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People | 10.07.2018

Über die Freude am Schaffen

Für Jürgen Flimm ist der Beruf des Regisseurs nicht nur eine Aufgabe, sondern seine große Leidenschaft. Im Sommer zeigt der 76-Jährige sein Können im Rahmen der Festwochen der Alten Musik in Innsbruck.

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Foto: Birgit Pichler

Jürgen Flimm ist Experte auf seinem Gebiet und kann auf eine Erfahrung zurückblicken wie kaum ein anderer: 40 Jahre lang war er als Theaterleiter tätig, 50 Jahre lang als Regisseur. Auf Einladung von Alessandro de Marchi inszeniert er in diesem Sommer im Rahmen der Festwochen der Alten Musik Mercadantes „Didone abbandonata“, die 1823 in Turin uraufgeführt wurde. Warum der Starregisseur sich als Kind wünschte, dass die Schauspieler krank würden, und weshalb er sich Kritiken nicht zu Herzen nimmt, erzählt uns Flimm im Interview.


TIROLERIN: Sie geben zu, die Musik Mercadantes’, die hier wiederbelebt wird, vorher nicht genau gekannt zu haben. Wie fühlt es sich an, das Stück zum ersten Mal zu inszenieren?
Ich mache Stücke meistens nur einmal. Für alles andere ist das Leben zu kurz. Zu sagen, es gibt drei Stücke, die ich immer und immer wieder mache –  das ist nicht so lustig.


Wie gehen Sie mit dem damit verbundenen Druck um?
Ich übe meinen Beruf so gerne aus, dass ich mich einfach freue, wenn ich arbeiten darf. Alles fängt mit einer leeren Probebühne an, auf der ratlose Menschen stehen –  ratlose Sänger, Schauspieler und ein ratloser Regisseur. Dann steigen wir in das berühmte Boot und fahren hinaus, ohne zu wissen, wo wir ankommen. Das Einzige, was wir wissen: Es kann eine lustige Reise werden

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Foto: Birgit Pichler

Ist diese Freude am Schaffen auch der Grund dafür, dass Sie nie die Leidenschaft verloren haben?
Ich habe die gute Angewohnheit, neugierig zu sein, und zwar auch auf Menschen. Und wenn Sie ein Stück inszenieren, arbeiten Sie mit vielen Leuten – diese kennenzulernen, ihren Charakter, ihre Fantasie, ist ein sehr schöner Vorgang.


Wie schafft man es, die Faszination Oper aufrechtzuerhalten?
Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Museum und sehen ein Bild, zum Beispiel die Frau mit dem Perlohrring von Jan Vermeer. Auch wenn es schon vor langer Zeit entstanden ist, entwickeln Sie Gefühle, das Gemälde berührt Sie. Genau so ist das mit der Musik. Es gibt immer Momente, die einen heute noch berühren. Man muss sie nur finden.


Wie gehen Sie es an, genau diese Punkte für das Publikum herauszuarbeiten?
Ich habe nur eine Chance. Es sind ja oft viele Hundert Menschen in dem Stück, und jeder hat eine andere Meinung, eine andere Sicht – wie soll ich diese im Vorfeld herausfinden? Das kann ich nicht. Deshalb muss ich sagen: Ich habe eine Idee und finde Folgendes sehr interessant. Und wenn ich Glück habe, sind die Leute am Ende meiner Meinung.

 

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Foto: Birgit Pichler

Wie gehen Sie mit negativen Stimmen um?
Das ist vollkommen legitim. Ich bin kein Kritiker und Kritiker sind keine Regisseure. Wenn jemand Dinge anders sieht, kann er das. Das nehme ich nicht persönlich, denn ich arbeite an dem Stück sechs Wochen, bereite es ein halbes Jahr vor, und er sieht es am Abend drei Stunden lang. Ich entgegne auch nie etwas, Kritisieren ist deren Job. Nur wenn man beleidigend wird, kann ich sehr unangenehm werden.


Sie waren als Kind viel im Theater.
Mein Vater war Chirurg und hat als Theaterarzt gearbeitet. Wenn ein Schauspieler sich verletzte oder ihm schlecht wurde, kam mein Vater ins Spiel. Ich habe mir immer gewünscht, dass es den Schauspielern schlecht geht, damit ich hinter die Bühne konnte. Das fand ich wahnsinnig interessant.


 Was darf der Besucher bei den Festwochen erwarten?
Das weiß ich noch nicht. Deshalb gibt es die Probe mit den Sängern. Küsst er sie an der Stelle? Wie können wir zeigen, dass sie sich doch lieben? Machen wir hier noch eine Pause? Diese Dinge müssen wir erst überlegen. Aber eines kann ich versprechen: Es wird sich auf jeden Fall lohnen, sonst würden wir es ja nicht machen.