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Lifestyle | 15.03.2022

Die Last des Lästerns

Warum Klatsch und Tratsch manchmal zu Unrecht einen schlechten Ruf hat. Niemand gibt es gerne zu, trotzdem tun wir es alle immer wieder: lästern. "Hast du gehört, und sag mal, wusstest du schon...?", sangen schon die Ärzte in "Lasse reden". Aber was macht Klatsch und Tratsch so attraktiv, dass wir es einfach nicht lassen können, über andere zu reden?

Studien haben herausgefunden: Das gemeinsame Reden über Dritte kann eine sinnvolle Funktion und nützliche Effekte auf unser soziales Miteinander sowie die eigene Psyche haben.

 

 

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Schlechter Ruf. Wenn wir an lästernde Menschen denken, haben wir sofort ein bestimmtes Bild im Kopf: Jemand erzählt böswillig falsche Dinge und setzt rachsüchtig Lügen in die Welt. Jedoch hat Lästern zu Unrecht ein so schlechtes Image. Denn Klatsch und Tratsch ist viel mehr als das, was wir darunter verstehen. Das "Oxford Handbook of Gossip and Reputation" beschreibt Lästern nämlich als das "Austauschen und Bewerten von Informationen über eine dritte, nicht anwesende Person". Dabei kann die Bewertung negativ, aber auch positiv ausfallen. Wenn also eine Mutter erzählt, wie toll ihre Tochter im Haushalt hilft, ist das eine Form von Lästern, genauso wie die Erzählung über die neue Frisur der Arbeitskollegin - auch wenn wir vielleicht lieber Klatsch und Tratsch dazu sagen würden. Vielmehr gehe es beim Lästern darum, Informationen auszutauschen und die eigene Meinung mit anderen abzugleichen.

Ursprung. Täglich verbringen wir ungefähr zwei Drittel unserer Sprechzeit mit Berichten über andere Personen. Der Begriff "Klatsch" geht sogar tatsächlich bis ins Mittelalter zurück. Damals trafen sich die "Waschfrauen" zum Waschen am Fluss und "klatschten" ihre schmutzige Wäsche auf Steine - so konnte auch hartnäckiger Dreck entfernt werden. Dabei tauschten sie sich in Gesprächen über das Dorf untereinander aus.

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Studienlage. Blickt man aus dieser wissenschaftlichen Perspektive auf das Phänomen Lästern, ist es also keinesfalls eine Randerscheinung von Menschen mit losem Mundwerk. Zu diesem Schluss kam auch der britische Evolutionspsychologe Robin Ian Dunbar Ende der 1990er-Jahre. Für sein Buch "Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand" hörte er sich Gespräche von Menschen unterschiedlichen Alters und Bildungsgrads an und notierte sich alle 30 Sekunden, worüber die Personen redeten. Das Ergebnis zeigte, die Mehrheit der Gespräche drehte sich um das Verhalten anderer. Dunbar ging davon aus, dass auch die Urmenschen bereits tratschen, und beschrieb in seinem Werk die Vermutung, dass Sprache sogar erst entstanden sei, damit Menschen miteinander tratschen konnten.

Auch Kinder tratschen. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig belegten 2016 dass bereits Kinder im jungen Alter tratschen. Der Forscher Jan Engelmann ließ dabei Drei- und Fünfjährige einzeln mit zwei Puppen ein Tauschspiel spielen. Eine der Puppen spielte fair und gab den Kindern Spielsteine aus. Die andere gab hingegen immer weniger aus als erwartet. Danach betrat ein weiteres Kind den Raum und sollte sich eine der beiden Spielpuppen aussuchen. Engelmann beobachtete, dass die Fünfjährigen spontan und wertend Auskunft über das Verhalten der Spielpuppe gaben, um dem nächsten Kind bei der Auswahl einer geeigneten Spielpuppe zu helfen.

 

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Schutzfunktion. Das Wissen darüber, dass in bestimmten Gruppen auch mal gelästert wird, kann sogar das gemeinsame Miteinander verbessern. Bei einer Studie mit Studierenden im Jahr 2014 mussten die Teilnehmer:innen ein Computerspiel spielen, bei dem jede:r einen bestimmten Betrag Geld bekam und diesen setzen konnte. Das gesetzte Geld wurde auf die gesamte Gruppe aufgeteilt, das nicht gesetzte Geld durfte die einzelnen Teilnehmer:innen behalten. Danach durften bestimmte Teilnehmer:innen die anderen vor gierigeren Spieler:innen warnen. Das Ergebnis: In den nächsten Runden verhielten sich alle Teilnehmer:innen kooperativer und setzten mehr Geld für die Gruppe, sobald sie wussten, dass egoistische Spielzüge weitererzählt werden könnten.

Zeitvertreib. Die Gründe fürs Tratschen sind meist harmloser als von uns angenommen. Eine Umfarge an der Universität Amsterdam kam zu dem Schluss, dass gelegentliches Tratschen nicht nur unser Selbstwertgefühl stärkt sondern sogar noch eine weitere Funktion haben kann: das soziale Vergnügen. Die Studierenden gaben an, sie lästerten in den meisten Fällen, um sich die Zeit zu vertreiben, Informationen über andere zu sammeln und ihr eigenes Weltbild zu bestätigen. Klatsch und Tratsch ist somit also auch Amüsement und oft gar nicht negativ gemeint.

Bindemittel. Natürlich heißt das nicht, dass das Reden über andere nur positive Seiten hat. Wir reden über andere, um deren Verhalten einzuordnen, unser eigenes Verhalten besser einzuschätzen zu können oder um uns gegenseitig vor dem Fehlverhalten anderer Menschen zu schützen. Trotzdem sollte dieses Miteinander immer mit Sorgfalt und nur in Maßen eingesetzt werden.

 

Den gesamten Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der TIROLERIN.