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Lifestyle | 23.06.2017

Immer wieder Jesolo

Für Barbara schmeckt der Sommer immer gleich. Egal wo, Hauptsache Jesolo.

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© Shutterstock

Als ich kürzlich weibisch in meiner Handtasche nach etwas Sinnvollem kramte, fiel es mir in die Hände: Ein kleines Ticket, ich löhnte dafür einst drei Euro, das mich in einem Zug in Wichtelgröße in Jesolo von der Piazza Drago zur Piazza Manzoni kutschierte. Beim Hervorkramen ereilte mich ein Gefühl von Sommer, das in folgender Ode endete:

 

Jesolo ist akkurates Liegen in 15 Reihen, auf durchgelegenen Plastikliegen der Marke Siebzigerjahre, deren Rückenlehne entweder klemmt und/oder keinen hoch bekommt. Jesolo ist Teppichboden in Zimmern der Marke Siebzigerjahre und Fernsehen auf zwei deutschen Sendern. Jesolo ist Liegenreservieren und sich über Liegenreservierer aufregen. Jesolo ist feinster Sand gespickt mit Zigarettenstummeln. Jesolo ist Smalltalk mit zu lustigen Deutschen, mit zu unverständlich sprechenden Niederländern, mit zu lauten Italienern. Jesolo ist drei Fußkettchen von drei verschiedenen Strandverkäufern kaufen. Jesolo ist neue Schuhe und neue Tasche als Mitbringsel von weiter Ferne. Jesolo ist Drachensteigen für Erwachsene und Tretbootfahren für 30 Euro die halbe Stunde. Jesolo ist Pasta von früh morgens (nicht vor 11 Uhr) bis spät abends (nicht vor 23 Uhr). Jesolo ist drei Mal Eis am Tag und folglich in Kombination mit Pasta mindestens fünf Kilogramm Bikinifigur mehr. Jesolo ist ein Tag Venedig mit dem Schiff von Punta Sabbioni zum Markusplatz und mit Rucksack über Bord. Jesolo ist Spazieren durch heiße Abende, die immergleiche Straße entlang, beklingelt von Familien in Sechssitzer-Fahrrädern und mit Blasen an den Füßen von neuen Schuhen von weiter Ferne. Jesolo ist Geräuschkulisse von unzähligen Kindern, die, vom Geschrei des Tages müde erschöpft eingeschlafen, im Kinderwagen herumkutschiert werden. Jesolo ist Hüpfburg und Kinderzug mit Wichtelgeschwindigkeit. Jesolo riecht überall nach Sommer.


Jesolo riecht für mich aber auch nach Kindheit, die bis heute dauert. Und in die ich immer wieder eintauchen möchte. Für eine kurze Zeit im Jahr. Denn für eine kurze Zeit liebe ich das akkurate Liegen, die zuvor reservierten Liegen, die in die Jahre gekommen, kaum formangepasster sein könnten. Klemmt die Liege, wird die des Nachbarn geklaut, dem somit der Einstieg in den Smalltalk mit lustigen Deutschen, zu unverständlich sprechenden Niederländern und zu lauten Italienern erleichtert wird. Ich liebe das OFF vom deutschen Fernsehen und das Herumspringen vom Bad ins Zimmer, um den Teppichboden möglichst nicht zu berühren. Ich liebe Mitbringsel aus weiter Ferne, die in weit entfernter Heimat bis weit in den Herbst Spuren von Sand und Sonnencreme in sich tragen. Ich liebe es, Drachen im Wind zu beobachten, und den ausgewachsenen Streit um die richtige Flughöhe, der zwischen Vater und Sohn entflammt. Ich liebe Pasta in allen hundert Varianten, wofür sogar die Bikinifigur Verständnis zeigt. Ich liebe Venedig und den Thomas Mannschen Charme von Tod, Dekadenz und Verwesung, das es bis heute ausströmt. Ich liebe die ewig gerade verlaufende Straße und das Slalomlaufen zwischen Sechssitzer-Fahrrädern. Ich liebe es, wenn die Kinder im Wagen einschlafen und die Stadt es noch lange nicht macht. Ich liebe es, im Kinderzug von der Piazza Drago zur Piazza Manzoni kutschiert zu werden.


Jesolo ist nichts Neues, sondern das perfektionierte Ewiggleiche. Ich glaube, Jesolo kann auch in Thailand sein oder sonst irgendwo auf diesem Erdball. Denn Jesolo ist das, was bleibt, wenn ich ein Ticket hervorkrame und mich der Geruch nach Sommer träumen lässt.

 

 

Wo liegt Ihr Jesolo? Antworten bitte an:
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