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Lifestyle | 06.04.2022

Vom Zwang zum Glücklich sein

„Toxic Positivity“ – warum wir auch negative Gefühle zulassen dürfen.

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Shutterstock

DIE HAPPINESS LÜGE.
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iele Menschen streben danach, stets das Positive in einer Situation zu sehen. Vor allem in den sozialen Medien liest man tagtäglich Phrasen wie „Good Vibes Only“, „Mach das Beste draus“ oder „Sieh es positiv“. Aber lassen sich Ärger und Frust einfach wegmeditieren? Können wir uns negative Gefühle beim Yoga von der Seele atmen? Und sind wir wirklich „unseres Glückes Schmied“? Autorin und Journalistin Anna Maas ist sich sicher: Nein. Ganz im Gegenteil – in ihrem Werk „Die Happiness-Lüge“ beschreibt sie, warum Zwangsoptimismus meist nur Druck aufbaut und wie wichtig es ist, auch unangenehmen Gefühlen einen Raum zu geben.

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„Die Happiness-Lüge – wenn positives Denken toxisch wird“ von Anna Maas, eden Books Verlag, ISBN: 978-3959103145

TIROLERIN: In Ihrem Werk „Die Happiness-Lüge“ warnen Sie vor toxischer Positivität. Worum geht es dabei genau?

Anna Maas: Mir persönlich ist dieses Gefühl, dass sich gut gemeinte Aussagen wie „Mach das Beste draus“ oder „Konzentriere dich einfach auf das Positive“ auch unangenehm anfühlen können, zu Beginn der Pandemie sehr bewusst geworden. „Toxic Positivity“ oder „toxische Positivität“ basiert auf der Annahme, dass das Leben nur dann gelungen ist, wenn es durch und durch aus positiven Gefühlen besteht. Dieses Denken blendet äußere Umstände komplett aus. Positives Denken ist gesund und kann sehr heilsam sein – es sollte aber nicht dazu führen, dass wir unter Druck stehen und das Gefühl haben, etwas falsch zu machen, wenn wir nicht 24/7 glücklich sind.

Was würden Sie sagen, wann kippt eine positive Einstellung in eine toxische?

Toxisch wird es immer dann, wenn dieses positive Denken zwanghaft wird und gar kein Platz mehr für unangenehme Gefühle bleibt. Wenn man beispiels- weise selbst von Sorgen oder unangenehmen Emotionen erzählt, werden diese von anderen sofort kleingeredet mit Sprüchen wie: „Ach komm, anderen geht es viel schlechter“, „Aber sei dankbar für ...“, „Du musst das einfach positiv sehen“. Zudem berichten toxisch positive Menschen so gut wie nie von eigenen schlechten Momenten. Bei ihnen ist immer alles wunderbar, die Laune ist immer blendend. Für Außenstehende kann das Druck verursachen, weil man denkt: „Die bekommen alles auf die Reihe – nur ich nicht. Das muss an mir liegen.“

Was ist an dem Ansatz, dass man „seines Glückes Schmied ist“ Ihrer Meinung nach so problematisch? Braucht es in Krisenzeiten wie heute nicht auch etwas Optimismus?

Das Problematische an diesem Gedanken: Die Verantwortung liegt im- mer beim Individuum. Das stimmt manchmal. Wenn es draußen regnet, kann ich mich ärgern – oder einfach Gummistiefel anziehen und eine gute Zeit haben. Aber in gewissen Situationen hilft es nicht, „Good Vibes Only“ zu predigen. Pandemien, Kriege, Verbrechen, aber auch Krankheiten, Todesfälle oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten können uns erschüttern. „Alles eine Frage des Mindsets“ stimmt in diesen Situationen meiner Meinung nach nicht. Natürlich müssen wir mit Krisen umgehen und auch einen gesunden Optimismus bewahren. Das heißt aber nicht, dass wir ständig happy sein müssen. Die Akzeptanz unangenehmer Emotionen ist wichtig für die psychische Gesundheit. Wut und Frustration können auch Antreiber eines gesellschaftlichen Wandels sein. Alles immer nur wegzulächeln, ändert nichts.

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Fotocredit: Priscilla Du Preez/Unsplash

Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?

