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Lifestyle | 15.05.2018

Einmal digital entgiften, Bitte!

Barbaras Zeit vergeht auch, wenn sie sie verschwendet.

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(© Shutterstock)

Moment, ich möchte diesen Text fertig schreiben! Sorry, Handy klingelt. Moment, muss in den dritten Gang schalten! Sorry, Whatsapp ruft. Moment, ich wollte noch zuhören, was er sagt. Sorry, Facebook braucht mich. So tröpfeln die Tage vor mich hin. Und es muss kein verregneter Sonntag sein, um derart zu tröpfeln, es kann der sonnigste Montag sein. Trotzdem gibt es so viel interessante Ablenkung über den Tag verteilt, dass mir das Prioritätensetzen oft richtig schwerfällt. Immer wieder greifen meine Hände in einer fast automatischen Handlung hin zu ihm (oder ihr) – weil sie sich meldet, winselt, sich nach mir sehnt. Kein Hund, sondern das Handy. Das ich aber mindestens gleich liebhabe wie meinen imaginären Hund (sie nannten ihn „Cookie“) und dessen Abwesenheit sich verdammt nach Amputation anfühlt. Und es ist nicht nur das Smartphone, Internet generell, Apps überhaupt, Podcasts sowieso. Sie vergiften mein Gehirn mit Unsinn en masse.

China kennt das Problem auch: Junge Menschen, die verzweifelt versuchen zu fokussieren. Dabei ist es so schwer, etwas scharfzustellen, wenn alles gleich wichtig ist auf dem Bild. Chinas Antwort darauf: Digital-Detox-Camps. Ein Zeltlager für 24 Millionen Internetfreaks. So viele Abhängige soll es in China geben. Dort wird gemeinsam gebastelt, musiziert, marschiert. Ohne WLAN versteht sich. Digital Detox auf Wienerisch geht anders: „Machts endlich des scheiß Handy weg!“, schimpfte der Bandleader von Wanda erst kürzlich auf einem Konzert in Innsbruck. Sonst spiele er nicht weiter. Einfach und konsequent. Und eine Beschimpfung, die die Frage aufwarf: Wo kommt dieses Verlangen her, sich an jeden Moment des Lebens erinnern zu wollen? Und eine Erkenntnis, die bestätigte: Ich bin eigentlich froh, viele Sachen vergessen zu dürfen.

Aber das Problem bleibt bestehen: Wie entgiften, wenn es keinen Smoothie dafür gibt? Trotzdem habe ich es geschafft, meinen eigenen Weg zum Entgiften zu finden. Ich versuche, das Scheitern zur Kunstform zu erheben. Ich versuche, wenigstens nicht alleine zu scheitern, sondern andere mitzureißen. Mal analog verschwenden. Plaudern über den hohlen Kardashian-Tweet, lästern über die eine bei Facebook, sinnieren über die Wichtigkeit eines Farbkonzepts bei Instagram. Wenn ich alleine bin, habe ich angefangen, Langeweile zu schätzen, genauso wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Um dann wieder Aufmerksamkeit in Sinnvolles zu investieren. Wenigstens kurz. Vorher aber entscheiden, nicht zu entscheiden. Um dann zu entscheiden, dass das Verschwenden für unsere Gesellschaft dazugehört. Zumindest solange ich nicht süchtig nach dem Scheitern werde.

Aber noch gehts: Denn beste Inspiration bietet immer noch die Deadline. Der Text schreibt sich fertig, zwei Minuten, bevor er abgegeben werden muss; der dritte Gang geht rein, wenn die Temperaturanzeige meines Autos anzeigt, dass er besser schon gestern reingemusst hätte. Das Zuhören funktioniert, wenn der wenig Schlaue wenigstens hübsch ist und meine Aufmerksamkeit unbedingt braucht. Denn „gebraucht“ werde ich vom Smartphone eigentlich eh kaum. Und außerdem: Eine Entscheidung für Ablenkung ist auch eine Entscheidung gegen eine weltbewegende Tat, die ich in diesem Augenblick realisieren könnte. Zeit vergeht auch, wenn man sie verschwendet. Im Klartext: Netto Schreibzeit für diesen Text: vier Stunden. Denkzeit: 20 Minuten. Geschriebene Whatsapp-Nachrichten: 15, Facebook-Checken: dreimal je zwei Minuten. Liebe Leser, vier Stunden meines Lebens, an denen ich nicht den Roman meines Lebens geschrieben habe. Nicht das Lied meines Lebens komponiert habe. Nichts Weltbewegendes getan habe. Hätte ich gekonnt. Habs für euch nicht getan. Dafür könnt ihr mir eigentlich schon wieder danken.