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Lifestyle | 23.08.2019

Saint Helena - Brexit à la Napoléon

Die steilen Klippen vom Südatlantik umtost, ein wundervolles Lehrstück für Klimazonen auf engstem Raum, geschichtsträchtig und herrlich britisch!

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(Foto: Werner Thiele)

Das Handynetz funktioniert – seit 2018. Allerdings nur inselintern. Britisches Überseeterritorium hin oder her – es gibt kein Roamingabkommen mit Europa. Fernsehen gibt es seit 1995. Und der Flughafen wurde erst 2017 in Betrieb genommen. Es würde nicht verwundern, wenn das hiesige Tourismusamt bald groß mit „Digital Detox“ zivilisationsmüde Burnout-Kandidaten mit Sehnsucht nach Entschleunigung umwirbt. Angenehme „Funkstille“ ist allerdings nur ein nicht unerwünschter Nebeneffekt eines Urlaubs auf Sankt Helena.

Isoliert und einzigartig. Die britischen Medien bezeichneten den Flughafen während der Bauphase als „völlig unnötig“ – so als würden die Briten ihre knapp 4.300 Landsleute im Südatlantik am liebsten selbst vergessen. Wer weiß, womit sich die „Saints“, wie sich die Bewohner von St. Helena nennen, bei den Briten so unbeliebt gemacht haben. Vielleicht mit dem Druck ihrer eigenen Währung, dem Saint Helena Pound? Oder vielleicht mit dem landestypischen gutgelaunten Pragmatismus, der wenig mit der „stiff upper lip“ der, man möchte fast sagen, „Kontinental“-Briten zu tun hat? Hotelier Keith Yon, der Inhaber des kleinen Hotels „Blue Lantern“ in der Hauptstadt Jamestown, grinst. „Ihr könnt die Kameras ruhig im Auto lassen“, meint er. „Und den Schlüssel stecken lassen!“ Wozu? Wenn man jemandem im Weg steht, kann derjenige einfach das Auto umparken. Die Kriminalitätsrate auf St. Helena ist quasi nicht existent. Es gibt ein Gefängnis, doch die wenigen Insassen gehen tagsüber zur Arbeit und kehren nur nachts in ihre Zellen zurück. Die Motivation für eine Straftat hält sich in Grenzen – an wen der 4.300 Einwohner wollte man auch Diebesgut verhökern? Wohin fliehen auf der 15 Kilometer langen und 11 Kilometer breiten Insel, deren einzige Fluchtmöglichkeit der wöchentliche Flug nach Johannesburg oder das monatlich anlegende Containerschiff aus Cape Town darstellt?

 

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(Foto: Werner Thiele)

Britischer Charme und französisches Flair. Jamestown liegt in einem engen Tal und besteht eigentlich nur aus einer Hauptstraße. Häuser im Kolonialstil wechseln sich mit modernen Gebäuden ab. Sportlich ambitionierte Urlauber erklimmen die steile „Jacob’s Ladder“ mit ihren 699 Stufen zum Vorort Half Tree Hollow, der hoch über den Klippen liegt. Den Rekord für die 181 Höhenmeter hält ein Schotte mit fünf Minuten und 17 Sekunden – ein echter „Saint“ würde das ganze wohl gemütlicher angehen. Runter ginge es theoretisch schneller, wenn man mutig genug ist, um übers Stiegengeländer zu rutschen. Aus der Puste ist man auch, wenn man den Aufstieg gemütlich angeht, doch die Aussicht entschädigt für die Anstrengungen. Außerdem werden Sie Ihre Energie noch für die anderen Sehenswürdigkeiten auf der Insel brauchen, wie zum Beispiel die Befestigungsanlage „High Knoll Fort“, die auf einem Hügel den Atlantik überblickend thront.

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(Foto: Werner Thiele)

Einen Besuch wert ist auch Longwood House, einer der beiden Wohnorte von Napoleon Bonaparte und der Ort, an dem er am 5. Mai 1821 verstarb. Wer gemütlich durch die als Museum eingerichteten, edel dekorierten Wohnräume des verbannten französischen Kaisers spaziert, dem kräuselt sich wohl die britische „stiff upper lip“ zu einem französischen Schmunzeln: Es gibt schlimmere Exile als die edle Villa inmitten der sanften Hügel der Insel, hoch über den rauen Klippen. 
Das üppige Grün der Vegetation und die angenehm mediterrane Brise lassen wenig Mitleid aufkommen mit dem gar nicht so klein gewachsenen Franzosen. Dass nämlich Napoleon kleinwüchsig gewesen wäre, ist ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, das lediglich auf einer falschen Umrechnung der damals üblichen Maßeinheiten beruht. Nach heutigem Maßstab war Napoleon 168,5 Zentimeter groß – und überragte damit den typischen Rekruten der französischen Armee um gut sechs Zentimeter. Doch wer wird schon kleinlich sein – und wahre Größe lässt sich sowieso nicht in Zentimetern messen.

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Longwood House – eine der beiden Residenzen Napoleons. (Foto: Werner Thiele)

Abenteuer zu Wasser und zu Land. Sie erinnern sich noch an den gutgemeinten Rat mit dem Autoschlüssel im Schloss? Ähnlich gut gemeint sind die Verkehrsregeln – vorausgesetzt, Sie sind abenteuerlustig genug, um sich einen Mietwagen zu nehmen. Dass hier britischer Linksverkehr herrscht, wird Ihnen nämlich kaum auffallen – die meisten Straßen sind ohnehin nur einspurig. Aufgrund des hügeligen „Hinterlands“ der Insel führen die Straßen oft in engen Serpentinen die Hügel hinauf und hinunter. Gurtpflicht gibt es keine; mehr als 50 km/h dürften Sie auf den kleinen Straßen ohnehin nicht erreichen. Die einzige wirklich ernstzunehmende Regel ist die, dem bergauf kommenden Verkehr den Vorrang zu lassen.

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(Foto: Werner Thiele)

Wer genug von der teils an mediterrane Macchie erinnernden Vegetation, von den irisch anmutenden Landstrichen und andernorts an die an die Wüsten Mexicos erinnernde Kargheit gesehen hat, der stürzt sich in die atlantischen Fluten. Taucher haben ihre Freude an den zahlreichen Wracks. Im Hafenbecken liegt beispielsweise die 1613 von den Portugiesen versenkte holländische Brigg Witte Leeuw, der „Weiße Löwe“. Hätten die Portugiesen geahnt, dass die Laderäume des Schiffes einst (denn 1977 wurde die wertvolle Ladung geborgen) mit Ming-Porzellan in Millionenwert beladen waren, sie hätten wohl auf den Kanonenbeschuss verzichtet. Jüngeren Datums ist das Wrack des britischen Tankers RFA Darkdale, der 1941 von einem deutschen U-Boot versenkt wurde. Und wer ganz viel Glück hat, erlebt ein Naturschauspiel, nach dem sich auch erfahrene Taucher sehnen: Schnorcheln mit Walhaien. Der Rekord von 2019 liegt bei 27 (!) Walhaien gleichzeitig, erzählt Craig Yon, der Betreiber der hiesigen Tauchbasis. Craig liebt seine Walhaie und führt genau Buch über sie. Der Name kommt ihnen bekannt vor? Sein Bruder gab uns den Tipp mit dem Auto. Ich sagte ja: Hier kennt jeder jeden. Und das gilt auch für die Walhaie.