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Lifestyle | 22.02.2018

Winter Wonderland

Im Reich von Väterchen Frost weht ein eisiger Wind um die Nasenspitzen derjenigen, die sich dem rauen Klima, den Minusgraden, der Einsamkeit, aber auch der landschaftlichen Schönheit und Unberührtheit von Svalbard – wie die Einheimischen Spitzbergen nennen – stellen. Die wörtlich übersetzt „kühle Küste“ ist eine norwegische Inselgruppe im hohen Norden Europas mit dem besonderen Charme für Winterliebhaber.

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Foto: Werner Thiele

Spitzbergen umfasst über 400 teilweise winzige Inseln und liegt am Südende des Nordpolarmeeres auf dem etwa 80. Breitengrad – quasi die Eintrittspforte in die Arktis. Hier herrschen nicht nur raue klimatische Bedingungen, sondern auch raue Sitten: Wer das Gebiet um Longyearbyen – die Hauptstadt der Inselgruppe –  verlässt, muss sich per Gesetz zum eigenen Schutz bewaffnen oder einen bewaffneten Guide mitnehmen, denn hier sind wir im Revier der Eisbären. Aber ob Sie hier zu Fuß weg wollen, sei ohnehin infrage gestellt, denn das Straßen-„Netz“ umfasst gerade mal 46 Kilometer und führt eigentlich nirgendwo hin. Dafür verfügt Longyearbyen als nördlichste Stadt der Welt über einen Flughafen mit regelmäßigen Linienflügen. Aber weg will hier eigentlich keiner, im Gegenteil, immer mehr Touristen wollen hierher. Dies führte auch dazu, dass der einstige Bergbauort heute auf den Tourismus setzt. 1906 gründete der amerikanische Unternehmer John Munroe Longyear die nach ihm benannte Siedlung, um Kohle abzubauen. Die Tage des Kohlebaus sind also so gut wie vorbei, aber eine schöne Sitte aus jener Zeit ist erhalten geblieben: Wer ein öffentliches Gebäude wie ein Hotel oder ein Museum betritt, muss am Eingang seine Schuhe ausziehen und bekommt Hausschuhe angeboten – auch wenn heute der früher allgegenwärtige schwarze Kohlestaub nicht mehr der Grund dafür ist.

Tiefgefroren. Was Sie in Longyearbyen garantiert nicht zu Gesicht bekommen werden, ist ein eindrucksvolles norwegisches Projekt, das sich 120 Meter innerhalb der Sandsteinberge Spitzbergens verbirgt – lediglich der Eingang der eindrucksvollen Konstruktion ragt aus dem Berg heraus. Es handelt sich um die „Svalbard Global Seed Vault“, eine Samenbank der besonderen Art. Hier werden nicht – wie der Name fälschlicherweise vermuten ließe – menschliche Spermien gehortet, sondern inzwischen mehr als 20 Millionen Samen der verschiedensten weltweit vorkommenden Pflanzenarten. Im Falle einer globalen Krise stellt das bei minus 18 Grad Celsius aufbewahrte Saatgut ein Backup für die Menschheit dar. Erst im Februar 2017 wurden in der als „Doomsday Vault“ (übersetzt so viel wie „die Gruft des Weltuntergangs“) bekannten Einrichtung weitere 50.000 Samen für Nutzpflanzen eingelagert.

 

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Foto: Werner Thiele

Diese neueste Lieferung umfasst unter anderem Saatgut aus Pakistan, Indien, Mexiko, Weißrussland, den Niederlanden und den USA.

Klimawandel. Longyearbyen hat sich in den vergangenen Jahren auch als Zentrum für Klimaforschung entwickelt, und seit 1993 gibt es hier die nördlichste Universität der Welt, an der Meeresbiologen, Glaziologen und weitere Forscher verschiedener Fachrichtungen den Klimawandel kritisch verfolgen und analysieren. Dass der Klimawandel unaufhaltsam stattfindet, beweist der Fjord vor Longyearbyen leider eindrucksvoll: Seit Jahren friert der Fjord nicht mehr zu, und es ist zu befürchten, dass der gesamte arktische Raum in naher Zukunft eisfrei sein könnte. Für die touristische Erkundung von Svalbard nutzt man trotzdem am besten die packeisfreien Sommermonate vom Schiff aus lässt sich die eindrucksvolle Geografie der entlegenen Inselgruppe besonders gut genießen.

An Bord. Die vielen Fjorde der Inselgruppe lassen sich am besten per Schiffskreuzfahrt erkunden. Vom sicheren Deck aus (und in Reichweite der Kaffeemaschine und eines heißen Tees) lassen sich nicht nur die Eisbären, sondern auch die Naturschönheiten der Inselgruppe wie Fjorde, Gletscherzungen und die Gebirgslandschaften ideal beobachten, genießen und fotografieren. In den Sommermonaten finden sich hier auch zahlreiche Walrossbullen; die Weibchen ziehen währenddessen im Inlandeis nördlicherer Gefilde ihre Jungen groß. Wer sich feurige Revierkämpfe unter den Bullen erwartet, den muss ich enttäuschen. Die knappen Plusgrade werden von den Walrossen mit ihren dicken Fettschichten als wahre Hitzewelle empfunden – da räkelt man sich lieber friedlich im kühlen Nass. Zeit bleibt dafür auf alle Fälle genug, denn bis die arktische Sonne untergeht und sich  die Abenddämmerung über die Lande und das Meer senkt, werden wohl noch ein paar Wochen vergehen, ehe das Land wieder in den arktischen Winterschlaf versinkt.

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Foto: Werner Thiele