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Lifestyle | 12.02.2020

Tuchfabrik und Totentanz

In der ehemaligen Ferdinand-Weyrer-Fabrik erschafft Kenneth Winkler Beats, Sounds und ganze Opern.

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(Foto: Birgit Pichler)

In den Räumlichkeiten der Weyrer-Fabrik, einer ehemaligen Stofffabrik ganz in der Nähe der Rauchmühle, lebt, musiziert und produziert Kenneth Winkler. In einem ehemaligen Architektenloft hat er sich hier sein Tonstudio „weyrerTon“ eingerichtet und umsichtig mit allem kombiniert, was das alltägliche Leben braucht – ein Wohnstudio quasi.

Historisch. Um es genau zu nehmen, ist die Weyrer-Fabrik gar nicht die Weyrer-Fabrik. Zwar wird das Gelände landläufig so bezeichnet, doch tatsächlich befindet sich Kenneth Winklers Tonstudio in der ehemaligen Lodenfabrik Foradori, während die tatsächliche Weyrer-Fabrik weiter Richtung Inn liegt. Die Lage der Anlage und des beeindruckend verwinkelten Gebäudekomplexes ist dabei nicht zufällig gewählt. Hier, am Mühlbach, entstand um die Jahrhundertwende das erste Wasserkraftwerk Tirols, das durch das Wasser des fließenden Baches das ganze Jahr über die umliegenden Betriebe mit Strom versorgen konnte.

 

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Der Wohnkubus vereint Küche mit Schlaf- und Sanitärbereich. (Foto: Birgit Pichler)

Reconquista. Der Strom aus heimischem Wasser, die Loden- und Stoffproduktion und damit auch die Arbeiterinnen und Arbeiter sind nun aber schon lange Jahrzehnte aus der Gegend verschwunden. Was geblieben ist, sind die Gebäude. Ab Ende der 1980er-Jahre kehrte das Leben allerdings zurück in die Weyrer-Fabrik. Die ehemalige Tuchfabrik wurde für ein lockeres Kollektiv an Kunst- und Kulturschaffenden zur Heimat. Dies ist sie bis heute. Lichtwerkstätten, Handwerksbetriebe, Architekturbüros, Fotostudios und eben auch Kenneth Winklers Arbeits- und Wohnbereich zeichnen ein buntes und abwechslungsreiches Bild.

 

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(Foto: Birgit Pichler)

Die unendliche Geschichte. Sein Weg an diesen außergewöhnlichen Ort war verhältnismäßig ordinär. 2010 zog er in die damals als WG geführten Räumlichkeiten ein. Als sein Mitbewohner ein Jahr später auszog, erkannte Kenneth die Möglichkeit, sich in der damals noch äußerst spartanisch eingerichteten Wohnung seinen Wunsch nach einem professionell gestalteten Tonstudio zu erfüllen. Zu dieser Zeit noch beim Tiroler Landestheater angestellt, konnte Kenneth seinen Abteilungsleiter Franz Fleischanderl dazu überreden, die technische Planung einer Aufnahmekabine und eines Regieraums zu übernehmen. Ein halbes Jahr später und mit tatkräftiger Unterstützung eines befreundeten Trockenbauers war die Rohsubstanz von weyrerTon geschaffen. Der nächste Schritt, die Technik in die Substanz einzuweben, sollte aber noch ein wenig dauern. Denn wie es wahrscheinlich jeder Kunstschaffende kennt – mit der Anschaffung, dem Nachrüsten und dem Einspielen von neuem oder zusätzlichem Equipment ist man eigentlich nie wirklich fertig.

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(Foto: Birgit Pichler)

Beats per minute. Was aber nicht bedeuten soll, dass das Studio von Kenneth Winkler nicht einsatzfähig wäre, ganz im Gegenteil! Das Kernstück der Anlage ist ein Mischpult aus Salzburger Produktion, das vom Tiroler Landestheater aufgrund fehlender Digitalunterstützung ausgemustert wurde. Zwar ist es dadurch für große Musikproduktionen in ausladenden Konzerthallen nicht mehr zeitgemäß, hier aber bildet es das verlässlich pochende Technikherz von weyrerTon. Auch die restliche Einrichtung stammt aus den Händen von Kenneth selbst. Die Küche wurde in Eigenregie errichtet um ein Stahlgerüst herum gebaut, Schlaf und Sanitärbereiche finden auf, beziehungsweise in einem raumprägenden Wohnkubus Platz.

