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Lifestyle | 17.09.2020

Brandnamic - Die Kreativitäts-Zentrale

"Nur wer offen, neugierig und immer auf der Suche bleibt, entwickelt sich weiter, kann den sich wandelnden Forderungen des Marktes gerecht werden und kontinuierlich Innovation schaffen ." - Hannes Gasser, Michael Oberhofer und Matthias Prader.

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© Brandnamic

Der Brandnamic Campus und ein Vermächtnis

 

Als der renommierte Architekt Othmar Barth 1968 den minimalistischen Funktionsbau in der beeindruckenden Lage oberhalb von Brixen schuf, lag die heutige Nutzung noch in weiter Ferne, schließlich sollten hier junge Frauen für soziale Berufe ausgebildet werden – und niemand hätte erahnen können, was Architektur 50 Jahre später für fortschrittliche Arbeitskultur leisten können würde. Gleichwohl wird dem Besucher deutlich, dass man sich vom ursprünglichen Auftrag trotz des zeitlichen Abstands eines halben Jahrhunderts nicht vollständig entfernt hat, denn der Brandnamic Campus versteht sich heute nicht nur als Produktions-, sondern weiterhin auch als Lernstätte. Nur wer offen, neugierig und immer auf der Suche bleibt – so die Devise der drei Geschäftsführer Hannes Gasser, Michael Oberhofer und Matthias Prader – entwickelt sich weiter, kann den sich wandelnden Forderungen des Marktes gerecht werden und kontinuierlich Innovation schaffen.

 

 

 

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© Brandnamic

Wir haben Geschäftsführer Michael Oberhofer getroffen und mit ihm über die Hotellerie in Krisenzeiten, Lösungen für die Zukunft und Nachhaltigkeit gesprochen

 

TIROLERIN: Die Branche hat gerade einen „Hard Reset“ hinter sich. Haben sich die seither implementierten Strategien als erfolgreich erwiesen?
Michael Oberhofer: Nun, zunächst möchte ich klarstellen, dass es natürlich keine Strategien gibt, die jetzt endlose Gültigkeit haben – noch nicht einmal langfristige. Dies ist eine so außergewöhnliche und auch unvorhersehbare Situation, die uns alle überrumpelt hat, dass wir nicht nur unsere Kommunikations-, sondern auch unsere Verhaltensstrategien immer wieder überdenken und der aktuellen Lage anpassen müssen. Sie verlangt uns allen eine große Flexibilität ab, Empathie, eine Schärfung der Sinne – und, so absurd sich das anhören mag, das bringt auch Vorteile mit sich. Jetzt ist wirklich Aufrichtigkeit angesagt, offene Kommunikation und um Himmels willen keine Ausflüchte, denn das könnte sich als fatal erweisen. Und klar, die Strategien für den Sommer haben gut funktioniert, auch die für unsere Region getroffenen Vorkehrungsmaßnahmen, aber jetzt gilt es, den Winter zu bewältigen, ein komplett neues Thema unter anderen Bedingungen. Was ich mir wünschen würde, wäre übrigens eine stärkere euroregionale Zusammenarbeit; dass eben nicht jeder sein Süppchen kocht, sondern dass man sein Wissen und seine Erfahrung zusammenfließen lässt und z. B. die Alpenregionen – Trentino-Südtirol, Österreich, das Aostatal, die Schweiz usw. – gemeinsam wirksame Strategien entwickeln. Grundsätzlich gilt: Bis jetzt ist es gut gelaufen, das Navigieren auf Sicht war die richtige Lösung und alle Beteiligten haben sich – wohl teils auch aus Verunsicherung – ehrlich miteinander verständigt.

 

TIROLERIN: Kommunikation ist auch in der Hotellerie zwar das Um und Auf, heutzutage aber oftmals auf Onlinebuchung und ein freundliches Grüßen beim Check-In reduziert. Werden wir unsere Gastgeber bald vielleicht gar nicht mehr zu Gesicht bekommen?
Michael Oberhofer: Nein, auf gar keinen Fall, das Gegenteil trifft zu. Wir haben zwar richtigerweise gelernt, unnötige Menschenansammlungen zu umgehen, doch gleichzeitig wurde uns der Wert echter Gastfreundschaft – des wahren Austausches, der direkten Begegnung von Mensch zu Mensch – wieder umso bewusster. Allein die Tatsache, dass Newsletter und Facebook-Posts als Marketinginstrumente wieder so hervorragend funktionieren, zeigt uns, dass die Gäste keine anonyme, durchrationalisierte Abwicklung wollen. Wozu reist man sonst, wenn nicht, um etwas zu erleben? Erleben ist für ein soziales Wesen wie den Menschen immer auch mit Begegnung verbunden. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Essenz selbst von Reisen Begegnung ist, mit etwas Neuem natürlich oder etwas außerhalb des Alltags, das entweder die Natur oder eben auch andere sind – in den meisten Fällen beides. „Land und Leute kennenlernen“ heißt es ja nicht umsonst.

