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Lifestyle | 11.10.2021

Bittersüße Pille

Vor rund 60 Jahren hat die Antibabypille die Frauen befreit – heute wollen sich die Frauen von dem umstrittenen Tablettchen befreien. Was dahintersteckt.

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© Shutterstock

Obwohl sie kleiner ist als ein Fingernagel, hat sie das Leben der halben Weltbevölkerung  auf den Kopf gestellt: die Antibabypille. 1960 von Krankenschwester Margaret Sanger und Biologin Katharine McCormick auf den Weg gebracht – ursprünglich, um illegale Abtreibungen zu verhindern –, überschwemmte die kleine Tablette innerhalb kürzester Zeit den Markt. Kein Wunder, verhalf sie doch Frauen endlich zu sexueller Freiheit, Unabhängigkeit und dem Recht zur Selbstbestimmung.

Vom Thron gestoßen. Doch in den letzten sechs Jahrzehnten hat sich einiges getan. Die Zeiten des Ruhmes sind vorbei, immer mehr Frauen entscheiden sich mittlerweile gegen die hormonelle Verhütung. Es zeichnet sich eine regelrechte „pill scare“ ab, eine Angst vor der Pille. Während 2012 noch 60 Prozent der Frauen hierzulande angaben, hormonell zu verhüten, waren es 2019 nur noch 44 Prozent, wie aus Erhebungen des österreichischen Verhütungsreports hervorgeht.

Hoher Preis. Dass mit der Pilleneinnahme unerwünschte Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und ein erhöhtes Schlaganfall- und Thromboserisiko einhergehen können, dürfte inzwischen den meisten Anwenderinnen bekannt sein. Doch welchen Einfluss hat das hormonelle Verhütungsmittel auf unser Denken, Fühlen und Handeln? Diese Frage versucht Sarah E. Hill in ihrem Buch „Wie uns die Pille verändert“ zu beantworten. Das Werk soll die Antibabypille dabei keineswegs „verteufeln“ oder Anwenderinnen generell von der Einnahme abraten, sondern ihnen vielmehr alle wichtigen Fakten für einen reflektierten Umgang an die Hand geben. Mit diesem Ziel legt die Sozialpsychologin unter anderem jene Erkenntnisse dar, die Psychologie und Hirnforschung zur Antibabypillen-Debatte beitragen können.

Spiel der Hormone. Dass Hormone zu den „am meisten missverstandenen Botenstoffen“ zählen, ist für die Autorin dabei evident. Im menschlichen Körper sind sie an weit mehr Vorgängen beteiligt, als vielen bewusst ist – so auch bei der Ausformung der eigenen Identität und individueller Verhaltensmuster. Greifen wir plötzlich von außen in den sensiblen Hormonhaushalt ein, hat das weitreichende Auswirkungen auf unsere Psyche – demnach kann die Pille auch beeinflussen, wie wir uns selbst wahrnehmen. Und nicht nur das: Sie entscheidet auch darüber mit, wen wir attraktiv finden.

 

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Manipulierte Partnerwahl. Ja, Sie haben richtig gelesen. Und wenn wir darüber nachdenken, erscheint das auch kaum verwunderlich: Immerhin besteht die Antibabypille aus künstlichen Sexualhormonen – und die wiederum steuern unsere kompletten Schaltkreise rund um die Themen Liebe und Sex. Unser Haushalt an Sexualhormonen bestimmt also maßgeblich darüber mit, zu welcher Art von Mann* wir uns hingezogen fühlen, (*in den von Sarah E. Hill genannten Studien wurden ausschließlich heterosexuelle Beziehungen untersucht), wie wir die Beziehung zu unserem Partner wahrnehmen, und sogar, welche Qualität unser Sexleben hat.