Ich glaube, dass soziale Medien eine sehr große Rolle spielen. Wir haben unser Smartphone immer dabei und ständig sind wir mit medialen Bildern in Kontakt. Die erfolgreichsten Kanäle präsentieren uns ein idealisiertes Bild: Happiness, gute Laune, traumhafte Locations. Wut, Trauer und Unsicherheit „verkaufen“ sich nicht gut, bringen weniger Likes. Wenn aber jeden Tag solch ein geschöntes Heile-Welt-Narrativ auf uns einprasselt, frustriert uns das schnell. Neben dem idealisierten Körperbild bekommen wir eine idealisierte Lebens- und Verhaltenswelt präsentiert, die toxisch wirken kann.

Im Kapitel „Lächel doch mal! – die Wut der Frauen“ gehen Sie darauf ein, dass vor allem Frauen oft von toxischer Positivität betroffen sind. Warum ist das so?

Ich glaube, dass Frauen in unserer Gesellschaft stärker als Männer dem Druck ausgesetzt sind, lieb, nett und attraktiv zu sein. Fast jede Frau hat in ihrem Leben schon mal den Satz „Lächle doch mal!“ gehört. Wenn ein Mann zornig und laut wird, gilt er eher als durchsetzungsstark – eine zornige, laute Frau wird eher als frustriert oder zickig abgestempelt. Schon kleinen Mädchen wird vermittelt, dass Wut unweiblich und unsympathisch sei. Diese Emotionen werden deshalb von klein auf verdrängt und unterdrückt. Wir haben diese Prägungen von unseren Eltern mitbekommen, die wiederum von ihren Eltern – gar nicht so einfach, von diesen Idealen loszukommen. Ich erwische mich selbst dabei, dass ich zu meiner Tochter „Klei- ne, süße Maus“ und zu meinem Sohn „Großer, starker Junge“ sage. Das steckt tief in uns drin.

Sie beschreiben außerdem, dass toxische Positivität den Diskurs über Rassismus schwieriger macht. Wie kann toxische Positivität soziale Ungerechtigkeiten verstärken?

Von Rassismus oder anderen Diskriminierungsformen betroffene Personen berichten immer wieder davon, dass sie vermittelt bekommen, dass nicht im Außen, sondern mit ihnen selbst etwas nicht stimme. „Mach dich mal locker“, „Nimm das nicht alles so ernst“ oder „Hör einfach nicht hin“ sind Empfehlungen, die sie bekommen. Die täglichen Diskriminierungen also einfach weglächeln? Das würde nichts ändern, sondern sorgt nur dafür, dass die alltäglichen Ungerechtigkeiten weitergehen. Daher können wir auch hier von einer Form der toxischen Positivität sprechen. Wir brauchen Wut, vermeintlich negative Emotionen und laute Stimmen, um etwas zu verändern und Aufmerksamkeit zu schaffen.

Warum ist es wichtig, dass wir unseren negativen Emotionen Raum gewähren?

Zum einen ist es wichtig für die psychische Gesundheit. Wenn Gefühle im- mer nur verdrängt werden, werden sie im Inneren größer und kommen irgendwann wieder zum Vorschein. Außerdem können unangenehme Emotionen wertvolle (Warn-)Hinweise sein und uns zeigen, dass in uns noch ungeklärte Konflikte schlummern oder dass es unerfüllte Bedürfnisse gibt. Wir lernen uns selbst besser kennen und können besser für uns sorgen, wenn wir hinhören statt zu verdrängen. Und als Gesellschaft bringt es uns nicht weiter, wenn Probleme und unangenehme Gefühle immer nur weggelächelt werden. Strukturelle Probleme oder Diskriminierungsformen beispielsweise werden erst durch die Wut und Empörung der Betroffenen sichtbar.

Welche Tipps würden Sie anderen geben, wie man am besten gegen toxische Positivität angehen kann?

In der realen Welt hilft es meiner Meinung nach, mit gutem Beispiel vor- anzugehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass aus oberflächlichem Small- talk echte Gespräche mit Tiefgang werden können, wenn man sich selbst ehrlich öffnet. Viele sind geradezu erleichtert, dass man offen reden kann. Und: Immer mal wieder überprüfen, wie man auf unangenehme Emotionen bei sich selbst und bei Freund:innen, Verwandten und Bekannten reagiert. Mitgefühl und Selbstmitgefühl kann man üben und lernen. So fürsorglich und liebevoll sollten wir nicht nur mit anderen, sondern auch mit uns selbst umgehen. Im Hinblick auf die toxische Positivität in sozialen Netzwerken ist es sehr einfach: Allen Kanälen entfolgen, die einem ein doofes Gefühl geben und ehrlichere Kanäle finden, die einem gut tun.

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