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Lifestyle | 27.10.2017

Das Juwel im Mittelmeer

Sardinien zählt im Sommer zu den meist angeflogenen Urlaubsdestinationen ab Innsbruck. Wer sich für das Juwel im Mittelmeer über seine Traumstrände hinaus interessiert, wird staunen: Schaurige Geschichten und allerlei Einmaliges hält die Kultur der Sarden bereit.

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(© Martin Duschek)

Der Femina Agabbadora begegnete ein Sarde zwei Mal im Leben. Zuerst bei der Geburt, denn als Dorfhebamme leistete die angesehene Dame fachkundige Hilfe. Die zweite Begegnung stand am anderen Ende des Lebens: Erkrankte ein Familienmitglied schwer, riefen die Angehörigen neuerlich nach der Femina Agabbadora. Diese stellte eine Frist, zumeist drei Tage. Schaffte es der Kranke nicht, sich von seinem Lager zu erheben, wurde aus der Geburts- die Sterbehelferin: Mit einem aus einer Astgabel gefertigten Holzhammer, dem Malteddu, beförderte die Femina Agabbadora den zur Belastung Gewordenen ins Jenseits. Sardisches Mittelalter? In keinem Fall. Diese Art der Sterbehilfe wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Die letzte bekannt gewordene Exekution fand 1958 statt.


Mystische Insel. Derartige Geschichten erfährt der Urlauber, wenn er sich von Sardiniens weltberühmten Sandstränden ins Landesinnere wagt. Zum Beispiel in das verschlafene Dörfchen Aggius in der nordöstlichen Provinz Gallura, wo Hobbyethnologe Giacomo Pala mehr als 5.000 historische Exponate zu einem ansehnlichen Heimatmuseum zusammengetragen hat. Den Malteddu, angeblich den einzigen erhaltenen auf der Insel, zeigt er nur auf Nachfrage. Er fand ihn nach vielen Jahren erfolgloser Suche, verborgen in der Steinmauer einer Nuraghe, wie die rätselhaften, prähistorischen Turmbauten, von denen auf Sardinien über 7.000 errichtet wurden, genannt werden.   

 
Kulinarische Insel. Es gibt aber auch weitaus appetittlichere Gründe, der Gegend einen Besuch abzustatten: Zum Beispiel das Restaurant Azienda Abbafritta im nahen Örtchen Luras. Hier verwöhnt Hausherr Michele mit einzigartigen Köstlichkeiten aus frischen Pilzen, gekrönt mit Ricotta-Ravioli und natürlich den typischen sardischen Spanferkel- und Wildschwein-Köstlichkeiten. Wer nach diesem reichhaltigen Essen eine Wanderung durch die fruchtbaren Hügel und Wälder Galluras machen möchte, kann die Nuraghe Maiori, eine der am besten erhaltenen prähistorischen Anlagen, oder das 1600 vor Christus angelegte Massengrab Tomba Gigante besuchen. Auch abseits alter Steine finden sich interessante Geschichten: zum Beispiel jene Erzählung des Oenanthe Crocata oder der Safranrebendolde, einer unscheinbaren, extrem giftigen Pflanze mit kleinen weißen Blüten. Ihr „Genuss“ führt zu einem krampfhaft verzerrten Gesichtsausdruck, einem seltsam anmutenden Lächeln, gemeinhin bekannt als „sardisches Grinsen“. Angeblich verabreichten es die vorchristlichen Sarden den Alten, bevor sie diese von Klippen stießen – als Zeichen glücklichen Sterbens. Der erste schriftlich erwähnte „sardische Grinser“ war übrigens Odysseus in Homers Erzählungen.

 

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(© Martin Duschek)

Malerisch. Im Zentrum Galluras liegt das malerische Städtchen Tempio Pausania mit prächtigen Gebäuden aus dem rosa Marmor der Region. Aus diesem Marmor sind übrigens auch der Sockel der New Yorker Freiheitsstatue und das Innere des Flughafens von Kuwait gefertigt. Seinen Charme entfaltet Tempio Pausania am Abend, wenn viele der 13.000 Einwohner zur Passegiata auf den Beinen sind. Die fast 600 Meter hoch gelegene Stadt verfügt gleich über zwei Flaniermeilen Ω eine für den Sommer und eine für den Winter. In der warmen Jahreszeit lustwandelt man im windgekühlten Park von San Lorenzo zur Mineralquelle Fonte Renaggiu. Im Winter hingegen bleiben die Bewohner lieber in der geschützten Fußgängerzone zwischen der Piazza Gallura und der Via Roma, mitten im Herzen des pittoresken Städtchens.


Einzigartig. Große wirtschaftliche Bedeutung hat in Tempio Pausania die Korkproduktion. Die Korkeichenwälder des Umlands sind die bedeutendsten Sardiniens. Wer nun glaubt, dass hier nur Weinflaschen ihren Stöpsel finden, irrt gewaltig. Die aus Kork gefertigten Produkte sind äußerst vielfältig. Am ausgefallensten dürfte wohl die Mode von Anna Grindi sein. In ihrer Boutique verkauft sie aus einem speziellen Verfahren gefertigte Kleider aus reinem Korkstoff. Die eleganten Roben weisen jede Art von Flecken ab, sind reißfest, federleicht und sündhaft teuer. Ein Abendkleidchen aus hauchdünnem Kork schlägt sich im vierstelligen Eurobereich nieder. Gallura ist nur ein kleines Beispiel für die vielfältige Kultur im Inneren Sardiniens, abseits ausgelatschter Touristenpfade und mondäner Küstenorte. Sardinien war und ist ein Reich der Banditen und Räuber, der Mythen und Legenden, der urwüchsigen Traditionen, Bräuche und rätselhaften Sagen. Vielleicht sind dies die verbindenden Komponenten, warum es uns Tirolern gerade auf dieser Insel so gut gefällt.

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(© Martin Duschek)