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Lifestyle | 21.03.2018

Frühlingserwachen? Fehlanzeige!

Die altbekannte Frühjahrsmüdigkeit betrifft jährlich Tausende von Menschen. Zumindest glauben wir das. Wir haben uns mit zwei Experten getroffen, um mehr über das unangenehme Gefühl, das so viele pünktlich zum Frühlingsbeginn übermannt, herauszufinden.

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(© Shutterstock)

Müde, schlapp, ausgelaugt – gerade zum Anbruch der warmen Jahreszeit fühlen sich viele antriebslos und gerädert. Die im Volksmund gängige Diagnose: Frühjahrsmüdigkeit. Laut Schätzung einiger Studien ist fast die Hälfte der Bevölkerung im deutschsprachigen Raum von den lästigen Symptomen pünktlich zum Jahreszeitenwechsel betroffen. Was es tatsächlich mit dem Phänomen Frühjahrsmüdigkeit auf sich hat? Wir haben den Sportmediziner Dr. Rudolf Ischia und die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung, Univ.-Prof. Dr. Birgit Högl, zum Gespräch gebeten, um der Sachen auf den Grund zu gehen.

TIROLERIN: Gibt es die Frühjahrsmüdigkeit überhaupt oder handelt es sich dabei um einen reinen Mythos?
Dr. Rudolf Ischia: Naja, das ist so eine Sache. Die Frühjahrsmüdigkeit ist nicht als anerkannte Diagnose gelistet und wird in der gängigen internationalen ICD-10-Klassifikation (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) nicht eigens aufgeführt. In Wahrheit klagen aber im Frühling sehr viele Menschen über Müdigkeit, Schwäche, Schwindel oder Kreislaufprobleme, weswegen die Frühjahrsmüdigkeit zwar nicht als Erkrankung, aber sehr wohl als funktionelle Störung durch den Jahreszeitenwechsel anzusehen ist. Also ja, es gibt sie.


Wodurch sind die typischen Symptome dann bedingt?
Dr. Rudolf Ischia: Es gibt keine eindeutig gesicherten Ursachen für die Frühjahrsmüdigkeit, aber einige Erklärungsansätze. Durch das Längerwerden der Tage erfolgt eine hormonelle Umstellung des Körpers: Der Botenstoff Serotonin wird vermehrt ausgeschüttet. Melatonin, welches in den langen Nächten vermehrt gebildet wird, wird hingegen wieder reduziert. Die Umstellung kann zu einer körperlichen Belastung und als Resultat dessen zu Müdigkeitsgefühlen führen. Zudem kann es im Frühjahr durch die Temperaturschwankungen und einer darauffolgenden Erweiterung der Blutgefäße  zu  Kreislaufbelastungen kommen. Unser vegetatives Nervensystem wird vermehrt belastet, was die Beschwerden teilweise erklären könnte. Unglaublich, aber wahr: Auch die Zeitumstellung kann zu einer Begünstigung der Symptome führen. Tatsächlich ist die Rate von Arbeits- und Autounfällen, nachdem wir an der Uhr drehen, höher und auch Herzinfarkte treten häufiger auf.


Es heißt, jeder Zweite leide unter Frühjahrsmüdigkeit. Würden Sie dieser Annahme zustimmen?
Dr. Rudolf Ischia: Man bekommt des Öfteren zu Ohren, dass die klassischen Symptome rund die Hälfte der Bevölkerung betreffen. Nachdem die Frühjahrsmüdigkeit keine klassifizierte Erkrankung, sondern eine funktionelle Störung mit zahlreichen anderen Möglichkeiten für Müdigkeit ist, ist eine Zahlenangabe hier allerdings äußerst schwierig.

 

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Welche weiteren Faktoren könnten Müdigkeit beispielsweise begünstigen?
Dr. Birgit Högl: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die Müdigkeit begünstigen und hervorrufen können. Großteils stehen diese in enger Verbindung zu unserer Lebensweise und unserem Tagesrhythmus. Uns liegen zum Beispiel aktuelle Studien vor, die eindeutig beweisen, dass knapp die Hälfte der Österreicher zu wenig schläft. Die Forschung ist mittlerweile zur Erkenntnis gekommen, dass Männer pro Nacht unbedingt zwischen sieben und acht Stunden schlafen sollten. Frauen sogar noch eine Stunde länger.  Nur wenige schaffen es, diesen empfohlenen Wert regelmäßig einzuhalten. Müdigkeit muss allerdings nicht zwingend aus Schlafmangel resultieren. Auch die Schlafqualität ist ein wichtiger Faktor. Schnarchen oder andere Atemprobleme können dabei zu einer nachhaltigen Belastung werden und den körpereigenen Erholungsprozess während der Nacht beeinträchtigen.


Was würden Sie Menschen raten, die langfristig mit Müdigkeit zu kämpfen haben?
Dr. Birgit Högl: Bei andauernder Schlappheit sollte auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden, da die Beschwerden durchaus aus gesundheitlichen Gründen entstehen können. Mittlerweile ist die Schlafmedizin sehr weit fortgeschritten, sodass in den meisten Fällen eine schnelle, sichere Diagnose gestellt und bestmögliche Hilfestellung geleistet werden kann. Gerade hinsichtlich der Sache Frühjahrsmüdigkeit tendieren viele dazu, Symptome zu verallgemeinern und Beschwerden einzig und allein dem Jahreszeitenwechsel zuzuschieben.


Dr. Rudolf Ischia: Aus diesem Grund sollten andere Krankheiten wie Depressionen, Eisenmangel oder Probleme der Schilddrüse unbedingt vom Experten ausgeschlossen werden, wenn die Schlappheit im Frühling länger als vier bis acht Wochen andauert.


Gibt es generelle Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit beziehungsweise Müdigkeit im Alltag?
Dr. Birgit Högl: Wer nach dem Winter nicht richtig in die Gänge kommt und mit Tagesschläfrigkeit zu kämpfen hat, sollte sich möglichst früh dem Tageslicht exponieren. Bleiben Rollos und Vorhänge bis zum Verlassen des Hauses geschlossen, verzichten wir länger als natürlich vorgesehen auf Tageslicht. Das wiederum ist schlecht für unsere innere Uhr – unser Körper bemerkt nicht, dass bereits Tag ist. Deswegen gilt: Nach dem Aufstehen Vorhänge und Fenster auf! Frische Luft und Sonneneinstrahlung können gegen Müdigkeit Wunder wirken.


Dr. Rudolf Ischia: Man sollte sich deswegen auch möglichst viel im Freien aufhalten und Sonne tanken. So wird das Verhältnis zwischen Serotonin- und Melatoninausschüttung im Körper optimiert. Was außerdem natürlich nie schadet, ist ausreichende Bewegung. Vor allem Ausdauersport unterstützt das Kreislaufsystem mit dem Resultat, dass wir uns fitter und vitaler fühlen. Aber auch Spazieren hilft. Für alle Menschen, die nach „schnellen Muntermachern“ suchen, eignen sich Wechselduschen, Sauna- und Kneippgänge perfekt, um auf Trab zu kommen

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