 

TIROLERIN: Die Krise hat nicht nur die Beziehung zum Gast, sondern auch die zu den eigenen Mitarbeitern mehr in den Mittelpunkt gerückt. Welche Mittel braucht es hier, um Mitarbeitern langfristig attraktive Perspektiven zu bieten?
Michael Oberhofer: Ich kann mich nur wiederholen, es braucht ehrliche und direkte, auch schnelle, Kommunikation. Der Mitarbeiter will genauso wenig wie der Gast nur eine Nummer sein, er will und vor allem soll nicht empfinden, dass er für den Arbeitgeber nur Mittel zum Zweck – nämlich zum finanziellen Gewinn – ist. Wir sind es unseren Mitarbeitern, ihrer Arbeitskraft, ihren Kompetenzen, der Energie, mit der sie sich einbringen, schuldig, ihnen auch etwas zu bieten, ihnen zu sagen, wie die Dinge stehen, sie für einen guten Job zu loben. Es ist heutzutage vermessen zu denken, dass man es – gerade in einer Branche mit so hohen Anforderungen – ohne tüchtige Mitarbeiter schaffen würde. Persönlich gefallen mir auch die flachen Hierarchien, die wir in unserer Agentur praktizieren. Ich bin für Kommunikation auf Augenhöhe, jeder wird für das, was er tut und wer er ist geschätzt – nicht als Inhaber einer Position. Drohgebärden von Vorgesetzten sind mir zuwider. Und wer souverän agiert, braucht sie auch gar nicht, da stellen sich gegenseitige Wertschätzung und Respekt ganz von selbst ein.

 

TIROLERIN: Welche innovativen Konzepte und Ideen werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen?
Michael Oberhofer: Wir im Alpenraum befinden uns in der glücklichen Position, immer schon ein Leben und einen Alltag nah an der Natur geführt zu haben. Auch ein Städter ist schnell in den Bergen, und nicht umsonst haben wir im Allgemeinen eine enge Beziehung zur Heimat – fernab vom abgenutzten Beigeschmack des Begriffs, einfach nur ganz natürlich und selbstverständlich. Die Nähe zur Natur zieht nach sich, dass wir praktisch veranlagt sind, erdgebunden, wir sind Macher. Ich glaube, dass es das Thema Nachhaltigkeit deshalb bei uns so leicht hat, auf so fruchtbaren Boden fällt – und eben nicht nur ein Schlagwort ist, keine Augenauswischerei. Wir wollen uns die Schönheit und Reinheit unserer Landschaft erhalten, wir haben aus den Fehlern vergangener Jahrzehnte gelernt und wissen, was wir an unserer Landschaft haben – für uns selbst, für unsere Gäste, als Lebensgrundlage und als wahnsinniges Privileg, das unser Leben ungleich schöner macht.

 

 

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Michael Oberhofer (Foto: Brandnamic)

TIROLERIN: Nach den Veränderungen der letzten Monate sehen viele in der Digitalisierung DEN Lösungsansatz. Wunschvorstellung oder glasklare Realität?
Michael Oberhofer: Wie ich zuvor schon im Zusammenhang mit der Begegnung Gast und Gastgeber erläutert habe: Digitalisierung ist sicher sinnvoll in gewissen Bereichen, dort, wo sie lediglich als Instrument genutzt wird, um Abläufe zu vereinfachen. Wo sie hingegen als Ersatz für zwischenmenschliche Beziehung herhalten soll, wird ihre Nutzung bitter bestraft, und ich meine zurecht. Wir können uns technologisch noch so weit entwickeln, wenn das Herz und der Verstand nicht hinterherkommen, wenn das Menschliche auf der Strecke bleibt, ist die ganze Technik nichts wert. Sie kann dann sogar zum Hindernis werden, weil sie uns Dinge erlaubt, für die wir gar nicht die emotionale Reife besitzen.

