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Lifestyle | 05.06.2018

Weil 30 das neue 15 ist

Barbara steckt mit 30 immer noch in einer pupertären Hochphase.

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(Shutterstock)

Wenn 40 das neue 20 ist, dann ist 30 mindestens das neue 15.“ Meine Schwester, wohlgemerkt die über Vierzigjährige, und ihre guten Geburtstagsglückwünsche. War es letztes Jahr noch schlicht ein leeres Päckchen, weil es für mich „alte Schachtel“ nun an der Zeit sei, mein Leben endlich mit Substanziellem zu füllen, so nun dieses Jahr, zum Dreißiger, keine „Wortwatsch’n“, sondern ein Glückwunsch, der neben gut gemeintem, schwesterlichem Augenrollen, mich auch zum Nachdenken brachte.

So darf ich als Neo-Dreißigjährige behaupten, dass vor 30 Jahren, einige mutige Ideen umgesetzt wurden: Die einen gründeten ein Magazin, andere zeugten eine Tochter und zwischendrin soll es wohl noch andere Wunder gegeben haben. Wunder, die 30 Jahre später immer noch so wunderbar sind.

Meistens wunderbar, denn es läuft mit unseren 30 Jahren nicht immer alles glatt. Im wahrsten Sinne des Wortes: Wir setzen Falten an. Unser Körper baut ab, während der Kopf noch mitten in der Pubertät steckt. Schon wieder.

Denn wenn heute 30 wirklich das neue 15 ist, dann versteh’ ich, wieso ich mich immer noch unrund fühle. Oder schon wieder. Und gerade erst diese neue Sprache erlernen musste, die das sprachliche Konstrukt „30 Jahre“ in Kombination mit meinem Namen in einem Satz zusammenbringt. Dann kann ich auch verstehen, wieso ich mich manchmal danach fühle, die Erste im Bus sein zu müssen, die die Klingel bedient, oder immer wieder mal jene sein zu wollen, die sich an der Schlange vor der Kassa auf den Boden wirft und „Ich will ein Eiiiiiis“ brüllt. Wenn 30 das neue 15 ist, dann verstehe ich auch, warum ich der alten Arbeitskollegin trotzig nicht zum Geburtstag gratuliere – weil sie mir schließlich auch nicht gratuliert hat. Dann versteh’ ich, wieso ich mich zwinge, ihm mindestens genauso lange nicht auf seine Nachricht zu antworten, wie er das letzte Mal brauchte, um auf meine zu antworten. Und ich verstehe, wieso mir das eine Lied von vor sechs Jahren heute noch die Tränen in die Augen treibt und ich es trotzdem zehn Tage hintereinander 34 Mal in Dauerschleife hören muss. Wenn 30 das neue 15 ist, verstehe ich auch, wieso ich mich tagtäglich innerlich darüber amüsiere, dass mich in dieser Welt jemand wirklich ernst nimmt. Wieso ich jedes „Sie“ empört weglache. Ja, dann verstehe ich auch, wieso ich mich nach dem Training mit einem Eis belohne.

Wenn 30 wirklich das neue 15 ist, dann verstehe ich auch, warum ich gerade wieder eine Nabelschnur gekappt habe, um noch einmal zum ersten Mal alleine auf den Beinen zu stehen. Dann verstehe ich auch, wieso ich Lust habe, Träume zu realisieren, ohne Angst zu haben, neue Träume zu träumen. Dann verstehe ich, wieso ich nicht mehr zu allem Ja sagen will, weil ich weiß, dass sich ein Nein teilweise besser anfühlt. Wenn 30 das neue 15 ist, verstehe ich, wieso ich es immer wieder riskiere, mich vor anderen seelisch zu entblößen und dabei einfach hoffe, dass ich nackt nicht ausgelacht werde.

Und wenn 30 wirklich das neue 15 ist, dann erwartet uns noch einiges. Etwas richtig Großes. Töchter oder Magazine sollten jetzt noch mal durchstarten. Alte Schachteln sind wir mit unseren 30 Jahren deswegen noch lange nicht. Eher noch nicht ganz gut gefüllte, die noch Platz für allerlei Substanzielles haben. Und neue Wunder. Viele Falten. Und viel Eis.