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Lifestyle | 19.01.2018

Auf Zeitreise durch Krakau

Vom Wawel nach Nowa Huta: In Polens Königsstadt fliegen die Jahrhunderte vor dem Auge des Besuchers vorbei. Die Metropole an der Weichsel zählt zu Europas Hotspots im Städtetourismus.

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Fotos: Martin Duschek

"Steigt ruhig ein, wir machen eine Zeitreise und das ist unsere älteste und zuverlässigste Zeitmaschine.“ Mit „Zeitmaschine“ meint Maciek, unser Reiseleiter von „Crazy Guides Cracow“ einen schwarzen, zweitürigen Trabant, Baujahr 1966. Das Gefährt aus dem ehemaligen sozialistischen Bruderstaat DDR reduziert das Thema „Auto“ auf ein Minimum. Maciek steuert die 26 PS souverän mit Handgangschaltung und viel Zwischengas. Crazy Guides kutschieren seit 2004 Touristen durch Polens meistbesuchte Stadt Krakau. Auf verschiedenen Touren bringen sie die heimliche Hauptstadt der sechstgrößten Republik der EU ihren Gästen näher. Maciek holt uns direkt beim Andel’s Cracow, dem mondänen Vier-Sterne-Hotel von Vienna House, Österreichs größter Hotelkette, ab. Wir steuern als erstes den Wawel an, jenen Fels an der Weichsel, wo seit dem Frühmittelalter zahlreiche Prachtbauten, darunter das polnische Königsschloss und die Krönungskathedrale, entstanden. Der Wawel ist das Zentrum der polnischen Identität. Hier liegen die Könige, Erzbischöfe, Helden und Künstler des Landes begraben. Entsprechend ist der Andrang: Neben Touristenhorden aus allen Ecken der Erde drängen sich heimische Schulklassen an den Eingängen zu den verschiedenen Museen und Besichtigungsbereichen. Doch in den wunderschön restaurierten, historischen Gartenanlagen lässt sich am Wawel auch Wartezeit wunderbar verbringen.

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Emanzipation à la Krakau. In unserer Zeitmaschine tuckern wir den breiten Grodzka-Boulevard in Richtung historischer Altstadt. Die letzten Meter zum Rynek Główny, dem Ring beziehungsweise Hauptmarkt, müssen wir zu Fuß gehen. Der größte mittelalterliche Platz der Welt gehört Fußgängern, romantischen Pferdekutschen und Fahrradfahrern. Auf 200 mal 200 Metern entfaltet Krakau hier seine historische Großartigkeit, welche die UNESCO mit dem Prädikat „Weltkulturerbe“ adelte. Die gotischen Tuchhallen in der Platzmitte beherbergen heute edle Souvenirgeschäfte. Zu jeder vollen Stunde erschallt vom hohen Turm der Marienkirche, Polens größtem Gotteshaus, eine Trompetenmelodie, die jäh abbricht. Der Sage nach wollte der Türmer anno 1241 vor dem herannahenden Heer der Mongolen warnen. Um die Bürger zu wecken, spielte er die Melodie, bis ihn ein Pfeil direkt in den Hals traf. Doch dank der Warnung konnte Krakau verteidigt werden. Bis heute gedenkt die Stadt auf diese Weise ihrem Helden. Fünf Angestellte der Feuerwehr versehen abwechselnd den Dienst. „Drei gehen bald in Pension“, erzählt Maciek, „und erstmals können sich auch Frauen bewerben. Vielleicht bekommen wir bald Trompetenbläserinnen.“
Museum in der Unterwelt. Am nordöstlichen Eck des mächtigen Marktplatzes steigen wir in die Unterwelt des mittelalterlichen Krakau hinab. Fünf Jahre forschten hier Archäologen und legten 1.000 Jahre Geschichte frei. Anschließend wurde der Marktplatz wieder geschlossen und das Podziema Rynku als unterirdisches, historisches Erlebnismuseum eingerichtet. Bewaffnet mit deutschsprachigen Audio-Guides tauchen wir in die Vergangenheit ein und erleben Geschichte hautnah, düster und authentisch inszeniert. Der „Rynek Underground – Traces of European Identity“ (Spuren der europäischen Identität) zählt zu Krakaus Besuchermagneten Nummer eins. Der Einlass in die Unterwelt ist streng limitiert, Tickets müssen Tage vorab reserviert werden. Zurück im Tageslicht tuckern wir in unserem Trabant nach Kazimierz. Im 14. Jahrhundert wurden ein paar Dörfer unterhalb des Wawels zusammengefasst und zur Stadt erhoben, benannt nach König Kasimir dem Großen. Ende des 15. Jahrhunderts wurde die jüdische Bevölkerung Krakaus hierher umgesiedelt, 300 Jahre später wurde Kazimierz ein Stadtteil Krakaus. Die Gebäude hier – darunter sieben alte Synagogen und drei katholische Kirchen –erzählen unverfälschte Geschichte. Seit Steven Spielberg in Kazimierz „Schindlers Liste“ drehte, erlebte der Stadtteil einen wahren Boom. Heute reihen sich koschere Restaurants an Jazzclubs, Kaffees und ausgeflippte Szenelokale. „Hier geht Krakaus Jugend aus“, erklärt Maciek.

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Die Neuzeit. Unter den Bewohnern Kazimierz’ leben heute 200 Juden – 64.000 waren es vor 1938. Die Auseinandersetzung mit Krakaus Historie ist schmerzlich und führt uns über die Starowislna und die Weichsel in den Stadtteil Podgórze. Am Plac Zgody – „Platz der Ghetto-Helden“ – erinnert eine Installation an die furchtbaren Deportationen in Konzentrationslagern. Nur ein paar Ecken weiter befindet sich das Gelände der Fabrik Schindler. Ein Museum und das schmiedeeiserne Tor erinnern an den Menschenfreund. „Um Krakau zu verstehen, fehlt noch eine wesentliche Station“ meint Maciek – Nova Huta. Auf der Stadtschnellstraße Richtung Osten gibt unser Trabi alles: Die Tachonadel zittert dem Neunziger entgegen und das Hartplastikdach beginnt, beängstigend zu vibrieren. Der Stadtteil Nova Huta, die neue Hütte, stammt aus der Planungsfeder sowjetischer Architekten.

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