, ist schwer zu begreifen. Sie lebt mit anderen Familien in Norduganda. Konflikte zwischen einzelnen Stämmen zwangen sie zur Flucht. Jetzt sitzt Margret mit rund 20 anderen Menschen unter einem selbst gebastelten Sonnenschutz. Es fehlt hier an allem. Die nächste Wasserstelle ist kilometerweit entfernt, gegessen wird, was die Natur hergibt – oder eben nicht. Der Hunger ist groß. Das Infektionsrisiko ebenfalls. Trotz katastrophaler Lebensumstände werden wir mit Gesängen und Tänzen herzlich begrüßt und verabschiedet. Ein Gefühl von Demut und schlechtem Gewissen, zu wenig zu schätzen, was wir zu Hause haben, macht sich breit. Es ist eine Reise in eine komplett andere Welt, die viele Überraschungen bereithält.

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Foto: Katharina Zierl

Die Reise. Mit dem Zug von Innsbruck nach Wien, mit dem Flugzeug nach Addis Abeba in Äthiopien, weiter nach Entebbe in Uganda. Viel Zeit, um sich Gedanken darüber zu machen, was die kommende Woche wohl bringen mag. Der Inlandsflug vom Flugplatz Kajansi in Süduganda in den armen Norden nach Kotido liefert einen ersten Eindruck davon, wie stark sich beide Landesteile voneinander unterscheiden. Ist das Land zunächst noch dicht besiedelt, sieht man weiter oben im Norden nur noch vereinzelte umzäunte Siedlungen, bestehend aus kleinen Lehmhütten. Gemeinsam mit Ursula Scheiber und Matthias Danninger von Bruder und Schwester in Not geht die Reise weiter in die Pfarre Loyoro. Die stundenlange Autofahrt durch unberührte Natur über holprige Wege hat eine meditative Wirkung, die Landschaft ist überwältigend.

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© Katharina Zierl

Die Pfarre. In der Pfarre treffen wir auf Father Andrew, einen freundlichen, in sich ruhenden Mann. Er führt fort, was der Kartitscher Missionar Leonhard Wiedemayr im Jahr 2000 begann. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Norduganda beträgt 48 Jahre, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Situation der Frauen ist besonders schlimm. Seit die Regierung beschlossen hat, dass es keine Nomaden mehr im Land geben darf, müssen die Menschen erst lernen, sich sesshaft zu machen.
 „Die Männer kommen damit besonders schlecht zurecht. Ihr ganzer Status ging verloren. Viele sind dem Alkohol verfallen“, sagt Ursula Scheiber, die seit 2014 die Stiftung Bruder und Schwester in Not der Diözese Innsbruck leitet. Die Frauen arbeiten auf den Feldern, erziehen die Kinder und kümmern sich, so gut es geht, um Nahrung. Ein Mann hat zwischen drei und fünf Ehefrauen, mit jeder davon bis zu zehn Kinder. Mädchen werden oft bereits mit 13 Jahren verheiratet. „Die Menschen hier kennen es nicht anders. Gerade deshalb ist Bildung so wichtig“, sagt Father Andrew, während er uns unsere Bleibe für die kommenden Tage zeigt. In der Pfarre können sich die Frauen austauschen, erhalten Schulungen in Ackerbau, Hygiene und Gesundheitsvorsorge. Ein Zufluchtsort, der dringend nötig ist.