 

TIROLERIN: Für die Zukunft werden erlebnisorientierte Konzepte an Bedeutung gewinnen. Wie können diese authentisch kommuniziert werden?
Michael Oberhofer: Zunächst einmal: Was ist mit „Erleben“ gemeint, reden wir von Quantität oder Qualität? Wenn Erleben für möglichst viel Action steht, dafür, dass es immer weiter gehen und immer mehr geben soll, wenn es nur darum geht, ständig neue Rekorde zu brechen und noch ungewöhnlichere Angebote zu machen, dann muss die Antwort lauten: Das wird sich reduzieren. Wenn wir aber davon sprechen, etwas Tiefes, Schönes, Ehrliches zu vermitteln – ich würde sagen, zu schenken – dann ist dies die Richtung, die wir einschlagen sollen und müssen. Die wichtigste Erfahrung, die Gastfreundschaft jemandem geben kann, ist ein gutes Gefühl, ein Glücksgefühl. Das bleibt in Erinnerung, das zeichnet uns und verändert uns in manchen Fällen sogar. Was gibt es Wertvolleres als Glück, und danach: die Erinnerung an Glück? Woran denken wir im Leben wirklich zurück, an die Anzahl und den finanziellen Wert von Geschenken oder die Zuneigung, die Wertschätzung, mit der sie uns übergeben wurden? Was authentisch empfunden wird, wird übrigens im Normalfall auch authentisch kommuniziert. Und rein praktisch gedacht geben wir natürlich Tipps: keine gestellten Posen bei Fotoshootings z. B., sondern authentische Situationen darstellen.

 

TIROLERIN: Der Trend zur Entschleunigung ist klar auch in Österreich angekommen. Werden entspannte Urlaube in der Natur den österreichischen Tourismus von nun an dominieren, oder kehren wir bald wieder zurück zur Jagd nach Sehenswürdigkeiten?
Michael Oberhofer: Auch hier wiederhole ich mich ein wenig, denn ja, die Natur wird noch mehr an Bedeutung gewinnen, doch ich würde den Wert einer Sehenswürdigkeit nicht abtun, indem ich sie zu einem quantitativen Erlebnis mache. Eine Sehenswürdigkeit – vielleicht ein Museum in der Stadt, gewiss aber auch die Aussicht von einem mühsam erklommenen Berggipfel? – ist, so sagt es uns das Wort, etwas, was es wert ist, gesehen zu werden. Es hat für uns einen Wert. Einen wahren Wert hat es nur, wenn es nicht Teil einer Bucket List ist, wenn ich nicht z. B. in Wien alle Museen abklappern muss, die ich abzuhaken gedenke, damit ich danach behaupten kann, sie gesehen zu haben. Habe ich sie dann tatsächlich gesehen? Ich als Gast habe die Freiheit zu entscheiden, was ich sehen möchte und wie, in welcher Geschwindigkeit. Ist nicht etwa Wien viel schöner, erlebe ich es nicht wahrhaftiger, wenn ich es einfach in meinem ganz eigenen Rhythmus entdecke? Das Kunsthistorische Museum besuche, einen Nachmittag im Café vertrödle, Leute beobachte, herumspaziere, nach Schönbrunn rausfahre – und dann vielleicht den Prater und den Stephansdom und das Café Sacher nicht besucht habe, aber wirklich dort war? Also, Sachen einfach rasant abklappern werden wir so schnell nicht mehr. Und womöglich gar nicht mehr.

 

TIROLERIN: Der Nachhaltigkeitsbegriff war DAS Schlagwort der letzten Jahre. Hat dies die Branche auch tatsächlich nachhaltig verändert, oder wird sich dieser schnell aufgekommene Sturm auch wieder legen?
Michael Oberhofer: Ich wehre mich ein bisschen gegen den Begriff Sturm, denn Nachhaltigkeit empfinde ich als etwas sehr Ruhiges und Beruhigendes, Langsames, Tiefes. Ich bin der Überzeugung, dass dieses Bewusstsein, dass unsere Ressourcen nicht unerschöpflich sind, gekommen ist, um zu bleiben. Wenn man sich die Entwicklung der Welt so ansieht, glaube ich auch nicht, dass wir eine gangbare Alternative haben.

 

 

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© Brandnamic