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Lifestyle | 20.05.2022

Fünf Dörfer und eine Burg

Die Cinque Terre zählt zu den eindrucksvollsten und schönsten Landschaften Italiens. Zusammen mit dem Hafenstädtchen Porto Venere gehören die fünf Dörfer schon zu den Urgesteinen des UNESCO-Weltkulturerbes.

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Foto: Unsplash

ABENTEUERLICH.
D
ie Anreise birgt das erste Abenteuer. Von der Hafenstraße rund um La Spezia weist ein Schild die recht steile Rampe der Landstraße 370 hinauf inRichtung Cinque Terre. Zunächst kann das eine:n Tiroler:in nicht erschüttern. Aber dann mündet die 370er in die 51er, und die Haarnadelkurven werden unübersichtlich. Beim Stopp in der „Società Agricola Cooperativa 5 Terre“ versorgen wir uns noch mit ein paar Flaschen „Sciacchetrà“, der lokalen Weinspezialität. „Refursà“ preist die Verkäuferin der Kooperative den bernsteinfarbenen Süßwein an und schnalzt mit ihrer Zunge. Das Wort im ligurischen Dialekt bedeutet „Verstärker“, wofür auch immer. Die Kostprobe hinterlässt jedenfalls einen angenehm süßen Mandelgeschmack am Gaumen.

KURVENREICH.
Sechs Kilometer und gefühlte 2.000 Kurven weiter kommt die Abzweigung hinunter nach Corniglia – unser Ziel, das mittlere der fünf legendären Küstendörfer der Cinque Terre. Die Straße hier verdient ihre Bezeichnung nicht. Alle Insass:innen beten heimlich, dass kein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Wer den Fehler begeht, mit dem Auto in diese für viele schönste Küstenlandschaft Italiens zu reisen, sollte zumindest sicher sein, dass seine Unterkunft über einen Parkplatz verfügt. Eng wie Schwalbennester kleben die pastell-bunten Häuschen an den steilen Hängen, die von Zitronenhainen, Oliventerrassen und den steilsten Weinbergen der Welt durchzogen werden.

 

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Foto: Unsplash

FUßMARSCH.
Von Nordwesten nach Südosten heißen die fünf Dörfer Monterosso al Mare, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore. Alle sind autofrei und ihre engen, steilen Gassen den Fußgänger:innen vorbehalten. Glücklich, das Ziel erreicht zu haben, parken wir auf einem für unser Air B&B ausgewiesenen schmalen grünen Fleck unter einer knorrigen Olive. Mit der „U-Bahn“ von Dorf zu Dorf. Die Anreise hat es in sich, die Erforschung der Cinque Terre dafür ist denkbar einfach. Seit 1874 die Eisenbahnstrecke zwischen La Spezia und Genua fertiggestellt wurde, sind die fünf Dörfer wie mit einer U-Bahn untereinander verbunden. Praktisch alle zehn Minuten verkehren in beide Richtungen Züge.

KURZ UND KNAPP.
Von einer Gemeinde in die nächste lohnt es sich nicht einmal, einen Sitzplatz zu nehmen, so schnell vergeht die Fahrt, und das fast nur im Tunnel. Die günstige Verbindung, der umfassende Schutz der Region als Nationalpark und die Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 1997 brachten dem zwölf Kilometer langen Küstenstreifen mit seinen rund 7.000 Einwohner:innen Wohlstand, aber auch Belastungen. Die meisten Gäste kommen als Tagestourist:innen und überfluten die idyllischen mittelalterlichen Ortskerne. Um die Mittagszeit werden wir fast geschoben. Mico, ein Bootsverleiher am kleinen Hafen von Vernazza, tröstet: „Heuer ist das noch gar nichts. Vor Corona, als noch die Chines:innen und die Horden von den großen Kreuzfahrtschiffen aus La Spezia kamen, da konntest du hier nicht einmal mehr umfallen.“

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Foto: Unsplash

STRAßE DER LIEBE.
Wir erobern ein Caféhaustischchen und können vom Schatten aus das bunte Treiben auf den Felsen unter der mächtigen Kirche der Heiligen Margareta von Antiochien beobachten. Die Strandduschen sind originellerweise direkt in einer breiten Nische im Unterbau des Gotteshauses angebracht. Am Wanderweg mit der Cinque-Terre-Card. Kraftaufwändiger, aber ungleich schöner als im Eisenbahntunnel geht’s weiter nach Monterosso al Mare, dem nördlichen Tor in die Cinque Terre. Eigentlich wären alle fünf Dörfer durch Wanderwege verbunden, aber nach Felsstürzen sind die Küstenwege nach Riomaggiore Richtung Süden seit einigen Jahren gesperrt. Erst 2024 soll die als „Via dell’ amore“ bekannte Etappe wieder durchgängig begehbar sein. Die Wanderung beginnt jedenfalls am Mauthäuschen. Für die steilen, nur händisch pflegbaren Wege hebt die Nationalparkverwaltung eine Gebühr ein. Gut beraten weisen wir uns mit der „Cinque Terre-Card Treno“ aus. Diese beinhaltet für 18,50 Euro nicht nur den Wegzoll, sondern auch die unbegrenzte Nutzung der Eisenbahn. Wofür der Zug am Rückweg nur ein paar Minuten braucht, sind die Wander:innen gute zwei Stunden unterwegs. Im steten Auf und Ab gilt es, einige hundert Höhenmeter zu bewältigen.