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© Katharina Zierl

Gemeinsam stark. An den kommenden Tagen lernen wir verschiedene Projekte der Pfarre kennen. Manchen – wie Margret Nakong – fehlt es am absolut Nötigsten, andere haben zumindest genügend Nahrung. Bei einer Schule angekommen, empfängt uns eine aufgeregte Gruppe junger Frauen. Wieder wird getanzt und gesungen. Die Begeisterung und Lebensfreude steckt an. Wir tanzen und singen mit. Die Frauen erzählen mit Stolz, dass sie sich mithilfe von Bruder und Schwester in Not und der Pfarre Loyoro zu einer starken Gruppe formen konnten. Eines der Mädchen hat HIV. Sie spricht offen darüber. „I am happy“, lächelt sie. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig. In ihren Gärten wächst und gedeiht es. „Das Projekt“, sagen die Frauen immer wieder, „bringt so viel.“ Es gebe weniger häusliche Gewalt. Die Frauen lernen kochen, nähen und werden selbstbewusster. Einige von ihnen verdienen dadurch etwas Geld. Die Frauen sind stolz – und sehr dankbar.  
Eindrücke, die Kraft geben. Und zeigen, dass doch etwas möglich ist. „Es gibt während so einer Reise immer Momente, in denen man alles infrage stellt und zweifelt. Durch die vielen herzlichen Begegnungen, die zeigen, dass etwas weitergeht, wächst aber wieder die Motivation“, sagt Ursula Scheiber, bevor wir uns auf den Weg zum nächsten Projektort machen. „Die Herzlichkeit, mit der einen die Menschen überschütten, ist sehr berührend“, fügt sie hinzu.
Es sind überwältigende Bilder und Gespräche, die einem abends nicht aus dem Kopf gehen. Ganz klein kommt man sich angesichts der unglaublichen Weite des Landes und kaum fassbaren Herzlichkeit der Menschen, die so wenig haben, vor. Die Tage in der Pfarre folgen einem festen Ablauf. Zeit, sein eigenes Wertesystem zu hinterfragen. Zeit, Erlebtes ohne jede Ablenkung wirken zu lassen.

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© Katharina Zierl

Fremde Welt. Am nächsten Tag fahren wir zu einer anderen Schule. Eigentlich zu einem großen Baum, unter dem rund 200 Kinder sitzen. Vier Lehrer unterrichten. Viele Kinder sind noch ganz klein. „Sie werden von ihren Eltern hergeschickt, um  zumindest einmal pro Tag eine richtige Mahlzeit zu bekommen“, erzählt Scheiber. Das Essen befindet sich in einem riesigen Topf, besteht aus Reis und Bohnen. Die Kinder können ihre Blicke nicht von uns lösen. Für sie ist unsere Welt genauso fremd wie umgekehrt.
Auch wenn die Begegnungen mit den Menschen vor Ort meist nicht länger als ein oder zwei Stunden dauern: Wir sind erschöpft, wenn wir abends wieder die Pfarre erreichen. Während Ursula Scheiber mir die diversen Projekte zeigt, ist Matthias Danninger mit Workshops beschäftigt. Gemeinsam mit Vertretern der Pfarren werden aktuelle Projekte evaluiert und neue geplant. Vorhaben, die auch wir von der TIROLERIN gemeinsam mit unseren Lesern unterstützen wollen.
Den ganzen Tag sitzen die Projektpartner zusammen und halten ihre Gedanken auf Papier fest. Danninger, Projektreferent für Ostafrika bei Bruder und Schwester in Not, ist mit dem Verlauf des Workshops zufrieden: „Es ist wichtig, die Menschen vor Ort stark einzubinden. Sie wissen am besten, wo die Probleme liegen.“ Auch in Zukunft werde man die Projekte inhaltlich stark auf Frauen auslegen. „Wir müssen uns aber zusätzlich auch um die Männer kümmern, damit die Frauen nicht schlechtere Konsequenzen fürchten müssen, wenn nur sie gefördert werden“, sagt Danninger. Auch er betont noch einmal, wie schwierig die neue Situation für die Männer sei: „Sie waren Semi-Nomaden und müssen sich in ihrer Rolle vollkommen neu definieren. Die Regierung hat nicht mitgedacht oder es war ihr einfach egal.“ Sesshafte Menschen seien eben leichter zu kontrollieren. Man müsse neue Perspektiven schaffen.  „Natürlich könnten Männer die Äcker aufhacken. Das machen jetzt nur die Frauen. Dafür muss aber die Rolle der Frau neu überdacht werden. Das dauert“, sagt Danninger.


