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Lifestyle | 02.02.2018

Schmerzzentrum Rücken

Rückenschmerzen zählen heute zu den am weitesten verbreiteten Gesundheitsbeschwerden. Wir haben Univ.-Prof. Dr. Erich Mur und Univ.-Doz. Dr. Johann Gruber der Universitätsklinik Innsbruck getroffen, um dem Problem auf den Grund zu gehen.

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(© Shutterstock)

Früher ein lästiges Leiden, heute eine Volkskrankheit.Immer mehr Menschen haben mit langfristigen und chronischen Rückenproblemen zu kämpfen. Was viele nicht wissen: Wer wiederkehrendes Stechen zwischen Nacken und Steißbein zu lange ignoriert, läuft Gefahr, ernstzunehmende Schäden davonzutragen. Wir haben Univ.-Prof. Dr. Erich Mur und Univ.-Doz. Dr. Johann Gruber zum Gespräch getroffen, um mehr über die Problemzone Rücken zu erfahren. Das Fazit ist durchaus überraschend!

Problemherd Rücken. Jeder Griff brennt, jede Drehung zieht: Schmerzen im Bereich des Rückens gehören zu den wohl leidigsten aller Beschwerden und werden oft zur wahren Belastungsprobe für die Betroffenen. Trotz umfangreicher Vorsorge- und Therapiemöglichkeiten mehren sich die Zahlen der Patienten. Alleine in Deutschland leiden rund 70 Prozent der Bevölkerung an Kreuzproblemen, wie eine Umfrage der Aktion Gesunder Rücken (AGR) aus dem Jahr 2017 verrät. Zwei Drittel der Betroffenen gaben zudem an, sich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt zu fühlen. Die Ursache des Problems? In vielen Fällen unser Alltag. Besonders Büroangestellte sind stark gefährdet, Kreuzprobleme zu entwickeln. „Am Schreibtisch steht der Rücken unter Dauerstress,“ weiß Dr. Erich Mur. „Wir sitzen falsch, verwenden schlecht eingestellte Bürostühle und gönnen uns selbst kaum mehr die nötigen Bewegungspausen.“ Tatsächlich ist die Zahl „regungsarmer“ Berufe steigend. Der Schwerpunkt der modernen Arbeitswelt konzentriert sich mittlerweile auf Anstellungen mit wenig körperlicher Anstrengung. Langes Ausharren in gleichbleibenden Sitz- oder Stehpositionen begünstigen diverse Erkrankungen der Kreuzpartie: Wer über Stunden eine falsche Haltung einnimmt, ist automatisch anfälliger für banale Rückenschmerzen.

Eine Frage des Ausgleichs. Für Betroffene ist es deswegen besonders wichtig, früh genug gegenzulenken. Gerade im ersten Stadium von Kreuzleiden können mit wenig Aufwand  große Erfolge erzielt werden. Beim Durchschnittsmenschen gehen Rückenschmerzen anders als allgemein vermutet meistens von den Muskeln aus. Diese sind durch Fehlbelastung verspannt und brauchen einen Ausgleich. „Durch eine optimale Haltung, die richtige Positionierung des Bildschirms und eine angemessene Tischhöhe können wir Rückenproblemen entgegenwirken,“ verrät Dr. Erich Mur. Außerdem ist es ratsam, längere Sitzphasen bewusst zu unterbrechen, wie der Experte weiß. „Wer sich zudem regelmäßig bewegt, muss keine Angst vor Kreuzproblemen haben. Runde Sportarten wie Langlaufen, Klettern, Bogenschießen, Thai-Chi oder Rückenschwimmen eignen sich perfekt zur Entlastung der Muskulatur.“ Möglichkeiten, Kreuzbeschwerden zu vermeiden, gibt es zur Genüge. „Alleine eine Station früher aus der Straßenbahn auszusteigen und den Rest des Arbeitsweges zu Fuß zu gehen kann Wunder wirken.“ 

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Vielfältige Ursachen. Leider sind Rückenschmerzen nicht gleich Rückenschmerzen. Der Problemherd verschiedener Beschwerden kann weitaus komplexer sein. Die Ursachen beginnen bei der Bandscheibe, den Wirbeln oder den Gelenken und können sich bis hin zu Osteoporose und Skoliose erstrecken.
In seltenen Fällen können auch Tumoren und Erkrankungen der inneren Organe zu Schmerzen im Kreuzbereich führen. Als gängiger gelten hingegen entzündliche Rückenschmerzen wie der Morbus Bechterew, der häufigsten entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule. Hilfe kann hier nur durch die richtige Diagnose und spezifische Behandlungen gewährleistet werden. „Es ist wichtig, dass Patienten früh genug ärztlichen Rat in Anspruch nehmen. Früher standen in der Regel Jahre zwischen dem ersten Auftreten von Beschwerden und der letztendlichen Behandlung,“ erzählt der Rheumatologe Dr. Johann Gruber. Die Hauptgruppe der Betroffenen von Morbus Bechterew sind junge Menschen, die den Gang zum Mediziner aus Unwissenheit über die Erkrankung und ihre schwerwiegenden Folgen tendenziell meiden.

Aufklärung als Basis. Dem Experten ist es deswegen besonders wichtig, das öffentliche Bewusstsein für das rheumatische Gebrechen zu steigern. „Anzeichen für Morbus Bechterew sind Beschwerden vor dem 40. Lebensjahr, ein langsamer Verlauf der Symptome, nächtliche Schmerzen, Linderung durch Bewegung sowie Beschwerden im Ruhezustand. Sind drei oder vier dieser Kriterien erfüllt, sollten Patienten sofort einen Arzt aufsuchen, da sonst Formveränderungen des Rückens und ein vorgebeugter, fixierter Wirbelsäulenverlauf auftreten können.“ Um auf die Erkrankung und ihre ernstzunehmenden Folgen aufmerksam zu machen, initiierte Dr. Gruber im Vorjahr gemeinsam mit einem Team aus Ärzten und Physiotherapeuten eine Awareness-Kampagne vor dem Klinikgebäude, in der Passanten über Morbus Bechterew aufgeklärt wurden. „Entzündliche Rückenschmerzen dürfen auf keinen Fall unterschätzt werden,“ mahnt der Facharzt.


Sichere Maßnahmen. Der Experte kann jedoch auch einen positiven Ausblick auf die Diagnose Bechterew geben: „Wenn die Erkrankung früh genug erkannt wird, stehen die Behandlungschancen dank moderner Medizin gut. Eine Kombination aus medikamentösen und physikalischen Gegenmaßnahmen versprechen eine sichere Linderung der Beschwerden.“ Als Fazit lässt sich deswegen festhalten: Rückenschmerzen lassen sich oftmals mit ein paar einfachen Gegenmaßnahmen beheben. Wer lange und regelmäßig von Problemen im Kreuzbereich geplagt wird, sollte den Gang zum Mediziner allerdings auf keinen Fall scheuen, da nur so langfristige Folgeschäden vermieden werden können.

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Univ.-Prof. Dr. Erich Mur und Univ.-Doz. Dr. Johann Gruber