SEND ME A POSTCARD.
Unglaublich schöne Aussichten über die ligurische Küste belohnen für den schweißtreibenden Anstieg. Jeder Blick auf die Dörfer gleicht von hier einem sehnsuchtsvollen Postkartenmotiv. Von Monterosso al Mare nach Porto Venere. Monterosso al Mare verfügt in seinen zwei langgezogenen Buchten über schöne fein- bis mittelkiesige Strände und eine breite Flanierpromenade, wo sich ein Café an das nächste reiht. Das Flair erinnert an einen mondänen Badeort. Von Bucht zu Bucht geht’s durch einen kühlen, schattenspendenden Fußgängertunnel. Eine ganz andere Stimmung vermittelt Manarola, drei Dörfer südlich. Am Ausläufer des schmalen Tals nutzten die Bewohner:innen geschickt jeden Meter, um ihre bunten Häuschen in aberwitzigen Verschachtelungen über- und nebeneinander zu stapeln. In der engen Felsbucht erheben sich einige Klippen aus dem Meer. Die Dorfjugend und auch der:die eine oder andere Tourist:in klettern je nach Mut bis zur Spitze des schroffen schwarzen Gesteins, um dann unter dem Johlen ihrer hunderten Zuseher:innen sich gut 15 Meter in die Tiefe zu stürzen.

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Foto: Unsplash

UNDERGROUND.
Nicht minder pittoresk präsentiert sich das südlichste Städtchen Riomaggiore. Für eine offene Station war hier kein Platz, deshalb liegt der ganze Bahnhof unter Tage. Dem Mangel an Grundfläche begegneten die Bewohner:innen mit sogenannten Turmhäusern. Bis zu fünf Stockwerke hoch kleben diese in allen Farben bemalt an den Felswänden zum Hafen. Von hier nehmen wir das Linienschiff – das zweifellos aussichtsreichste Verkehrsmittel nach La Spezia. Gemächlich tuckern wir die praktisch unbewohnte Küste entlang. Doch schon bald tauchen die mächtigen Felsen von Porto Venere auf. Das trutzige Kirchlein San Pietro grüßt von deren Spitze, wenn das Schiff in die enge Wasserstraße zwischen Festland und der Insel Palmaria in den Golf von La Spezia einbiegt. Praktisch alle Tourist:innen nützen den Zwischenstopp, um das malerische Porto Venere zu erkunden. Es zählt zwar nicht zur Cinque Terre, erhielt aber gemeinsam mit seiner Nachbarschaft den UNESCO-Status. In der sommerlichen Hitze wird der Aufstieg entlang der Zinnen des mächtigen Castello Doria zur Herausforderung, doch der Blick hinunter in die „Grotta di Lord Byron“ auf der anderen Seite der Felszunge entschädigt für jeden Tropfen Schweiß. Der englische Dichter und Hobbyschwimmer sei von dieser Bucht im Besonderen inspiriert worden – als Dank trägt sie nun seinen Namen.

DAS SCHÖNSTE ITALIEN.
Abends in Corniglia taucht die untergehende Sonne die Häuser in ein unbeschreiblich schönes Licht. Es ist ruhig geworden. Corniglia liegt als einziges Dorf der Cinque Terre nicht direkt am Meer, sondern gut 100 Meter darüber auf einem Felsen. Der beschwerliche Aufstieg vom Bahnhof sortiert schon viele Tagestourist:innen aus, und die anderen steigen gerade die 387 Stufen hinab zum Zug. Natürlich begegnet man in den verwinkelten Gassen, den engen Trattorien und Restaurants ausländischen Gästen, aber es entsteht das angenehme Gefühl, mit den Einheimischen unter sich zu sein. Am Platz vor der Kirche spielen ein paar Kinder Fußball. Wir überlegen, wie viele Bälle im Jahr sie wohl brauchen, denn gleich hinter dem niederen Zaun geht’s senkrecht Richtung Mittelmeer. Auf einer Bank nahe der Aussichtsplattform knutschen zwei Jugendliche. Plötzlich ist es gar nicht mehr so voll und überlaufen in der Cinque Terre, sondern einfach Bella Italia. Vielleicht sogar ein gutes Stück mehr: L’Italia più bella – das schönste Italien.