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Lifestyle | 26.09.2022

Gut gebaut auf Glas

Materialien und Stoffe, die unsere Umwelt und speziell die eigenen vier Wände schöner machen.

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Foto: Unsplash, Vincius Amx Amano

Vulkanausbrüche, herabstürzende Meteoriten und Blitzeinschläge – die mächtigsten Gewalten der Natur formten Glas schon lange, bevor der Mensch überhaupt den aufrechten Gang erlernte. Sobald unsere Hände allerdings frei waren, machten auch wir uns eines der wahrscheinlich vielseitigsten Materialien der Welt zunutze.

Faustregel

Sand, Kalk, Soda und Pottasche – so lautet die Zutatenfaustregel zur Glasherstellung, und das schon seit Jahrtausenden. Auf assyrischen Tontafeln aus der Zeit von König Ashurbanipal ist etwa festgehalten: „Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide – und Du erhältst Glas.“ Aber schon weit früher wusste man die speziellen Eigenschaften von Glas zu schätzen. Um circa 3500 vor Christus sind die ersten Belege für seine Herstellung in Ägypten, Mykene und China zu finden. Ab 1500 vor Christus wurden sogar schon Hohlgefäße daraus hergestellt. Die allerfrühesten Hinweise auf die Rolle von Glas in der menschlichen Kultur- und Werkzeuggeschichte liegen allerdings nochmals deutlich weiter zurück. Bereits in der Jungsteinzeit, also 7.000 Jahre vor Beginn der modernen Zeitrechnung, wurden Speere und Pfeile mit scharfkantigen Spitzen aus natürlich entstandenem und bearbeitetem Glas versehen und damit zu noch effektiveren Waffen gemacht, während gläserne Perlen mit bunten Einschlüssen als Amulette dienten.

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Foto: Unsplash/Daniel Mc Cullough

Fortschritt

Etwa 100 nach Christus gelang schließlich in Alexandria erstmals die Schmelze von farblosem Glas. Durch höhere Temperaturen und besser und kontrollierbarer Erhitzung steigerte sich auch die Qualität des Glases. Ungefähr zur gleichen Zeit nutzten die Architekten des Römischen Reichs bereits gegossene Glasplatten als Fenster. Die optische Qualität war zwar noch eher mäßig, doch wichtige Gebäude und Villen waren bald schon mit solchen Glasfenstern verziert. Während des Wachstums des Reichs veränderte sich die Glasware und erhielt je nach Region auch besondere Merkmale. Im östlichen Zentrum Alexandrias schufen Handwerker luxuriöse Glaswaren für den Export, wie zum Beispiel die berühmte „Portland-Vase“. In Mittel- und Westeuropa dagegen wendeten die Menschen zwar häufig auch die Techniken aus dem Osten an, stellten aber eher Glasarmringe, Ringperlen und andere Schmuckstücke her. Nachdem das Römische Reich verfiel, stockten die Glasentwicklung sowie die Fortschritte in der Fertigung. Kaum neue Dekorationstechniken wurden mehr entwickelt, manche gingen sogar verloren.

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Foto: Unsplash/Johannes W.

Geheimzutaten

Erst ab dem 8. Jahrhundert entwickelten sich, ausgehend von der venzianischen Insel Murano aus, wieder neuere Verfahren. Um 1.100 nach Christus beschrieb der Benediktinermönch Theophilus Presbyter in „De diversis artibus“ die Glasherstellung, das Blasen von Flach- und Hohlglas sowie die Ofentechnologie. Er vermischte dafür Asche von getrocknetem Buchenholz mit gesiebtem Flusssand. Unter ständigem Rühren trocknete die Mischung im Ofen für einen Tag und eine Nacht. Anschließend füllte er es in einen Tiegel und schmolz es über Nacht unter starker Hitze. Vermutlich bildete dieses Glas die Grundlage der gotischen Kirchenfenster. Venedig entwickelte sich zunehmend zum Zentrum der europäischen Glasmacherkunst.

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Foto: Unsplash/Jakub Pierozynski

Mainstream

Im 12. Jahrhundert feierte schließlich das Fensterglas seinen w Durchbruch. Ab dem folgenden Jahrhundert verdrängte ein beidseitig glattes und dünnwandiges Fensterglas das vorherige dickwandige und kaum transparente Glas. Es entstand wohl im Zylinderblasverfahren, welches aber erst mit der aufkommenden Gotik im 12. Jahrhundert wirklich Verwendung fand. Im (heute) deutschsprachigen Raum zählen beispielsweise das Kloster Tegernsee aus dem 10. sowie der Augsburger Dom aus dem 9. Jahrhundert zu den ältesten Gebäuden mit Glasfenstern. Grund für diese plötzliche Ausbreitung in Europa war wahrscheinlich die breite Anwendung von Mondglastechniken in Frankreich. Mit der Glasmacherpfeife bliesen die Arbeiter dabei das Glas zu Kugeln, befestigten sie anschließend an einem gegenüberliegenden Metallstab, bevor die Pfeife abgesprengt wurde. Die Ränder des Lochs in der Kugel stülpten sie nach außen und brachten die Kugel wieder auf Temperatur. Bei etwa 1.000 Grad wurde das Glas so weich, dass es in Tellerform geschleudert werden konnte. Vom Loch aus öffnete sich die Kugel, und es entstanden Glasplatten mit einem Durchmesser von circa 1,20 Metern. Die Ränder wurden zu Rechtecken geschnitten und beispielsweise in Kirchenfenstern eingesetzt.