Im Auge der Betrachterin. Befinden wir uns im natürlichen, „ungestörten“ Zyklus, nimmt unser sexueller Antrieb bis zum Eisprung kontinuierlich zu. In dieser Zeit legen wir bei der Partnerwahl ein besonderes Augenmerk darauf, ob unser Gegenüber über die charakteristischen „Testosteronmarker“ verfügt – beispielsweise eine tiefe Stimme, ein kantiges Gesicht oder einen selbstbewussten Gang. In der zweiten Zyklushälfte nach dem Eisprung hingegen ändert sich das weibliche Empfinden: Die „typisch maskulinen“ Eigenschaften sind uns auf einmal nicht mehr so wichtig, stattdessen finden wir eine höhere Stimme, weichere Gesichtszüge und Versorgerqualitäten attraktiv. Trotz dieser – auf den ersten Blick zwar höchst unzuverlässigen, in
Summe aber dennoch ausgewogenen – Kriterien bleiben unsere Libido und die sexuelle Abenteuerlust mehr oder weniger konstant hoch. Doch was geschieht, wenn die Pille ins Spiel kommt?

Hormonelles Déja-vu. Die Pille lässt unseren Körper denken, dass er sich in der zweiten Zyklusphase befindet, wo die Eizellenentwicklung bereits abgeschlossen ist – er verharrt quasi in einer Art hormonellem Déja-vu. Und zwar auch dann, wenn wir die monatliche Pillenpause einlegen: Das Einnahmeschema 21+7 – also 21 Tage Pilleneinnahme, sieben Tage Blutungspause – wurde lediglich aus Marketinggründen eingeführt, um den natürlichen Zyklus „nachzuahmen“ und so die gesellschaftliche Akzeptanz der Pille zu erhöhen. Aus medizinischer Sicht würde es reichen, die Pilleneinnahme einmal im Jahr für eine Woche zu pausieren, um die Gebärmutterschleimhaut abzusetzen. Doch zurück zur eigentlichen Frage.

Verschobene Wahrnehmung. Denn dass sich unser Körper durch die Einnahme der Pille fortwährend in der zweiten Zyklusphase wähnt, zeigt sich auch in unseren romantischen und sexuellen Präferenzen: Wer hormonell verhütet, fühlt sich nicht nur zu Männern mit weniger „maskulinen“ Eigenschaften hingezogen, sondern legt auch einen größeren Wert auf emotionale Stabilität, Loyalität sowie eine hohe Intelligenz. Aber es zeigte sich noch ein weiterer signifikanter Unterschied: Frauen, die ihren Partner unter dem Einfluss der Pille auswählten, trennten sich später wesentlich seltener als jene, die den Partner im natürlichen Zyklus auswählten.

Die liebe Libido. Das klingt ja im ersten Moment alles begrüßenswert – wäre da nicht die liebe Libido. Die Pille dreht nämlich auch am weiblichen Testosteronspiegel, der aber für die Befeuerung der sexuellen Lust verantwortlich ist. Studien zufolge liegt das freie Testosteron sogar um bis zu 61 Prozent niedriger als bei Frauen im natürlichen Zyklus. Die Folge: Keine Lust mehr auf Sex – oder zumindest weniger. Das erscheint recht paradox, wenn man bedenkt, dass die Pille ja eigentlich ein möglichst ausgelassenes Sexleben ermöglichen soll.

Eine Überlegung wert. Natürlich bedeutet das nicht, dass die „unter Pilleneinfluss stehende Version“ von uns automatisch andere Entscheidungen trifft als die „pillenlose“. Und leider sind auch die Forschungsergebnisse noch recht dürftig, wie weit der Einfluss hormoneller Verhütung auf den weiblichen Körper tatsächlich reicht – ebenso wie das Angebot an nicht-hormonellen und gleichermaßen verlässlichen Alternativen zur Pille. Bis es so weit ist, bleibt uns nur eine Aufgabe: uns, so gut es geht, zu informieren, Bestehendes zu hinterfragen und dann eine bewusste, reflektierte Entscheidung zu treffen. Denn das sind wir unserem Körper schuldig.