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© Katharina Zierl

Dream big. Father Andrew, der ebenfalls den ganzen Tag am Workshop teilgenommen hat, betont, dass die mangelnde Bildung eines der zentralen Probleme sei. „Eltern schicken ihre Kinder nicht zur Schule. Sie waren selbst nicht dort und verstehen nicht, was das bringen soll. Außerdem müssen sie ihren Kindern Wasser mitgeben. Das brauchen sie aber selbst zum Kochen.“ Dennoch habe sich einiges getan: „Vor zehn Jahren waren noch ganz wenige Kinder in der Schule, jetzt sind es deutlich mehr. Gerade die Zahl der Mädchen nimmt aber mit den Schuljahren nach und nach ab.“ Father Andrew glaubt, dass sich die Pfarre und die ganze Region positiv entwickeln werden. „Ich habe große Träume. Es wird von Generation zu Generation besser werden. Dream big“, lächelt er. Man will ihm gerne glauben. Man muss sogar, um angesichts der großen Armut nicht in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu verfallen.  

Zu Besuch. Einer, der Hoffnung macht, ist Bernhard. Er spricht sehr gut Englisch und arbeitet in der Pfarre. Er ist einer, der es schaffen kann. „Wollt ihr mein Haus sehen?“, fragt uns der junge Mann bei einem abendlichen Spaziergang freundlich. Wir freuen uns über seine Einladung und folgen ihm in den Wald. Was kommt, ist ein riesiger Zaun aus Ästen.
Mit kleinen Löchern. Sie dienen als Eingang. Im Inneren des Zauns findet sich ein unüberschaubares Labyrinth aus Holzbauten, in denen sich kleine Lehmhütten befinden. Und Körbe. In ihnen wird die Getreideernte gesammelt. „Im Moment sind sie leer“, sagt Bernhard. Er hat sieben Geschwister. Alle sitzen gemeinsam mit der Mutter um ein kleines Feuer am Boden. Alle schlafen gemeinsam in einer der kleinen Hütten. Der Vater sei nicht da, sagt Bernhard. Er wisse nicht, wo er ist. Man möchte schreien. Oder weinen. Oder einfach nur irgendwie helfen. „Auch mich macht die Lebenssituation vor allem der Frauen wütend. Die Wut richtet sich aber nicht gegen die Männer. Ich bin wütend, dass dieses Volk hier so vergessen und an den Rand gedrängt wird“, erzählt Scheiber. Realistische Hilfe sieht sie genauso wie Father Andrew in Bildung. „Wir müssen es schaffen, dass mehr Mädchen die Grundschule besuchen, lesen und schreiben lernen und dadurch Selbstbewusstsein bekommen. Dass alle Schulbildung als normal und wichtig betrachten.“  

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© Katharina Zierl

Respekt. Unsere Reise nähert sich dem Ende. Wir packen unsere Sachen. Unsere T-Shirts lassen wir in der Pfarre. Das Packen fällt schwer. Dieses schöne, arme Land loszulassen und wieder in die oberflächliche Hektik unserer Gesellschaft einzutauchen, scheint fast unmöglich. Was bleibt, sind überwältigende Eindrücke. Und viel Hoffnung. „Wir sind alles Menschen. Jeder hat Respekt verdient. Und auch, wenn es ein wenig verstaubt klingt: Es geht schon auch um Nächstenliebe. Das Herz zu öffnen und zu sagen: ‚Du bist mir die oder der Nächste‘“, sagt Ursula Scheiber. Dass sich Afrika insgesamt positiv entwickle, daran hat Matthias Danninger keine Zweifel: „Ich wünsche Afrika allerdings nicht, dass es sich so entwickelt wie wir. Bei uns ist nicht alles gut. Die Menschen in Afrika könnten ja ein paar Dinge überspringen und alles gleich richtig machen.“ „Wer weiß“, fügt Danninger nachdenklich hinzu, „vielleicht überholen sie uns irgendwann. Und machen dann Entwicklungszusammenarbeit bei uns.“

TIROLERIN hilft. Helfen Sie mit!

Wir freuen uns, wenn Sie das Projekt von Bruder und Schwester in Not in Uganda gemeinsam mit der TIROLERIN unterstützen und dazu beitragen, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern.

 

SPENDENKONTO:

RLB Tirol, IBAN: AT59 3600 0000 0066 8400

Kennwort: "Tirolerin hilft"

Infos: www.bsin.at