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People | 11.05.2018

Zwischen schön & gut

Das schwedisch-britische Design-Duo Fredrikson Stallard im Interview.

Bild Neuer Eingangsbereich und internationales AvantgardeDesign im Swarovski Kristallwelten Store Innsbruck - 1.jpg
Foto: Swarovski Kristallwelten

Patrik Fredrikson und Ian Stallard designen seit 1995 im Duett Möbel und Schmuck. Seit geraumer Zeit entsteht unter ihrem eminenten Namen – den man vor allem auch aus den renommiertesten Museen der Welt kennt – zudem nicht-funktionales Design, vor allem in Zusammenarbeit mit Swarovski: Das Konzept zur Neugestaltung des Stores in der Innsbrucker Altstadt kam aus der Ideenschmiede FS und stellte die Avantgardisten vor neue Herausforderungen.

TIROLERIN: Wie ist Ihnen der Brückenschlag zwischen der alten Architektur und Ihrer futuristischen Werke gelungen?
Ian Stallard: Es war eine große Herausforderung. Nur weil wir zeitgenössische Künstler sind, heißt das nicht, dass wir keine Wertschätzung für die Geschichte alter Gebäude haben. Einzig seine Komplexität hat die Aufgabe etwas verkompliziert, denn die meiste Zeit war der Shop sehr überlaufen. Wir wollten diese Situation umkehren, entschleunigen. Die Besucher sollen den Ort vielmehr als Museum wahrnehmen und weniger als Verkaufsladen. Dafür bieten sich beispielsweise alte Nischen perfekt an.
Patrik Fredrikson: Im Prinzip spielen wir hier ja mit der natürlichen Erwartungshaltung der Menschen. Die ikonografische Darstellung der Schmuckstücke lässt sie unterbewusst wertvoller erscheinen, weil wir darauf konditioniert sind, solche Dinge als unerreichbar wahrzunehmen. Gleich daneben steht dann aber das Preisschild: 50 Euro, 100 Euro. Es kehrt dieses Denken um. Es ist ein fabelhaftes Konzept, dass den Besuchern das Gefühl erlaubt, sich Unbezahlbares leisten zu können.

Wie wird aus solch komplexen Ideen so geradliniges Design?
Fredrikson: Wir funktionieren eher als Kreativ-Hub, wo zu allererst einmal alles möglich ist. Erst während der weiteren Aufbereitung wird Überflüssiges ausgemerzt. Am Ende geht es um Einfachheit und Klarheit – also um Design frei von Grauzonen.

Wie genau treffen Sie die Materialauswahl für ein Projekt?
Stallard: Das ist ein automatischer Prozess. Die Idee beantwortet eigentlich schon die Frage nach dem Material. Vor allem deshalb, weil Rohstoffe meist bereits das Herzstück unserer Designs sind.

 

 

 

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Foto: Swarovski Kristallwelten

Für die Skulptur im Eingangsbereich hätten viele bestimmt eher mit Materialien wie Stahl, Stein oder Bronze gerechnet. Warum also gerade Wellpappe?
Fredrikson: Aus unserer Kunst entstehen ja häufig Möbel, denen eine gewisse Zweckmäßigkeit innewohnt, die es auch gilt, bei der Materialwahl zu berücksichtigen. Es war also durchaus befreiend, sich bei diesem Projekt rein auf Formgebung, fließende Übergänge und Ästhetik konzentrieren zu können, ohne den Gesetzen der Gebräuchlichkeit folgen zu müssen. 
Stallard: Immer wieder ist auch die Rede von Hierarchien. Erfahrungsgemäß ist man sich oft nicht sicher, ob unsere Werke eher unter Kunst oder Design einzuordnen sind. Für uns existieren diese Unterschiede aber nicht; wir empfinden beide als gleichwertig. Wir sehen in unseren Skulpturen Ähnlichkeiten zu römischen Statuen, und das obwohl sie aus wegwerfbarem Material gefertigt sind, das an jeder Ecke erhältlich ist. Dieser Widerspruch macht die Gestaltung so spannend. 

Wann wissen Sie, dass ein Projekt bereit für die Öffentlichkeit ist?
Stallard: Das ist eine Sache des richtigen Instinkts. Es ist schwer, das zu konkretisieren, weil es für uns größtenteils eine gefühlsorientierte Entscheidung ist. 
Fredrikson: Vielleicht ist es viel weniger eine Frage der Bereitschaft als nach der Vorfreude. Das beste Beispiel sind die Papp-Skulpturen: Damit haben wir künstlerisch neue Wege eingeschlagen und waren dementsprechend aufgeregt, sie nach Innsbruck zu überstellen. Es geht also weniger darum, wann ein Entstehungsprozess endet, sondern darum, dass dadurch etwas Neues beginnt und wir uns darauf freuen.

 

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Foto: Swarovski Kristallwelten

Woran denken Sie als erstes, wenn Sie den Namen Swarovski hören?
Fredrikson: Qualität, Schärfe. Aber auch an Mode.
Stallard: Licht. 

Was macht Design attraktiv?
Stallard: Gutes Design löst immer etwas im Betrachter aus. Wenn Menschen auch ohne einschlägige Ausbildung im Kunstbereich zu einem Werk einen Bezug finden oder sich eingebunden fühlen, dann hat Design seinen Zweck erfüllt. Gleichzeitig wollen wir uns aber unseren künstlerischen Anspruch nicht verwehren, nur um unsere Werke der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Kunstkritiker und Kuratoren sollen die Position unserer Kunst deuten und verstehen können und sich konzeptionell darüber austauschen. Es geht auch hier um ein gesundes Gleichgewicht, das wir versuchen zu halten.

Ihre Kunst war der Zeit immer schon voraus. Wie erklären Sie Ihre artistische Evolution?
Fredrikson: Wir sind beide extrem aufmerksam. Das war immer schon so. Aber wir haben uns auch immer schon mit kunstgeschichtlichen Entwicklungen befasst und versucht, einen Bezug zu zeitgenössischen Auffassungen herzustellen. Wir achten streng darauf, dass es nichts, was unser Studio verlässt, in der selben Form schon einmal gegeben hat. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir ein Projekt mittendrin ad acta gelegt haben, weil wir Ähnlichkeiten zu einem anderen vor 20 Jahren festgestellt haben. Unser Prinzip: Wenn wir der Kunst nichts Neues bieten können, lassen wir es lieber ganz.