 

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Die Ausstattung des Studios hat Kenneth Winkler komplett in Eigenregie eingerichtet. (Foto: Birgit Pichler)

Diversifikation. Im Mai 2011 konnten so schon die ersten eigenständigen Produktionen von Kenneth Winkler beginnen. Den Auftakt dazu machte er gemeinsam mit Ralf Metzler für den Singer-Songwriter Dominik Plangger. Schon bald wurden die Aufträge mehr und die Kunden prominenter. Es folgten Produktionen mit Größen wie HI5, Lilla oder Herbert Pixner. Immer mehr verschlug es Kennenth aber auch selbst in Richtung Komposition. Beginnend mit der Produktion von „Körper.Seelen“ für die Tanzcompany des Tiroler Landestheaters unter Enrique Gasa Valga eröffnete sich mit der Theatermusik eine völlig neue Spielwiese. Das Denken in und anschließende Vertonen von Bildern stellte frische Herausforderungen. Auch Filmmusik wurde bereits umgesetzt. Die Dokumentation zum ehemaligen Jugendzentrum der Marianischen Kongregation (MK) der Produktionsfirma Wildruf Film wurde von Kenneth Winkler in Zusammenarbeit mit der Innsbrucker Jazzband 
HI5 vertont.

 

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(Foto: Birgit Pichler)

As time goes by. Aber nicht nur als Produzent mischt Kenneth Winkler in der Tiroler Musikszene mit. In seinem Projekt „Kentrix“ tritt er sowohl in der Rolle des Musikers als auch als sein eigener Produzent auf. Den Faktor Zeit hat er dabei sehr zu schätzen gelernt. „Ich muss mir Zeit und so auch den nötigen Abstand nehmen, um meine beiden Rollen wahrnehmen zu können.“

Genrewechsel. Nach dem Erscheinen seines Debütalbums „Blue Light District“ zog es Kenneth Winkler aber erst einmal wieder weg vom Aufnehmen im eigenen Studio und wieder zurück zur Theaterkomposition. Auf die Produktion von „Totentanz“ folgte direkt „Faust“. Zwei Jahre lang war Winkler mit Opern beschäftigt. Ein multimediales Projekt der Tanzcompany Innsbruck in Kooperation mit dem Innsbrucker Tourismusverband und der Medienproduktion ArtFarbik brachte ihn schließlich wieder zurück in heimische Gefilde und zu den Arbeiten an einem neuen Album.

Straight and narrow. Gemessen an seinem Erstlingswerk waren die Arbeiten an „ABRIA“ bereits um einiges stabiler und leichtgängiger. Mit einem klaren Bild im Kopf und den Erfahrungen der letzten Jahre gelang es Winkler, seine Vorstellungen konsequent und innerhalb von nur einem Jahr umzusetzen. Im Herbst 2019 war „ABRIA“ bereits erhältlich.

 

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(Foto: Birgit Pichler)

Paukenschlag. Rückblickend auf seine nunmehr fast zehn Jahre als Musikschaffender und Produzent, stellt sich für Kenneth Winkler die Uraufführung von „Totentanz“ als klarer Höhepunkt heraus. „Ein Jahr lang bin ich damit am Morgen aufgestanden, habe im Studio daran geschrieben und bin direkt wieder zurück ins Bett gefallen. Da hat es einfach nichts anderes mehr gegeben außer dem Stück. Jeden Aspekt davon, egal ob musikalisch, inhaltlich oder thematisch, habe ich ständig in mir rotieren lassen. Es war ein immenser Stein, der mir vom Herzen gefallen ist, als es endlich auf der Bühne war.“

Lokomotive. Inzwischen ist „ABRIA“ erschienen, „Totentanz“ hat national und international hohe Wellen geschlagen, und Kenneth Winkler ist immer noch damit beschäftigt, sein Wohnstudio weiterzuentwickeln und an seinem Sound und dem seiner Kundinnen und Kunden zu feilen. Egal ob als Kentrix, Kenneth Winkler oder weyrerTon, die Arbeiten am Mühlbach gehen auf jeden Fall weiter.